https://www.faz.net/-gpf-7mp1e

Vatikan : Gänswein in der Sackgasse

  • -Aktualisiert am

Vertrauen in Tebartz: Georg Gänswein Bild: picture alliance / ROPI

Seit Benedikt XVI. zurückgetreten ist, stockt die Karriere seines einstigen ersten Sekretärs. Der neue Papst Franziskus redet lieber mit anderen.

          4 Min.

          In Deutschland gilt Erzbischof Georg Gänswein, der Präfekt des Päpstlichen Haushalts, bei vielen Katholiken als der konservative Intrigant, der in den letzten Monaten in seiner angeblichen Schlüsselstellung zwischen zwei Päpsten versucht hat, Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst den Weg zurück nach Limburg zu ebnen. Tatsächlich aber dient Gänswein jeden Tag um einige Stunden länger dem alten Papst, der keinen Einfluss mehr nehmen will, als dem Nachfolger Franziskus, bei dem Gänswein nur Organisator ist. Der Einfluss des 1956 bei Waldshut geborenen Gänswein ist beschränkt.

          Wenn er im Gespräch mit der F.A.S. sagt, dass es die „ursprüngliche Aufgabe eines jeden Bischofs“ sei, „ein Bistum zu leiten und bei den Gläubigen zu sein“, dann klingt der Wunsch nach einer neuen Aufgabe durch. Doch Gänswein meint auch, dass ihn wohl kein Bistum haben wolle: „Wenn auf einer Liste der Domkapitel mein Name stünde, würden wohl andere den Vorzug bekommen“, sagte er jüngst der „Mittelbayerischen Zeitung“.

          Gänsweins Haare sind schütter geworden. Seine Augen strahlen zwar noch heiter, und er kann nach Monaten der Enttäuschung über Benedikts Abschied wieder lachen. Doch Gänswein hat Kummer; er ist zu sehr beschäftigt, um etwas für sich selbst tun zu können. Sein Leben, das aus Politik und Macht bestand, tritt in Routine auf der Stelle. Da war die Causa Limburg eine Abwechslung, und Gänswein konnte aus dem Schatten treten, als er zum Beispiel im Oktober vor dem Gästehaus vorfuhr, in dem Tebartz-van Elst abgestiegen war, um ihm Papiere für die Audienz beim Papst zu bringen. Später sagte Gänswein, er habe nur als Briefträger den Passierschein für den Vatikan gebracht. Aber er tat mehr und ließ bei Besuchen in der Heimat kaum ein Mikrofon aus, um zum Beispiel der „Mittelbayerischen Zeitung“ zu sagen, er „glaube sehr wohl“, dass die Vorwürfe wegen „Geldverschwendung, Nichtkommunikation und Überspringung von Kontrollorganen zugunsten des Bischofs“ ausgeräumt werden würden.

          Der Zweite ist nun der Erste

          Warum Gänswein so viel Vertrauen in Tebartz-van Elst hat, verschweigt er. Im Gespräch will er zum Fall Limburg nur wenig sagen: Man solle nun endlich geduldig auf das Ergebnis der Untersuchungskommission warten. Gänswein ist nicht der Einzige in Rom, dem Tebartz-van Elst gern sein Herz ausschüttet. Da ist zum Beispiel noch Gerhard Ludwig Müller, der Präfekt der Glaubenskongregation, der am Samstag mit weiteren 18 Bischöfen zum Kardinal erhoben wurde. Müller und Gänswein haben die Presse kritisiert, die in ihren Augen den Bischof hetzt. Beide hatten Mitleid. Sie wollten dem Mann helfen, der theologisch genauso denkt wie sie selbst, aber der sein Bistum, das der Vorgänger Franz Kamphaus ihrer Meinung nach in die Irre geleitet hatte, nicht in Frieden vom „Sonderweg“ auf den rechten Pfad zu führen verstand.

          Doch Müller unterscheidet etwas Wichtiges von Gänswein: Der neue Kardinal gehört zu den engsten Beratern des Papstes. Jetzt würdigte ihn Franziskus auch noch durch ein langes Vorwort, das der Argentinier dem neuen Werk Müllers über die Armut als „Herausforderung für den Glauben“ voransetzte. Müller schreibt darin über die Erfahrungen aus seiner Zeit in Südamerika. Während der Papst den Kardinal als Dogmatiker schätzt und über Inhalte mit ihm vielleicht auch streitet, ist Gänswein für Franziskus nur Zeremonienmeister. Offiziell ist er für die „Dienste im Empfangsbereich“ und die Organisation feierlicher Audienzen zuständig, „die Seine Heiligkeit der Papst Staatsoberhäuptern, Regierungschefs, Ministern und anderen herausragenden Persönlichkeiten gewährt“. Gänswein lässt auch die Generalaudienzen und Reisen innerhalb Italiens organisieren.

          Gerade einmal drei Stunden an einem normalen Arbeitstag ist Gänswein mit jenen offiziellen Auftritten von Franziskus befasst, die der Papst in den von ihm ungeliebten Loggien des Apostolischen Palasts abspulen muss. Um 10.15 Uhr trifft Gänswein in der Regel Franziskus im Damasushof, wo am 28. Februar des vergangenen Jahres Benedikt XVI. etwa drei Stunden vor Ablauf seiner Amtszeit Abschied nahm, um zum Hubschrauber gefahren und nach Castel Gandolfo geflogen zu werden. Damals weinte Gänswein. Vom Damasushof geleitet er Franziskus heute fast täglich in die barocken Empfangssäle der zweiten Loggia oder in die päpstliche Bibliothek in der dritten Etage für die Audienzen von Staatsgästen unter vier Augen. Schon um 13.15 Uhr fährt der Papst zum Mittagbrot ins Gästehaus zurück und trifft dort nach einer Mittagspause - wie schon am frühen Morgen - die wichtigsten Präfekten der Kongregationen in allwöchentlichen Audienzen. Wenn es um kirchliche Angelegenheiten geht, ist Gänswein mithin in der Regel nicht dabei. Als die Kardinäle jetzt über das Institut für Religiöse Werke, die Vatikanbank und die Familienethik berieten und der Papst verhindert war, hörte Privatsekretär Alfred Xuereb zu. Der maltesische Geistliche, einst zweiter Sekretär hinter Gänswein, ist nun bei Franziskus der erste.

          Franziskus hört nicht auf Gänswein

          Gänswein berichtet gerne, dass ihm mittlerweile die Arbeit mit Franziskus Freude bereite. Terminliche Absprachen gingen nicht mehr daneben wie früher, als Franziskus häufiger spontan zum Hörer griff und Gespräche telefonisch vorab erledigte. Gänswein erzählt, wie man mit Franziskus lachen könne. Man kann heraushören, dass Gänswein die lebensvolle, bisweilen polternde Art des neuen Papstes gefällt, der guten Wein und gutes Essen nicht verschmäht. Aber Gänswein sitzt am kargeren deutschen Professorentisch von Joseph Ratzinger, der nun mal eine Vorliebe für süße Getränke und schlechten Kaffee hat. Der Erzbischof wohnt bei Benedikt im Kloster im Vatikanischen Garten und teilt so das klösterliche Leben, zu dem sich Benedikt zurückzog, um seinem Nachfolger freie Bahn zu lassen. Der 57 Jahre alte Gänswein dient seinem 86 Jahre alten Chef und ist dabei alles vom Messdiener, Postboten und Gesellschafter bis hin zum Pfleger.

          So aber würde es Gänswein nie formulieren. Er fühle sich gegenüber Benedikt XVI. „in Treue verbunden“, sagt er, „aus menschlichen und persönlichen Gründen“. Er verehre diesen Mann, dem er viel verdanke. Gänswein war das zweite Gesicht eines Episkopats, Schlüssel zum ersten Mann der Kirche. Benedikt sah die Notwendigkeit zum Rücktritt und ging diesen Weg; Gänswein hätte es gerne anders gesehen.

          Gegenwärtig beginnt sein Dienst morgens als Konzelebrant in der Klosterkapelle. Er teilt die Besucher ein, die in zwei Takten und zu kurzen Visiten am späten Vormittag und späten Nachmittag vorgelassen werden. Dann sprudle der alte Papst mit Witz wie in alten Tagen; aber er werde schnell müde. An eine wissenschaftliche Arbeit sei nicht mehr zu denken, sagt Gänswein. Benedikt sehe seine dreibändige Jesus-Biographie als Vermächtnis für die Gläubigen, denn ihnen Jesus nahezubringen sei ihm wohl wichtigste Aufgabe gewesen. Nach dem Mittagessen gebe es einen kleinen Verdauungsspaziergang. Gänswein macht vor, wie der gealterte Papst behutsam einen Schritt vor den anderen setzt. Nach der Mittagsruhe vor dem Tee komme noch ein etwas längerer Spaziergang mit dem Rosenkranz. Da unterbricht Gänswein die Schilderung vom alten Papst, betastet einen Moment lang sein neues silbernen Brustkreuz und flicht ein, dass er Franziskus geraten habe, sich auch in den Gärten Bewegung zu verschaffen. Dann käme es häufiger zu Treffen zwischen den Päpsten. Doch Franziskus geht ungern und hört nicht auf Gänswein.

          Der alte Papst, so Gänswein, sitze, wenn er aus der frischen Luft zurück sei, länger als früher am Fenster und lese genüsslich die Zeitung, wenn die Sonne ins Zimmer scheint. Gänswein findet, dass dieses Bild von Sonne und Frieden passe; denn jetzt könne Benedikt nach so viel harter Pflicht und Arbeit doch noch den Lebensabend genießen. Und Gänswein selbst?

          Weitere Themen

          Türkei fordert Beistand der Nato Video-Seite öffnen

          Eskalation im Syrien-Konflikt : Türkei fordert Beistand der Nato

          Im sich zuspitzenden Konflikt um die umkämpfte syrische Provinz Idlib hat die Türkei internationale Hilfe angefordert - und mit einer Öffnung der Grenzen zur EU für Flüchtlinge gedroht. Bei syrischen Luftangriffen waren 33 türkische Soldaten getötet worden.

          Angesteckt, kerngesund, geimpft

          F.A.Z.-Hauptwache : Angesteckt, kerngesund, geimpft

          Hausärzte empfehlen, bei Verdacht einer Coronavirus-Infektion lieber anzurufen, als vorbeizukommen. Von Montag an gilt die Masern-Impfpflicht für Schulen und Kitas. Das und was sonst noch wichtig ist in Rhein-Main, steht in der F.A.Z.-Hauptwache.

          Topmeldungen

          Syrienkonflikt : Drohungen nach allen Seiten

          Der Angriff auf türkische Soldaten mit 33 Toten verschärft drastisch die Spannungen zwischen der Türkei und Russland in Syrien. Bevor es zu einer direkten militärischen Konfrontation zwischen beiden Ländern kommt, stehen ihnen aber noch andere Instrumente zur Verfügung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.