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Drastische Einbußen : Warum die Corona-Krise auch den Vatikan hart trifft

Katholische Ordensfrauen am Montag auf dem Petersplatz Bild: dpa

Der Vatikan ist mit einem Dutzend gemeldeter Corona-Fälle zwar halbwegs glimpflich davongekommen. Aber die finanziellen Einbußen infolge der Pandemie sind dramatisch. Auf einen Rettungsschirm oder Kredit kann der Vatikan nicht hoffen.

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          Mit einem Dutzend gemeldeter Corona-Fälle ist der Vatikan bislang halbwegs glimpflich davongekommen. Wie groß der spirituelle Schaden ist, den die Corona-Pandemie anrichtet, kann man auch hier nur erahnen. Zumindest grob beziffern lassen sich jedoch schon jetzt die finanziellen Einbußen für den Vatikan – und die haben ein Ausmaß, das jeden Finanzminister eines gewöhnlichen Staates in Alarmzustand versetzen würde. Selbst nach den optimistischsten Schätzungen sinken die Einnahmen des Heiligen Stuhls infolge der Pandemie um ein Viertel, nach den pessimistischsten sogar um 45 Prozent, wie in diesen Tagen der oberste Verantwortliche für die vatikanischen Finanzen, Juan Antonio Guerrero Alves, berichtete.

          Thomas Jansen

          Redakteur in der Politik.

          Die beträchtlichen Mindereinnahmen erklären sich vor allem durch die ungewöhnlichen Einnahmequellen des päpstlichen Kleinstaates. Er erhebt keine Steuern und ist wohl das einzige Land auf der Erde, das zu einem guten Teil von seinen Museen und von Spenden lebt. Die Vatikanischen Museen, die jährlich mehr als fünf Millionen Besucher anziehen, sind jedoch seit dem 8. März geschlossen. Und auch nach einer etwaigen Öffnung in den kommenden Monaten dürfte die Zahl der Besucher überschaubar bleiben, die sich um die Laokoon-Gruppe scharen. Nach den letzten offiziellen Zahlen, die allerdings schon rund zehn Jahre alt sind, erwirtschafteten die Vatikanischen Museen einen jährlichen Überschuss von rund 100 Millionen Euro. Allein der Schaden, der jetzt durch die gut zweimonatige Schließung entstanden ist, soll sich auf 24 Millionen Euro belaufen.

          Ein Haushalt wie ein deutsches Bistum

          Auch die Spenden lassen in diesem Jahr zumindest vorerst auf sich warten: Aufgrund der Corona-Pandemie hat der Vatikan die weltweite Peterspfennig-Kollekte vom 29. Juni auf den 4. Oktober verlegt, ein symbolträchtiger Ausweichtermin: statt am Hochfest der Apostel Petrus und Paulus wird nun am Gedenktag des heiligen Franz von Assisi in den Gottesdiensten Geld gesammelt, dem Prediger der Armut. Zuletzt flossen dem Vatikan jährlich zwischen 50 und gut 60 Millionen durch den Peterspfennig zu. Ob die Katholiken im Oktober ebenso spendenfreudig wie in den Vorjahren sein werden, ist nach Einschätzung Guerreros ungewiss. Auch die Einnahmen aus dem umfangreichen vatikanischen Immobilienbesitz fallen in diesem Jahr geringer aus, weil der Vatikan Mieter, die ihre Miete infolge der Pandemie nicht bezahlen können, nicht vor die Tür setzt.

          Insgesamt sind die Summen, um die es geht, im Vergleich zu anderen Staaten gering: Der Heilige Stuhl, das Leitungsorgan der Weltkirche, hat seit 2016 jährlich rund 320 Millionen Euro ausgegeben, wie Guerrero mitteilte. Das sei weniger als der Haushalt einer amerikanischen Universität – und es ist auch weniger, als ein großes deutsches Bistum jährlich ausgibt. Selbst dann, wenn man noch den separat geführten Haushalt des Vatikanstaats dazurechnet, der auf 150 bis 200 Millionen Euro geschätzt wird.

          Doch der Vatikan hat insgesamt rund 4600 Angestellte, die bezahlt werden müssen und die den Betrieb der zentralen Schaltstelle der katholischen Weltkirche gewährleisten. Deren monatliche – steuerfreie – Grundgehälter liegen zwischen 1950 und 3650 Euro und fallen damit sehr moderat aus. Aber schon diese Summen machen dem Vatikan jetzt zu schaffen: Befristete Arbeitsverträge sollen nicht mehr verlängert und Neueinstellungen vorerst gestoppt werden, heißt es in einem internen Schreiben, aus dem die römische Zeitung „Il Messaggero“ zitierte.

          Kein Rettungsschirm in Sicht

          Die Einbußen treffen den Vatikan umso schwerer, als er auch schon vor der Corona-Pandemie vor allem durch Misswirtschaft tief in die roten Zahlen geraten war. Was Indiskretionen bislang nur erahnen ließen, hat Guerrero nun bestätigt: Das Defizit des Heiligen Stuhls hat in den vergangenen vier Jahren jeweils rund 50 Millionen Euro betragen, also annähernd ein Sechstel des Haushaltsvolumens des Heiligen Stuhls. Auf einen Rettungsschirm finanzieller Natur oder Kredite kann der Vatikan nicht hoffen. Er ist weder Mitglied der EU noch des Weltwährungsfonds oder der Weltbank. Aber im Vatikan sind nicht nur die relativen finanziellen Einbußen besonders hoch, auch die Gelassenheit im Umgang damit ist es.

          Ein Bankrott stehe dem Vatikan nicht bevor, versichert Guerrero. Und auch das Defizit scheint den Jesuiten und Präfekten des vatikanischen Wirtschaftssekretariats nicht sonderlich zu beunruhigen. Er sagt: „Unser Haushalt muss ein Haushalt der Mission sein.“

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