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Vatikan : Angelo Becciu gibt nach Finanzskandal Kardinalsrechte ab

Kardinal Becciu im Juni 2018 Bild: AFP

Ein riskantes Immobiliengeschäft kostet einen der mächtigsten Männer im Vatikan sein Amt: Papst Franziskus nimmt den Rücktritt von Kardinal Angelo Becciu vom Amt des Präfekten der Heiligsprechungskongregation an sowie dessen Verzicht auf „die Rechte im Zusammenhang mit seiner Kardinalswürde“.

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          Der Finanzskandal um ein riskantes Immobiliengeschäft in London hat einen der mächtigsten Männer im Vatikan sein Amt und seine Rechte als Kardinal gekostet. In einer dürren Mitteilung von drei Zeilen Länge teilte das Presseamt des Heiligen Stuhls am Donnerstagabend mit, dass Papst Franziskus den Rücktritt von Kardinal Angelo Becciu vom Amt des Präfekten der Heiligsprechungskongregation sowie dessen Verzicht auf „die Rechte im Zusammenhang mit seiner Kardinalswürde“ angenommen habe. Begründet wurde der außergewöhnliche Vorgang offiziell nicht.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Der 72 Jahre alte Sarde war 2018 von Papst Franziskus zum Kurienkardinal erhoben und zum Präfekten der Heiligsprechungskongregation ernannt worden. Im Mai 2011 hatte Papst Benedikt XVI. den aus Sassari auf Sardinien stammenden Becciu zum Substituten im Staatssekretariat ernannt. Franziskus bestätigte nach seiner Papstwahl vom März 2013 Becciu in dem Amt, das mit dem eines Stabs- oder Kabinettschef in einer weltlichen Regierung zu vergleichen ist. Der Substitut verantwortet die täglichen Amtsgeschäfte des Vatikans und genießt als einziger der ranghohen Mitarbeiter im Vatikan das Recht, den Papst jederzeit und ohne vorherige Anmeldung zu sprechen. 2017 beauftragte Franziskus außerdem, den Macht- und Weltanschauungskampf innerhalb des Malteserordens zu schlichten. Beim Konsistorium vom Mai 2018 ernannte der Papst Becciu zum Kardinal und machte ihn Anfang September 2018 zum Nachfolger von Kardinal Angelo Amato zum Präfekten der Heiligsprechungskongregation, der dieses Amt zehn Jahre lang bekleidet hatte.

          Gut 300 Millionen Euro in eine Immobilie investiert

          Hintergrund des Sturzes von Kardinal Becciu ist der Skandal um den Erwerb eines Gebäudes an der Sloane Avenue 60 im Londoner Stadtteil Chelsea. Im Februar 2014, also währen der Amtszeit Beccius als Substitut, erwarb das Staatssekretariat des Heiligen Stuhls Anteile an dem auf Malta registrierten „Athena Capital Global Opportunities Fund“ im Wert von gut 200 Millionen Dollar. Miteigentümer des Investmentfonds war der italienische Banker Raffaele Mincione, der über beste Beziehungen zum Staatssekretariat verfügte. Das investierte Geld stammte aus eigenen Mitteln des Vatikans, allein im Umfang von 100 bis 150 Millionen Euro aus dem sogenannten Peterspfennig. Den spenden Gläubige in aller Welt am 29. Juni, dem Hochfest der Apostel Paulus und Petrus, zur Unterstützung der karitativen und apostolischen Arbeit des Papstes. Weitere Mittel für die Investition lieh sich das Staatssekretariat von Schweizer Banken, als Sicherheit wurden Immobilien verpfändet.

          Mincione und sein Fonds erwarben mit den Einlagen des Vatikans zunächst 45 Prozent Eigentumsanteile des einstigen Lagerhauses der exklusiven Warenhauskette Harrods. In dem Gebäude sollen nach einer aufwendigen Modernisierung Luxusapartments entstehen. Zugleich kassierte Mincione binnen weniger Jahre bis zu 60 Millionen Euro an Fonds- und Vermittlungsgebühren. Nach und nach erwarb der Vatikan, offenbar zu weit überzogenen Preisen, immer mehr Anteile an dem Gebäude. Gut 300 Millionen Euro soll der Vatikan inzwischen in die Immobilie investiert und dabei bisher hohe Verluste erlitten haben. Im Zusammenhang mit Ermittlungen zu dem Londoner Investitionsskandal waren Anfang Oktober 2019 zahlreiche Büros im Staatssekretariat und in der Finanzaufsicht des Vatikans durchsucht worden. Bisher hat die Gerichtsbarkeit des Vatikans noch keine Anklage im Zusammenhang mit dem Finanzskandal erhoben. Papst Franziskus hatte bisher lediglich konzediert, dass im Zusammenhang mit dem Projekt an der Sloane Avenue 60 „hässliche Dinge“ geschehen seien. Grundsätzlich verteidigte er aber die Investitionsstrategie des Staatssekretariats mit dem Argument, man könne sein Geld nicht einfach „in die Schublade stecken“, sondern müsse es „gut verwalten, gut anlegen“.

          Zuletzt hatte 2015 der schottische Kardinal Keith O’Brien wegen einer Serie von Sexualdelikten auf seine Rechte als Kardinal verzichtet, behielt aber formal seinen Titel als Kardinal. Ähnlich liegt nun der Fall Becciu, der seinen Kardinalstitel behält, aber auf die damit verbundenen Rechte verzichtet, etwa die Teilnahme am Konklave zur Wahl eines neuen Papstes. Auf eine Anfrage der italienischen Nachrichtenagentur Ansa nach dem Grund für seine Demission antwortete Becciu: „Ich ziehe es vor zu schweigen.“ Im Juli 2018 hatte der amerikanische Kardinal Theodore McCarrick, dem jahrzehntelange sexuelle Übergriffe auf Schutzbefohlene vorgeworfen wurden, seinen Rücktritt aus dem Kardinalskollegium verkündet. Im Februar 2019 wurde McCarrick von Papst Franziskus in den Laienstand versetzt. Becciu ist der ranghöchste Kurienmitarbeiter, der wegen eines Finanzskandals seine Ämter beim Heiligen Stuhl verliert. Politisch verantwortlich für den Casus der Londoner Immobilie ist der seit 2013 amtierende Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, der als einer der engsten Verbündeten von Papst Franziskus gilt. Mit der Demission Beccius konnte Parolin die Schuld an dem Finanzskandal auf seinen langjährigen Untergebenen im Staatssekretariat abwälzen.

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