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Proteste in Amerika : „Kein Job, kein Geld, Corona, Waffe im Gesicht“

Demo in Lexington im Bundesstaat Kentucky Bild: AP

Trotz Ausgangssperren in fast 40 Städten demonstrieren Amerikaner weiterhin landesweit gegen Rassismus, Polizeigewalt und soziale Benachteiligung. Es kommt wieder zu Unruhen, aber auch zu Verbrüderungsszenen mit Polizisten.

  • -Aktualisiert am
          5 Min.

          Die Demonstranten in New York wollen auch in dieser Nacht nicht nach Hause gehen. Sie rufen „Black Lives Matter“, schwarze Leben zählen, „No justice, no peace“, keine Gerechtigkeit, kein Frieden, und auch: „Defund NYPD“, streicht der städtischen Polizei das Geld. Über dem Stadtteil Brooklyn kreisen stundenlang Polizeihubschrauber, immer wieder sind Sirenen zu hören.

          Die Wut der Demonstranten richtet sich landesweit gegen gewalttätige Polizisten und Rassismus. Der gewaltsame Tod des Schwarzen George Floyd in Minneapolis ist zum Auslöser für eine der größten Demonstrationswellen geworden, die die Vereinigten Staaten jemals erlebt haben. Auf Video hatte eine Passantin am vergangenen Montag festgehalten, wie der Polizist Derek Chauvin Floyd mit seinem Knie am Hals so lange die Luft abgedrückt hatte, bis der Mann nicht mehr atmete.

          Auch in dieser Nacht verhängten die Behörden zahlreicher Städte Ausgangssperren, unter ihnen Detroit, Los Angeles und Chicago. Überall war es in den vergangenen Tagen zu friedlichen und auch zu gewalttätigen Protesten gekommen. Polizeiautos wurden angezündet, Polizisten griffen Demonstranten mit Tränengas und Schlagstöcken an. In Washington meldete das Fernsehen am Sonntagabend zahlreiche Feuer in der Innenstadt, als sich der Beginn der Ausgangssperre näherte.

          Marsch über die Brooklyn Bridge

          In der Hauptstadt zündeten Menschen Holz in Parks an und warfen Feuerwerkskörper. Die Polizei besprühte sie mit Pfefferspray und Tränengas. Um 23 Uhr Ortszeit soll niemand mehr auf der Straße sein – viele Menschen werden sich nur mit Gewalt vertreiben lassen. Sie fordern unter anderem durchgreifende Polizeireformen, eine Abrüstung der oft hoch militarisierten Einsatzkräfte und Investitionen in arme Stadtteile.

          Plünderer in New York
          Plünderer in New York : Bild: AP

          In Brooklyn hatten sich am Barclay's Center, einem großen Veranstaltungszentrum, am Sonntagnachmittag zunächst weniger Menschen als in den vergangenen Tagen versammelt. Hier treffen mehrere U-Bahn-Linien zusammen, man kommt zu Fuß schnell in die unterschiedlichsten Nachbarschaften – und aus allen Himmelsrichtungen liefen auch am Sonntag Menschen jeder Altersgruppe und Hautfarbe auf den Platz. Die Polizei hatte sich diesmal verstreut in den Straßen um die Konzerthalle versammelt, zum Teil schon mit Absperrgittern, um ganze Straßenzüge dicht machen zu können.

          Dass weniger Menschen hier waren als die Tausenden vom Freitag, lag wohl daran, dass viele trotz der Bedrohung durch das Coronavirus diesmal den Weg nach Manhattan wagten. Sie marschierten über die Brooklyn Bridge, die zeitweise blockiert war. Hunderte liefen in Manhattan zum Times Square, auch am Union Square kam es zu einer großen Menschenansammlung. Wieder blieben die weitaus meisten Menschen friedlich, doch an der 12. Straße ging abermals ein Polizeiauto in Flammen auf.

          Ein System aus Überwachungskameras

          Brooklyn war in den vergangenen Tagen einer der Schwerpunkte des Protests. Tausende demonstrierten friedlich, doch besonders am vergangenen Freitag kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Als die Menschen sich am Barclay's Center nicht freiwillig zerstreuen wollten, gingen die Beamten mit Tränengas gegen sie vor. In Fort Greene, wohin Hunderte schließlich ausgewichen waren, stießen Polizisten im Vorbeigehen eine Frau mit Wucht zu Boden, in Flatbush fuhren am Samstag Beamte zwei Wagen in die Menge. Zuvor hatten Demonstranten sie mit Gegenständen beworfen. In mehreren Nachbarschaften zündeten Menschen am Wochenende auch Polizeiautos an. Bürgermeister Bill de Blasio kündigte an, das Verhalten der Polizei werde untersucht – diese sei jedoch auch sehr heftigen gewaltsamen Angriffen ausgesetzt gewesen.

          „Kein Job, kein Geld, Corona, Waffe im Gesicht. Mietstreik jetzt“, fasste ein Transparent an einem Bauzaun am Sonntag die Wut vieler Einwohner zusammen. Dass die Auseinandersetzungen in Brooklyn am Wochenende besonders heftig waren, war kein Zufall und auch keine Neuheit. Zusammenstöße mit der Polizei bei Demonstrationen gab es hier schon sehr oft.

          Vom Coronavirus besonders hart getroffen

          Brooklyn ist in vielem beispielhaft für das, was Forscher der Princeton-Universität „Hyper-Segregation“ nennen, also eine besonders deutliche Trennung in schwarze und weiße Anwohner, wenn es um Wohnungen, Schulen und andere Ressourcen geht. Rund 32 Prozent aller Bürgerinnen und Bürger sind schwarz, knapp 36 Prozent weiß. Besucher, die sich vor allem in den wohlhabenden Gegenden von Brooklyn aufhalten, können einen ganz anderen Eindruck gewinnen. Sie kommen selten in Gegenden wie Brownsville oder den Osten von Bedford-Stuyvesant, wo die Armutsrate 40 bzw. 24 Prozent beträgt und damit deutlich über dem stadtweiten Schnitt von knapp 18 Prozent liegt.

          Viertel wie diese sind auch vom Coronavirus besonders hart getroffen. Menschen leben dort oft mit mehreren Generationen in sehr kleinen Wohnungen, die Gesundheitsversorgung ist ebenso weit unter dem Niveau anderer Stadtteile wie die Versorgung mit frischen Lebensmitteln oder die Ausstattung der Schulen. Noch immer fließen die Steuereinnahmen eines Bezirks in Amerika meist direkt in die örtlichen Schulen und die sonstige Infrastruktur – ein Garant dafür, dass es auf wenigen Quadratkilometern zu riesigen Ungleichheiten kommen kann.

          Festnahmen in Minneapolis: Der Polizeibus wünscht „einen schönen Tag“.
          Festnahmen in Minneapolis: Der Polizeibus wünscht „einen schönen Tag“. : Bild: dpa

          New York hat Fachleuten zufolge so auch das am stärksten segregierte Schulsystem des Landes – weiße Eltern stellen hier trotz politischer Reformversuche immer noch sicher, dass ihre Kinder nicht mit Armen und Schwarzen zusammen lernen, selbst, wenn sie es nicht so formulieren. Etwa ein Drittel aller Afroamerikaner in Großstädten leben in ähnlich „hyper-segregierten“ Gegenden, die oft im 20. Jahrhundert durch staatlich geförderte Diskriminierung am Wohnungsmarkt, das so genannte Redlining, entstanden sind.

          Die am stärksten segregierten Städte finden sich laut einer Auflistung des Magazins „24/7 Wall Street“ im Mittleren Westen und im Süden der Vereinigten Staaten. George Floyds Heimatstadt Minneapolis, die dabei nicht unter den „Top 25“ landet, ist laut der Universität von Minnesota heute noch stärker gespalten als je zuvor.

          Auch Polizisten solidarisieren sich

          Dass Demonstranten hier am vergangenen Mittwoch ausgerechnet einen „Target“-Markt angriffen und plünderten, schien manchen Beobachtern kein Zufall zu sein. Sie warfen dem Einzelhändler Target vor, zu geringe Löhne zu zahlen und von der Not der schwarzen Bevölkerung zu profitieren. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in Minneapolis. Aren Aizura von der Universität Minnesota beschrieb in der Zeitschrift „New Inquiry“, dass die Warenhauskette und die Polizei zusammenarbeiteten und in der Stadt ein System aus Überwachungskameras installiert hätten, das vierzig Blocks abdecke. Das habe sicherlich zur Wut der Demonstranten beigetragen, spekulierte der Wissenschaftler.

          Auf den Straßen grenzten sich derweil etliche Demonstranten von denjenigen ab, die gewalttätig wurden. Im Internet verbreiteten sich aus mehreren Städten Videos, die zeigten, wie schwarze Aktivisten weiße Protestler davon abhielten, Läden zu stürmen oder Graffiti zu sprühen.

          Es gab auch einzelne Solidaritätsaktionen von Polizisten mit friedlichen Demonstranten. In Newark in New Jersey demonstrierten Polizisten im Dienst ebenso mit wie in Flint in Michigan. Mancherorts knieten sie dabei mit den Protestierenden: eine Geste, die der Footballspieler Colin Kaepernick populär machte und die ihn seine NFL-Karriere kostete. Die Diskussion über „Aufwiegler“ die angeblich von außen in die Städte reisen, ging derweil auch am Sonntag weiter. Während Präsident Donald Trump wiederholt Öl ins Feuer goss und forderte, „die Antifa“ zur terroristischen Organisation zu erklären, spekulierten andere weiter über mögliche Infiltrierungsversuche der Proteste durch rechte Gruppen.

          Philonise Floyd, der Bruder des Getöteten, sprach unterdessen am Sonntag mit Polizeidirektor Medaria Arradondo. Der sagte anschließend, die Beamten, die Derek Chauvin nicht Einhalt geboten hätten, seien mit schuldig. „Meine Entscheidung, alle vier zu entlassen, entsprang keiner Art von Gewichtung oder Hierarchie. Mr. Floyd starb in unseren Händen.“ Arradondo, selbst ein Schwarzer, wurde von Bürgerrechtlern in den vergangenen Tagen oft gelobt. Er habe dazu beigetragen, dass sich das von jeher angespannte Verhältnis zwischen Polizei und schwarzen Bewohnern in den letzten Jahren verbessert habe, sagte etwa Leslie Redmond, Ortsvorsitzender der Bürgerrechtsorganisation NAACP (National Association for the Advancement of Colored People).

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