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Proteste in Amerika : „Kein Job, kein Geld, Corona, Waffe im Gesicht“

  • -Aktualisiert am

Vom Coronavirus besonders hart getroffen

Brooklyn ist in vielem beispielhaft für das, was Forscher der Princeton-Universität „Hyper-Segregation“ nennen, also eine besonders deutliche Trennung in schwarze und weiße Anwohner, wenn es um Wohnungen, Schulen und andere Ressourcen geht. Rund 32 Prozent aller Bürgerinnen und Bürger sind schwarz, knapp 36 Prozent weiß. Besucher, die sich vor allem in den wohlhabenden Gegenden von Brooklyn aufhalten, können einen ganz anderen Eindruck gewinnen. Sie kommen selten in Gegenden wie Brownsville oder den Osten von Bedford-Stuyvesant, wo die Armutsrate 40 bzw. 24 Prozent beträgt und damit deutlich über dem stadtweiten Schnitt von knapp 18 Prozent liegt.

Viertel wie diese sind auch vom Coronavirus besonders hart getroffen. Menschen leben dort oft mit mehreren Generationen in sehr kleinen Wohnungen, die Gesundheitsversorgung ist ebenso weit unter dem Niveau anderer Stadtteile wie die Versorgung mit frischen Lebensmitteln oder die Ausstattung der Schulen. Noch immer fließen die Steuereinnahmen eines Bezirks in Amerika meist direkt in die örtlichen Schulen und die sonstige Infrastruktur – ein Garant dafür, dass es auf wenigen Quadratkilometern zu riesigen Ungleichheiten kommen kann.

Festnahmen in Minneapolis: Der Polizeibus wünscht „einen schönen Tag“.
Festnahmen in Minneapolis: Der Polizeibus wünscht „einen schönen Tag“. : Bild: dpa

New York hat Fachleuten zufolge so auch das am stärksten segregierte Schulsystem des Landes – weiße Eltern stellen hier trotz politischer Reformversuche immer noch sicher, dass ihre Kinder nicht mit Armen und Schwarzen zusammen lernen, selbst, wenn sie es nicht so formulieren. Etwa ein Drittel aller Afroamerikaner in Großstädten leben in ähnlich „hyper-segregierten“ Gegenden, die oft im 20. Jahrhundert durch staatlich geförderte Diskriminierung am Wohnungsmarkt, das so genannte Redlining, entstanden sind.

Die am stärksten segregierten Städte finden sich laut einer Auflistung des Magazins „24/7 Wall Street“ im Mittleren Westen und im Süden der Vereinigten Staaten. George Floyds Heimatstadt Minneapolis, die dabei nicht unter den „Top 25“ landet, ist laut der Universität von Minnesota heute noch stärker gespalten als je zuvor.

Auch Polizisten solidarisieren sich

Dass Demonstranten hier am vergangenen Mittwoch ausgerechnet einen „Target“-Markt angriffen und plünderten, schien manchen Beobachtern kein Zufall zu sein. Sie warfen dem Einzelhändler Target vor, zu geringe Löhne zu zahlen und von der Not der schwarzen Bevölkerung zu profitieren. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in Minneapolis. Aren Aizura von der Universität Minnesota beschrieb in der Zeitschrift „New Inquiry“, dass die Warenhauskette und die Polizei zusammenarbeiteten und in der Stadt ein System aus Überwachungskameras installiert hätten, das vierzig Blocks abdecke. Das habe sicherlich zur Wut der Demonstranten beigetragen, spekulierte der Wissenschaftler.

Auf den Straßen grenzten sich derweil etliche Demonstranten von denjenigen ab, die gewalttätig wurden. Im Internet verbreiteten sich aus mehreren Städten Videos, die zeigten, wie schwarze Aktivisten weiße Protestler davon abhielten, Läden zu stürmen oder Graffiti zu sprühen.

Es gab auch einzelne Solidaritätsaktionen von Polizisten mit friedlichen Demonstranten. In Newark in New Jersey demonstrierten Polizisten im Dienst ebenso mit wie in Flint in Michigan. Mancherorts knieten sie dabei mit den Protestierenden: eine Geste, die der Footballspieler Colin Kaepernick populär machte und die ihn seine NFL-Karriere kostete. Die Diskussion über „Aufwiegler“ die angeblich von außen in die Städte reisen, ging derweil auch am Sonntag weiter. Während Präsident Donald Trump wiederholt Öl ins Feuer goss und forderte, „die Antifa“ zur terroristischen Organisation zu erklären, spekulierten andere weiter über mögliche Infiltrierungsversuche der Proteste durch rechte Gruppen.

Philonise Floyd, der Bruder des Getöteten, sprach unterdessen am Sonntag mit Polizeidirektor Medaria Arradondo. Der sagte anschließend, die Beamten, die Derek Chauvin nicht Einhalt geboten hätten, seien mit schuldig. „Meine Entscheidung, alle vier zu entlassen, entsprang keiner Art von Gewichtung oder Hierarchie. Mr. Floyd starb in unseren Händen.“ Arradondo, selbst ein Schwarzer, wurde von Bürgerrechtlern in den vergangenen Tagen oft gelobt. Er habe dazu beigetragen, dass sich das von jeher angespannte Verhältnis zwischen Polizei und schwarzen Bewohnern in den letzten Jahren verbessert habe, sagte etwa Leslie Redmond, Ortsvorsitzender der Bürgerrechtsorganisation NAACP (National Association for the Advancement of Colored People).

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