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Kuba und Amerika : Mitten in der Nacht direkt ins Ohr

Oldtimer rauschen am amerikanischen Konsulat in Havanna vorbei. Ein Botschaftsmitarbeiter muss mit einem dauerhaften Hörverlust rechnen. Bild: dpa

Mysteriöse „akustische Anschläge“ belasten die Beziehungen Washingtons zu Havanna. Doch die kubanische Regierung weist jegliche Beteiligung von sich. Wer steckt hinter den Angriffen?

          3 Min.

          Mit offiziellen Informationen hält sich die Regierung in Washington zurück. Auch aus dem kanadischen Ottawa ist nicht viel zu hören. Und Havanna lässt wissen, man habe mit der ganzen Sache nichts zu tun, unternehme aber alles zu ihrer Aufklärung. Es geht um die rätselhaften „akustischen Anschläge“ auf westliche Diplomaten in der kubanischen Hauptstadt Havanna. Das Ausmaß der Angriffe ist offenbar weit größer als zunächst berichtet.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Wie der amerikanische Nachrichtensender CNN unter Berufung auf Regierungsquellen in Washington berichtete, sind mindestens zehn amerikanische Diplomaten sowie fünf Vertreter Kanadas und deren Familienmitglieder von den Attacken betroffen. Die Angriffe mit Geräten, die offenbar gesundheitsschädliche Wellen außerhalb des Bereichs hörbarer Geräusche erzeugten, führten bei den Betroffenen zu Schwindelgefühlen, Kopfschmerzen und in Einzelfällen zu dauerhaftem Gehörverlust. Bei einem amerikanischen Diplomaten dauert der Gehörschaden inzwischen zehn Monate an, die Ärzte befürchten, dass der Hörverlust überhaupt nicht mehr behoben werden kann.

          FBI-Untersuchungen auf Kuba

          Die meisten Betroffenen berichteten, dass sich die Symptome unvermittelt nachts eingestellt hätten, ohne dass etwas zu hören gewesen wäre. In seltenen Fällen wurden die Diplomaten und ihre Angehörigen nachts auch von kreischenden Geräuschen wie von Trennschneidern aus dem Schlaf gerissen. Die Regierungen in Washington und Ottawa zogen die Diplomaten und deren Familien nach den Vorfällen aus Havanna ab. Ersatz für die abgezogenen diplomatischen Vertreter wurde in der Regel nicht entsandt. Eine Sprecherin des State Departments versicherte, die amerikanische Botschaft in Havanna sei trotz des reduzierten Personalbestands „voll einsatzfähig“.

          Die Vorfälle begannen offenbar schon im November 2016, noch während der Amtszeit von Präsident Barack Obama und kurz nach der Wahl von dessen Nachfolger Donald Trump. Obama hatte mit seiner Annäherungspolitik an das Castro-Regime in Havanna Ende 2014 eine Vereinbarung zur Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen der beiden Staaten erreicht. Im Juli 2015 erfolgte die Wiedereröffnung der amerikanischen Botschaft in Havanna sowie der kubanischen Vertretung in Washington.

          Als Reaktion auf die mehrere Monate fortdauernden Angriffe wies das State Department im Mai zwei kubanische Diplomaten aus Washington aus. Die Untersuchungen zur Ursache der Angriffe dauern nach Angaben der amerikanischen und kanadischen Regierungen noch an. Die kubanische Regierung bestreitet jegliche Beteiligung an den Vorfällen und zeigt sich nach Angaben Washingtons kooperationsbereit bei der Aufklärung der Vorfälle. Nach Informationen von CNN gewährte Havanna sogar Ermittlern der amerikanischen Bundespolizei FBI sowie der kanadischen Polizei RCMP Zugang zu den betroffenen Residenzen und Wohnungen der Diplomaten in Havanna. Die Beamten des FBI und der RCMP konnten Ursprung und Ursache der Angriffe bisher aber nicht ermitteln. Ausländische Diplomaten in Kuba müssen ihre Unterkünfte ausnahmslos von der kubanischen Regierung mieten, auch ihr Personal wird vom Regime in Havanna gestellt. Zumal westliche Diplomaten in Kuba werden vom kommunistischen Regime in Havanna auf Schritt und Tritt überwacht und auch umfassend abgehört.

          Drittstaaten wie Russland oder China, Nordkorea oder Venezuela

          Der republikanische Senator Marco Rubio aus Florida, der großen Einfluss auf die Kuba-Politik der Regierung Trump hat, sieht die Angriffe vor dem Hintergrund der langen Epoche der Feindseligkeit zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten. „Die kubanische Regierung hat amerikanische Diplomaten auf Posten in Havanna seit Jahrzehnten drangsaliert“, sagte Rubio dem Sender CBS. Auch José Cárdenas, früherer Mitarbeiter des State Departments und der Entwicklungshilfebehörde Usaid, sieht die Vorkommnisse als Indiz dafür, dass Kuba seine „alten Tricks“ aus den Zeiten des Kalten Krieges noch immer anwende. Ungeachtet der diplomatischen Annäherung betrachte Havanna die Vereinigten Staaten als Feind, „und dessen diplomatisches Personal in Havanna wird entsprechend behandelt – und auf internationale Konventionen wird gepfiffen“, schrieb Cárdenas kürzlich in einem Blog der Zeitschrift „Foreign Policy“.

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          Oder sollten Drittstaaten wie Russland oder China, Nordkorea oder Venezuela, mit welchen die Vereinigten Staaten in anderen Weltgegenden einen Strauß ausfechten, hinter den rätselhaften Attacken auf die Amerikaner und Kanadier in Havanna stecken? Doch deren Agenten dürften schwerlich ohne Wissen oder Mitarbeit des kubanischen Geheimdienstes ihrer Tätigkeit in Kuba nachgehen können. Washington und Ottawa ist offenbar nicht an einer Eskalation des Streits gelegen. Der amerikanische Außenminister Rex Tillerson gab zu der Affäre nur die dürre Erklärung ab, die kubanischen Behörden seien „in vollem Umfang dafür verantwortlich, die Hintergründe für die Angriffe auf die Gesundheit unserer Diplomaten und auf Diplomaten anderer Staaten aufzuklären“.

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