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Usbekistan : „Die Wut in Usbekistan wird sich bald entladen“

  • -Aktualisiert am

Usbekische Flüchtlinge in Kirgisien Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Kabuldschan Parpijew, verfolgter Anführer des Aufstands von Andischan, spricht mit der F.A.Z. über die Lage in Usbekistan unter Präsident Karimow. Schon bald, sagt Parpijew, könnte es zu einem Blutbad kommen.

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          Die Wut der Menschen in Andischan sei kaum noch zu bändigen, die Totenstille in der Stadt täusche, sagt Kabuldschan Parpijew. Noch säßen die Menschen zwar verängstigt in ihren Häusern, vom Staatssicherheitsdienst, der Miliz und entsicherten Gewehren in Schach gehalten.

          Aber die Wahrscheinlichkeit sei sehr groß, daß sich der Haß auf das Regime des usbekischen Präsidenten Karimow, dessen Sicherheitskräfte Mitte Mai bei der Niederschlagung eines Aufstands in der Stadt im Osten Usbekistans Hunderte unschuldiger Menschen getötet haben, bald entlade und in ein Blutbad münde.

          Nicht nur in Andischan würden die Menschen sich dann erheben. Das ganze Ferganatal werde in Brand geraten, ein Bürgerkrieg in Usbekistan sei dann nicht mehr abzuwenden. Denn dieses Regime sei nicht mehr zu ertragen. Parpijew weiß, wovon er spricht. Der schmächtige Mann mit dem graumelierten Haar und dem Schnauzbart war einer der Führer des Aufstands in Andischan am 13. Mai. Fünf Tage nach den Ereignissen nannte der usbekische Innenminister Sakir Almatow ihn als Rädelsführer, der aber leider entkommen sei. Es war Parpijew gelungen, in das Nachbarland Kirgistan zu fliehen.

          Ein Funke genügt zum Aufstand

          Der etwa vierzig Jahre alte Ingenieur wird vom usbekischen Geheimdienst gejagt, und auch wenn ihn der kirgisische Sicherheitsdienst zu fassen bekäme, wäre sein Schicksal wohl ebenfalls besiegelt. Aber Parpijew hat den Vorteil, daß er als Usbeke im Süden Kirgistans nicht auffällt, denn die Usbeken stellen hier in vielen Orten die Mehrheit der Bevölkerung. Überdies wird er von unsichtbaren Helfern beschützt. Bis zum Monatsende sei noch Zeit, sagt Parpijew. Wenn es die Staatengemeinschaft bis dahin nicht schaffe, das usbekische Regime dazu zu bringen, einer internationale Untersuchung des Massenmords in Andischan zuzustimmen, dann müsse darüber nachgedacht werden, wie man Präsident Islam Karimow das Schwert aus der Hand schlagen könne, das er gegen das eigene Volk führe.

          Daß bei einem Aufstand im Ferganatal ein zentralasiatischer Flächenbrand drohen würde, muß Parpijew nicht hinzufügen. Die jüngere Geschichte des Ferganatals, das zwischen Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan geteilt ist, hat bewiesen, daß dort ein Funke genügen kann. In Andischan, berichtet, Parpijew, seien die Menschen in ihrer Not am 13. Mai schließlich mit bloßen Händen auf Soldaten losgegangen, um ihnen die Waffen abzunehmen, aus denen auf die unbewaffnete Menge geschossen wurde. Das werde wieder so kommen, wenn Karimow nicht einlenke. Das ganze Volk könne man nicht einfach abschießen.

          Granate als „Beweis“ untergeschoben

          Die Begegnung mit Parpijew, der vieles weiß, was die internationale Öffentlichkeit erfahren soll, gleicht einem Hindernislauf: Fahren Sie zu dieser Straße, halten Sie vor der Moschee, fahren Sie weiter, ich melde mich dann. Die Befehle kommen über ein Mobiltelefon, und mit einemmal sitzt Parpijew im Auto und beginnt seine Geschichte. Viele Menschen in Usbekistan und im ganzen Ferganatal kennen sie in den Grundzügen, denn seit Parpijew vor sieben Jahren verhaftet wurde, ist er ein bekannter Mann. Er sei ein Freund des Akram Judaschew, der ebenfalls festgenommen worden war, habe man ihm erklärt, berichtet Parpijew. Um die Anklage wasserdicht zu machen, sei ihm eine Granate untergeschoben worden. Das reichte aus, um ihn für drei Jahre hinter Gitter zu bringen.

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