https://www.faz.net/-gpf-aamwz

Amerikas Abzug aus Afghanistan : Erschöpfte Kapitulation?

  • -Aktualisiert am

Amerikanische Soldaten im August 2015 in der afghanischen Provinz Nangarhar Bild: AFP

Joe Biden will in Kürze den Abzug der Soldaten aus Afghanistan verkünden. Der Einsatz dort gilt als gescheitert, die Zukunft ohne amerikanische Truppen ist ungewiss.

          2 Min.

          Joe Biden war lange gegen den Verbleib der amerikanischen Truppen in Afghanistan – jetzt will er Fakten schaffen. Am 11. September, dem zwanzigsten Jahrestag des Anschlags auf das World Trade Center, soll der längste Krieg der Amerikaner enden. Bis dahin will Biden die Einheiten vom Hindukusch abgezogen haben.

          Davor warnen ihn viele, auch die eigenen Berater im Pentagon. Zu groß sei die Gefahr neuer Terrorattacken auch auf heimischem Boden. Biden setzt sich über viele Verteidigungspolitiker in Washington hinweg – am Mittwoch will er das Vorhaben offiziell ankündigen. Amtsvorgänger Donald Trump hatte bereits eine Frist für den Abzug zum 1. Mai gesetzt, diese war aber verschoben worden. Die Taliban, mit denen Trump verhandelt hatte, hatten daraufhin wieder amerikanische Stützpunkte mit Raketen angegriffen. Der zwanzig Jahre währende Krieg kostete bislang fast 2400 amerikanische Soldatinnen und Soldaten das Leben – und die Regierung um die zwei Billionen Dollar.

          Zermürbungskrieg mit den Taliban

          Die erste Phase des Afghanistan-Einsatzes bis Frühjahr 2002 war personell begrenzt und führte durch gezielte Attacken zum Rückzug etlicher Taliban- und Al-Qaida-Führer. Doch in den folgenden Jahren wurde die Mission immer stärker erweitert, auch um humanitäre Ziele, und es begann der Zermürbungskrieg mit den Taliban. Alle amerikanischen Regierungen sahen es seither als notwendig an, im Land zu bleiben, um den Aufstieg terroristischer Gruppen wie dem „Islamischen Staat“ oder Al Qaida zu verhindern.

          Präsident Biden will heute den Abzug der amerikanischen Truppen aus Afghanistan bis zum 11. September verkünden.
          Präsident Biden will heute den Abzug der amerikanischen Truppen aus Afghanistan bis zum 11. September verkünden. : Bild: dpa

          Auch die Biden-Regierung hat einen effektiven Kampf gegen den Terrorismus versprochen. Bislang ist Kritikern zufolge nicht klar, wie das mit dem Abzug zusammen gehen soll. Wahrscheinlich ist, dass die Taliban ihre Macht noch vergrößern werden. Beobachter gehen davon aus, dass die afghanische Armee in ihrer jetzigen Form zusammenbrechen und ein Machtvakuum hinterlassen könnte. Der andauernde Bürgerkrieg werde sich verschärfen, die einzelnen Warlords würden für eine Weile umso erbitterter gegeneinander kämpfen. Darunter würden in erster Linie Zivilisten leiden.

          Wichtige Ressourcen wurden umgelenkt

          Alle Fortschritte in Sachen Bürgerrechte, so klein sie insbesondere für Frauen auch sein mögen, sind in Gefahr, sobald die Taliban und andere radikale Gruppen ungehindert ihre Macht ausweiten können.

          Anschlag auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001
          Anschlag auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 : Bild: dpa

          Etliche Demokraten unterstützen dennoch Bidens Vorhaben. Es sei Zeit für den Abzug – die diplomatische und humanitäre Hilfe für Afghanistan gehe schließlich weiter, sagte etwa Senator Tim Kaine aus Virginia. Viele Republikaner kritisierten den Präsidenten indessen. Senator James Inhofe aus Oklahoma etwa nannte die Entscheidung gefährlich und leichtsinnig. Carter Malkasian, langjähriger militärischer Berater der amerikanischen Regierung in Sachen Afghanistan, sieht wichtige Lektionen aus der afghanischen Erfahrung für die amerikanische Außenpolitik, sagte er der „Washington Post“: Der Aufbau von Institutionen, der Kampf gegen Korruption und letztlich die Veränderung von Gesellschaften brauche wesentlich mehr Zeit, als die Akteure in Afghanistan angenommen hätten. In künftigen Einsätzen seien solche Ziele mit kleineren Truppeneinheiten womöglich besser zu erreichen, sagte Malkasian.

          Andere Fachleute widersprachen ihm in diesem letzten Punkt, so etwa der pensionierte Leutnant Colonel John Nagl, Autor der „Counterinsurgency Doctrine“ („Aufstandsbekämpfungs-Doktrin“) von 2006. Der Afghanistan-Krieg hätte gewonnen werden können, wenn nicht George W. Bush Ressourcen in den seiner Ansicht nach unnötigen Krieg im Irak umgelenkt hätte, sagte Nagl.

          Ziel des Afghanistan-Einsatzes war aus amerikanischer Sicht in erster Linie die Verhinderung weiterer Terroranschläge auf heimischem Boden nach dem 11. September 2001 – da große Attacken in den Vereinigten Staaten ausblieben, sei die Mission nicht ganz gescheitert, argumentieren viele Fachleute in Washington. Im Pentagon habe sich die Aufmerksamkeit aber inzwischen mehr dem Machtkampf mit China und Russland zugewandt, berichteten Insider laut der „Washington Post“: Immer mehr Ranghohe Militärs und Verteidigungspolitiker ignorierten den Krieg und die Menschenrechtslage in Afghanistan. Gespräche mit den Taliban scheiterten zuletzt. So sehe der Rückzug auch weniger wie eine Lösung aus als wie eine erschöpfte Kapitulation vor dem Feind, kommentierte die Zeitung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Palästinenser auf dem Al-Aqsa-Plateau liefern sich am 10. Mai Auseinandersetzungen mit israelischen Sicherheitskräften.

          Unruhen in Israel : Der Kampf um das Herz Jerusalems

          Bei den gegenwärtigen Unruhen in Jerusalem kommen viele Dinge zusammen. Dazu zählen die Versuche radikaler jüdischer Siedler, Häuser von Palästinensern rund um die Altstadt zu übernehmen.
          Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) am 4. Mai

          In Quarantäne : Seehofer positiv auf Corona getestet

          Bundesinnenminister Horst Seehofer wurde positiv auf das Coronavirus getestet und hat sich in häusliche Quarantäne begeben. Mitte April hatte Seehofer seine erste Impfung gegen das Virus erhalten.
          Die Menarini-Produktion beschränkte sich lange auf Generika.

          Debatte um geistiges Eigentum : Keine Patente – keine Forschung

          Der italienische Ministerpräsident Mario Draghi äußert sich bei der Diskussion um die Impfpatente zurückhaltend. Das Beispiel seines Landes zeigt eindrücklich, wie Forschung und Patentschutz zusammenhängen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.