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Vorwahlkampf der Demokraten : Amerika sucht den Politikstar

Der ehemalige Vizepräsident Joe Biden bei einem Wahlkampfauftritt in Keene, New Hampshire Bild: AP

Das Hauptfeld der demokratischen Bewerber um die amerikanische Präsidentschaft bleibt stabil. Vor der Fernsehdebatte Mitte September liegt Joe Biden vorn – hinter ihm arbeitet sich seine wichtigste Konkurrentin nach vorne.

          3 Min.

          Kirsten Gillibrand will nicht mehr amerikanische Präsidentin werden. Der Grund sind die Teilnahmebedingungen für die nächste Fernsehdebatte der Demokraten in Amerika. Um Mitte September in Houston auf der Bühne zu stehen, müssen Bewerber in vier nationalen Umfragen mindestens bei zwei Prozent liegen. Gillibrand, die Senatorin aus New York, liegt darunter. Sie wäre also nicht dabei gewesen. Ohne die Bühne in Texas aber, so sagten es ihre Mitarbeiter, habe sie keine Chance. Gillibrand zog die Konsequenzen und schied aus den Vorwahlen aus.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Vor Gillibrand hatten dies schon drei weitere Bewerber getan, darunter ein Gouverneur aus dem Bundesstaat Washington und ein ehemaliger Gouverneur aus Colorado. Noch ist es nicht offiziell, aber es sieht so aus, als hätten sich nur zehn Kandidaten qualifiziert, was die Debatte erstmals auf einen Abend beschränken würde. Einige derjenigen, die in Houston nicht dabei sein werden, geloben nun weiterzukämpfen und kritisieren das Auswahlverfahren. Andere werden wohl schon bald wie Gillibrand aufgeben.

          Das Scheitern der Senatorin zeigt die problematische Dynamik innerhalb der Demokratischen Partei: Einst war Gillibrand eine zentristische Politikerin. Doch der „progressive“ Trend in den Vorfeldorganisationen der Partei und ihren Unterstützerzirkeln, der die Echokammern der sozialen Medien bestimmt, hatte die als Frauenpolitikerin bekannte Gillibrand nach links rücken lassen. Genauso wie es Kamala Harris, die Senatorin aus Kalifornien, getan hat. Das Problem: Auf der Linken dominieren Bernie Sanders und Elizabeth Warren. Zudem bezeichnet sich die große Mehrheit der Anhänger der Demokraten nicht als „progressiv“, sondern als „liberal“. Gillibrand scheiterte daran, dass sie den linken Mittelbau der Partei umwarb und dabei den liberalen Unterbau vernachlässigte. Auch wirkte ihr Verhalten auf viele Demokraten allzu taktisch.

          Ab und zu gelingt Biden eine Pointe

          Joe Biden, der von Gillibrand wegen angeblich antiquierter Vorstellungen über das Geschlechterverhältnis kritisiert worden war, versetzte ihr, rückblickend betrachtet, gleichsam den Todesstoß: Bei der vorherigen Fernsehdebatte in Detroit im Juli erinnerte der frühere Vizepräsident daran, dass Gillibrand ihn im vergangenen Senatorenwahlkampf noch um Unterstützung gebeten habe. Und nun sei er ein altbackener Chauvi? „Was ist passiert“, fragte er, „außer dass du Präsidentin werden willst?“

          Bekommt immer mehr mediale Aufmerksamkeit: Elizabeth Warren bei einem Wahlkampftermin in Sioux City, Iowa

          Für Biden sind Fernsehdebatten eigentlich eine Herausforderung. Er neigt dazu, sich zu verhaspeln und seine Sätze nicht richtig zu beenden. Doch ab und zu gelingt ihm eine Pointe. Auch Harris, die ihn wegen seiner früheren Positionen in der Rassenpolitik angriff, erlebte Niederlagen: Ihre gesundheitspolitischen Forderungen seien unfinanzierbar. Harris hat inzwischen ihren Kurs korrigiert und will private Krankenversicherer nun mehr Freiraum lassen. Biden kann auch dies als Sieg verbuchen.

          Das Hauptfeld der Bewerber stellt sich recht stabil dar: der frühere Vizepräsident führt mit deutlichem Abstand; mindestens zehn Prozentpunkte dahinter liegen Warren, die Senatorin aus Massachusetts, und Sanders, der Senator aus Vermont. Biden präsentiert sich als Kandidat des gesunden Menschenverstandes, der die Mitte der amerikanischen Gesellschaft umwirbt und an der Politik Barack Obamas anknüpfen will, anstatt die Revolution auszurufen. Und als einer, der immer wieder sagt: Er sei derjenige, der Donald Trump schlagen könne. Wiederum zehn Punkte hinter Warren und Sanders liegen Harris und Pete Buttigieg, der smarte Bürgermeister aus South Bend, Indiana.

          Warren bei Afroamerikanern unbeliebt

          Da Warren sich allmählich nach vorne arbeitet, erhält sie derzeit viel mediale Aufmerksamkeit. Anders als Biden liegt ihr das Format der Fernsehdebatte. Die frühere Harvard-Professorin kann ihr Programm durchdeklinieren: Gesundheitspolitik, Steuerreform, Waffenrecht – nichts bringt sie in Verlegenheit. Über viel Charisma verfügt sie freilich nicht. Ihr gegenwärtig größtes Problem ist ihre Unbeliebtheit bei Afroamerikanern. Sie machten 2016 ein Viertel der Wähler bei den demokratischen Vorwahlen aus. Unter Demokraten werden sie wegen ihres Einflusses augenzwinkernd „unsere Evangelikalen“ genannt. Tatsächlich werden sie genauso umworben wie die christliche Rechte bei den Republikanern.

          Biden führt bei Afroamerikanern mit 40 Prozent – trotz seiner früheren Positionen in der Rassenfrage, die heutzutage als unsensibel gelten. Er profitiert von seinem Image der Volksnähe, ein normaler Mann mit vernünftigen Positionen. Warren liegt dort bei sieben Prozent. Bleibt es dabei, dass es in Houston nur einen Debattenabend geben wird, käme es am 12. September zum ersten direkten Aufeinandertreffen im Vorwahlkampf zwischen ihr und Biden.

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