https://www.faz.net/-gpf-rewn

Usbekistan : Verschwörungstheorien

Für die einen ein Massaker, für die anderen Kampf gegen den Terror Bild: picture-alliance/ dpa

Die Niederschlagung des Aufstands in Andischan entzweite die ehemaligen Verbündeten Usbekistan und Amerika. Jetzt verlassen die amerikanischen Soldaten die Republik, und das usbekische Regime verweigert sich einer Untersuchung des Massakers.

          4 Min.

          Lange vor Ablauf der Halbjahresfrist, die ihnen gegeben worden ist, haben die letzten amerikanischen Soldaten am Montag den Stützpunkt Karschi-Chanabad in Usbekistan verlassen.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Am Anfang wie am Ende des vier Jahre dauernden Aufenthalts amerikanischer Truppen in dem zentralasiatischen Land steht ein Kampf gegen den Terror - in verschiedenen Interpretationen. Usbekistan ist nach dem 11. September 2001 zum Verbündeten Amerikas geworden, weil sein Territorium für den Krieg gegen die Taliban im benachbarten Afghanistan benötigt wurde.

          Rauswurf als Antwort

          Die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Taschkent und Washington endeten nach dem 13. Mai dieses Jahres, an dem usbekische Sicherheitskräfte bei der Niederschlagung eines Aufstands in der ostusbekischen Stadt Andischan mehr als 700 Menschen - die meisten von ihnen friedliche Demonstranten - töteten.

          Aus Sicht des usbekischen Regimes handelte es sich dabei um eine erfolgreiche Aktion gegen islamistische Terroristen, bei der 187 Personen ums Leben gekommen seien, in der Mehrzahl Soldaten und bewaffnete Aufständische.

          Die Vereinigten Staaten forderten - wie auch die EU - eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle. Der Hinauswurf der amerikanischen Soldaten Ende Juli war die Antwort des usbekischen Präsidenten Islam Karimow darauf, daß diese Forderung aus Washington mit großer Hartnäckigkeit vorgetragen wurde.

          Beobachter sprechen von Schauprozessen

          Die Machthaber in Taschkent arbeiten seit Mai an ihrer eigenen Version der Ereignisse, die nun in einer Serie von Prozessen gegen die Aufrührer von Andischan in amtliche Form gegossen wird. Das erste dieser Verfahren vor dem Obersten Gericht in Taschkent ging vergangene Woche mit der Verurteilung von 15 Angeklagten zu Haftstrafen zwischen 14 und 20 Jahren zu Ende.

          Weitere Prozesse mit insgesamt 106 Angeklagten folgen. Der Verlauf des ersten Verfahrens macht wenig Hoffnung, daß die weiteren Prozesse etwas zur Klärung der Frage beitragen werden, was in Andischan wirklich geschehen ist.

          Die wenigen zugelassenen internationalen Beobachter fühlten sich an stalinistische Schauprozesse erinnert: Die Angeklagten bekannten sich gleich zu Beginn in allen Punkten schuldig und baten Präsident Karimow um Verzeihung für ihre Taten. Als die Vermutung aufkam, diese Geständnisse könnten durch Folter erzwungen worden sein, traten die Angeklagten dem im Gerichtssaal entgegen.

          Repressionen gegen Angehörige und Journalisten

          Bewiesen werden können die Foltervorwürfe nicht, denn niemand, auch nicht die von Verwandten bestellten Anwälte, hatte ungehinderten Zugang zu den Angeklagten. Aus der Luft gegriffen sind sie dennoch nicht.

          Die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ hat in einem im September erschienenen Bericht ausführlich dokumentiert, wie die Sicherheitskräfte in Andischan nach der Niederschlagung des Aufruhrs mit vermutlich weit mehr als tausend willkürlichen Verhaftungen, Drohungen und Mißhandlungen von Teilnehmern der Demonstration vom 13. Mai und Zeugen der Vorfälle Aussagen erpreßten, welche die offizielle Version der Ereignisse stützen.

          Druck haben die Behörden auch auf die in Usbekistan gebliebenen Verwandten jener ausgeübt, die nach dem Massaker nach Kirgistan geflohen sind - sie sollten die Flüchtlinge zur Rückkehr bewegen. Besonderen Repressionen sind seit dem Aufstand alle ausgesetzt, die andere Versionen als die offizielle des islamistischen Aufstands verbreiten: Menschenrechtler und Journalisten.

          Weitere Themen

          Trump kritisiert Kreditvergabe an China

          Weltbank : Trump kritisiert Kreditvergabe an China

          Der Präsident der Vereinigten Staaten kritisiert die Entscheidung der Weltbank, China milliardenschwere Kredite zu genehmigen. Das Geld soll in China unter anderem in umweltfreundliches Wirtschaftswachstum investiert werden.

          Keine Revolution Video-Seite öffnen

          SPD-Parteitag : Keine Revolution

          Wird das Duo Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans die SPD in eine erfolgreichere Zukunft führen? Daran kann man einige Zweifel haben, kommentiert F.A.Z.-Redakteurin Mona Jaeger.

          Topmeldungen

          Individuelle Mobilität : Ein Lob auf das Auto

          Einst galt das Auto als des Deutschen liebstes Kind, jetzt tut mancher so, als trage es die alleinige Schuld am Weltuntergang. Die überwältigende Mehrheit der Bürger aber will und kann nicht auf das Auto verzichten.
          Kohle-Renaissance in China: Aus den Kühltürmen eines Kohlekraftwerks in Zhangjiakou steigt Wasserdampf auf.

          China, die EU und Amerika : Gegensätzlicher könnte Klimapolitik kaum sein

          Während die Europäer auf Klimaneutralität drängen, erlebt die Kohle in China eine Renaissance. In Amerika macht zumindest eine Entwicklung – etwas – mehr Hoffnung. Unsere Korrespondenten berichten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.