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Intensivbetten zum Teil knapp : Reue über frühe Öffnungen in Amerika

Demonstranten in Huntington Beach in Kalifornien protestieren gegen die Corona-Maßnahmen und das Tragen von Schutzmasken. Bild: dpa

Der texanische Gouverneur Greg Abbott bedauert die frühe Lockerung der Corona-Schutzmaßnahmen in seinem Bundesstaat. In ganz Amerika gab es so viele Neuinfektionen an einem Tag wie nie – immer mehr Bundesstaaten nehmen die Öffnung zurück.

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          Der Gouverneur von Texas, Greg Abbott, würde gerne die Uhr zurückdrehen. Er bedauert nun, dass er den Bars und Restaurants in seinem Bundesstaat so früh die Öffnung erlaubt hat. Wenn er eine Entscheidung rückgängig machen könnte, dann diese, sagte der Republikaner zerknirscht lokalen Fernsehsendern. In Texas, Amerikas zweitgrößtem Bundesstaat, ist nicht nur die Anzahl der Personen, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden, stark gestiegen. In Texas' größter Stadt Houston geraten die Intensivstationen sogar schon an den Rand ihrer Kapazität.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Dabei ist Texas keine Ausnahme in den Vereinigten Staaten. Die Zahl der Corona-Infizierten stieg in der vergangenen Woche in 26 der 50 amerikanischen Bundesstaaten. Am Freitag meldete die Johns-Hopkins-Universität 45.000 neue Fälle, so viele wie nie zuvor an einem einzigen Tag, am Samstag waren es dann 42.000. Binnen des vergangenen Monats sind die Fallzahlen in Texas um siebzig Prozent und in Florida um 66 Prozent gestiegen. Dramatische Zuwächse verzeichnet auch Arizona. In Michigan, das durch besonders frühe Ausgangssperren und Proteste gegen die Maßnahmen zeitweilig in den Schlagzeilen war, stieg die Fallzahl im Juni um 75 Prozent. Im größten Bundesstaat Kalifornien, der ebenfalls früh die Mobilität seiner Bürger einschränkte und Schulen schloss, verdoppelten sich die Fallzahlen binnen einer Woche beinahe.  Der Gouverneur Gavin Newsom ordnete in Teilen des Bundesstaats eine abermalige Schließung von Bars an. Einzig New York State und einigen Neu-England-Staaten gelingt es zurzeit, die Zahl der Corona-Infektionen nach unten zu drücken.

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          Schutzauflagen nicht konsequent befolgt

          Dass mehr getestet wird, erklärt die Zuwächse nur zum Teil: In besonders stark betroffenen Regionen registrieren die lokalen Behörden wieder mehr Einweisungen in Krankenhäuser. In Amerikas ärmstem Bundesstaat Mississippi werden inzwischen die Intensivbetten knapp, der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo kündigte an, betroffenen Regionen mit Beatmungsgeräten auszuhelfen. Die steigende Auslastung der Kliniken in den Brennpunktregionen zeigt, dass sich die Corona-Pandemie weiter ausbreitet, weil die Schutzauflagen nicht konsequent befolgt wurden oder von vorneherein zu locker waren. Die dramatische Entwicklung in Texas und Florida, das am Samstag allein knapp 10.000 neue Corona-Fälle meldete, weist auf Gouverneure, die – politischem Druck und Präsident Donald Trumps Ermunterungen folgend – später als die meisten Bundesstaaten Ausgangssperren und Einschränkungen des Geschäftslebens verhängt haben und diese früher als die meisten aufgehoben haben.

          Maske als Statement: Joe Biden Ende Juni in Pittsburgh bei einem Treffen mit Patienten, die auf Basis von „Obamacare“ behandelt wurden

          Nun kommt die Kehrtwende: In mehreren Bundesstaaten werden die Lockerungen zurückgenommen. Vizepräsident Mike Pence, der die Coronavirus-Maßnahmen der Regierung koordiniert, sagte Wahlkampfveranstaltungen in den Südstaaten ab, verteidigte aber die jüngste Kundgebung des Präsidenten Donald Trump in Tulsa in Oklahoma. Sie sei Konsequenz des hohen Stellenwerts, den Amerika der Versammlungs- und Meinungsfreiheit einräume. Das Weiße Haus versucht, die Öffentlichkeit damit zu trösten, dass die Zahl der Todesfälle durch das Coronavirus deutlich langsamer steigt als die Zahl der positiven Fälle. Es würden viel mehr junge Menschen getestet als in der ersten Phase der Pandemie, bei denen die Krankheit häufig einen milderen Verlauf nehme.

          Fachleute warnen vor zu viel Optimismus

          Tatsächlich starben an den schlimmsten Tagen Mitte April mehr als 2300 Menschen jeden Tag am Virus, Mitte Juni waren es rund 650. Die Zahl stagniert allerdings seitdem auf diesem Niveau. Fachleute warnen vor zu viel Optimismus: Die Auswirkungen der verfrühten Lockerung könnten sich erst in einigen Wochen zeigen. Das gilt sowohl für Trumps Kundgebung in Oklahoma als auch für die „Black Lives Matter“-Demonstrationen, die die Nation seit Wochen in Atem halten. Dazu kommt, dass einige Patienten, die die Krankheit überleben, bleibende Schäden davontragen.

          Allerdings ist die durch das Virus ausgelöste Übersterblichkeit, die in Amerika zwischen 125.000 und 145.000 beträgt, wie auch in einigen anderen Ländern, Mitte Juni unter null gesunken. Eine Erklärung lautet, dass die Ausgangssperren andere Todesfälle, etwa im Straßenverkehr oder am Arbeitsplatz, stark reduziert haben. Doch mit den Lockerungen dürften diese Zahlen wieder deutlich steigen, in vielen Regionen hat der Verkehr wieder das alte Vorkrisen-Niveau erreicht.

          Am Sonntag meldete die Universität Johns Hopkins, von den weltweit am Virus gestorbenen 500.000 Menschen komme jeder Vierte aus den Vereinigten Staaten. Zuvor hatte die Zahl der weltweit bestätigten Infektionen erstmals die Marke von zehn Millionen überschritten. Die meisten Todesopfer haben demnach die Vereinigten Staaten zu beklagen, an zweiter Stelle lag Brasilien mit 57.000 Toten, gefolgt von Großbritannien mit knapp 40.000 Opfern. Die Opferzahl in den Vereinigten Staaten ist weltweit in absoluten Zahlen bislang zwar die höchste. Relativ zur Einwohnerzahl ist die Zahl der Toten jedoch in einigen europäischen Ländern höher. In Amerika starben den Daten der Johns-Hopkins-Universität zufolge rund 38 Personen pro 100.000 Einwohner. In Großbritannien lag dieser Wert gerundet bei 66, in Italien bei 57 und in Schweden bei 52, in Deutschland bei 11.

          Amerikas Probleme mit der Bekämpfung der Pandemie zeigen sich indes auch in der Politisierung des Mundschutzes. Vor allem konservative Gruppen werben für eine Verweigerung und protestieren in öffentlichen Versammlungen und in sozialen Medien gegen entsprechende Auflagen. Dabei sind sich Wissenschaftler weitgehend einig, dass der Mundschutz die einfachste Maßnahme ist, die Ausbreitung des Virus zu stoppen. Auch Trump und Pence zeigen sich in der Öffentlichkeit bisher ohne Mundschutz, obwohl in ihrem Umfeld mehrere Mitarbeiter positiv getestet worden waren. Trumps demokratischer Gegenspieler Joe Biden dagegen trägt immer eine Maske.

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