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Autor J.D. Vance : Ein „Landei“ will Senator werden

  • -Aktualisiert am

Im Wahlkampf: J.D. Vance Anfang Juli in Ohio Bild: AP

Vor fünf Jahren porträtierte J.D. Vance im Buch „Hillbilly Elegy“ die armen Weißen der Appalachen-Region. Nun will der Republikaner Senator werden – und spricht ganz anders über Donald Trump als damals.

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          Er hat inzwischen einen Bart, tourt durch konservative Fernsehsendungen und spricht immer noch gern über seine Herkunft und die Appalachen-Region: J.D. Vance, der 2016 mit seinem Buch „Hillbilly Elegy” berühmt wurde, will im kommenden Jahr als Senator für Ohio nach Washington gehen. Bislang gibt es zehn weitere Bewerber, gegen die sich Vance in der republikanischen Vorwahl Anfang Mai durchsetzen müsste. Der Sechsunddreißigjährige hat dabei einen Nachteil: Er kritisierte 2016 Donald Trump. Wer das tut, hat es in den Primaries in der Regel schwer, denn der ehemalige Präsident sammelt Millionen Dollar Spenden für seine Kandidaten.

          Vance bezeichnete die politischen Vorstellungen des damaligen Präsidentschaftsbewerbers Trump als verachtenswert und absurd. Besonders Trumps harsche Rhetorik gegen Einwanderer hob er hervor: Trump jage „Menschen, die mir am Herzen liegen“ Angst ein, vor allem Immigranten und Muslimen. In „Hillbilly Elegy“ hatte Vance seine Kindheit in einer armen Familie in Ohio beschrieben. Er schaffte den sozialen Aufstieg, kämpfte im Irak-Krieg,  studierte in Yale Jura. Wie viele Beobachter glaubte Vance damals, dass die unterprivilegierten Weißen, die „Landeier“, um die es in „Hillbilly Elegy“ geht, Trump eher vorübergehend unterstützen würden, weil er ihre Sorgen ernst zu nehmen schien. Mittlerweile weiß auch Vance, wie unverbrüchlich die Treue vieler republikanischer Wählerinnen und Wähler zu ihrem Idol ist, und dass diese auch auf inhaltlichen Überzeugungen basiert.

          Trump nutzte die Stimmung, die Vance beschrieb

          Entsprechend anders spricht der Jurist inzwischen über Trump. Vance meint es ernst mit seinem Traum vom Senatssitz, und er weiß, was zu tun ist. Kürzlich sagte er bei Fox News: „Ich bitte die Leute, mich nicht nach dem zu beurteilen, was ich 2016 gesagt habe, weil ich sehr offen damit umgehe, dass ich diese kritischen Dinge gesagt habe und sie bereue.“ Trump sei ein guter Präsident gewesen, der viele gute Entscheidungen für die Menschen getroffen und sehr viel Kritik eingesteckt habe.

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          Vance wurde 2016 von vielen Kritikern gelobt, weil er den Menschen auf dem Land in der verarmten Appalachen-Region eine Stimme zu geben schien, wenn er etwa sagte, die Freihandelspolitik der vergangenen Jahrzehnte führe zu einer ablehnenden Haltung gegenüber Einwanderern – und nicht etwa Rassismus. In einer Kolumne schrieb Vance zu jener Zeit: „In unseren Städten machen Fabriken dicht oder wandern nach Übersee. Wir mögen Mitgefühl für den mexikanischen Einwanderer haben, der versucht, seiner Familie ein besseres Leben zu bieten, aber viele sehen diese Immigranten vor allem als Konkurrenz um immer weniger werdende Jobs an.“ Trump nutze diese Stimmung für sich.

          Später setzte Trump seine Rhetorik in Politik um – es folgten Familientrennungen als Abschreckungsstrategie an der südlichen Grenze, Einschränkungen des Asylrechts, der Einreisestopp für Menschen aus bestimmten muslimischen Ländern und Trumps letztlich erfolgloser Kampf gegen das DACA-Programm für Kinder von Einwanderern ohne Visum. Als Präsident ermutigte Trump seine Unterstützer auch zu offenem Rassismus, als er etwa die rechten Gewalttäter von Charlottesville 2017 in Schutz nahm. In den Jahren seiner Präsidentschaft stieg die Zahl der Hassverbrechen laut dem FBI um zwanzig Prozent an, und die meisten davon wurden von weißen Rassisten begangen. Meinungsumfragen zeigten, dass Trumps Wählerinnen und Wähler seinen Positionen oftmals mit großer Begeisterung zustimmten. Diese Menschen muss nun auch Vance überzeugen.

          Trump und Vance ähneln einander

          Politisch ähnelt Vance durchaus Trump. Ein Wahlwerbespot porträtiert ihn als Außenseiter, der antrete, das „System aufzumischen“. Eine seiner Forderungen lautet, Konzerne, die Jobs ins Ausland verlagern, höher zu besteuern. Hinter dem Wahlkampf steht ein Political Action Committee namens „Protect Ohio Values“, das von dem Milliardär Peter Thiel finanziert wird. Zurzeit landet Vance in Umfragen auf Platz drei – als aussichtsreichste Kandidatin für den Senatssitz gilt Ohios Parteivorsitzende Jane Timken, die sich auch Hoffnungen auf Trumps offizielle Unterstützung machen kann.

          Doch weil Vance prominent ist und sich nun so offensichtlich hinter Trump stellt, könnte es in den nächsten Monaten noch Überraschungen geben. Vance hat auch im Medien-Mainstream Fans behalten. Washington-Post-Kolumnist Henry Olsen etwa schrieb, dem Autor gehe es tatsächlich um die Arbeiterklasse, und dass er „die Eliten“ rechts wie links „ängstige“, sei gut. Während Linke in Vance keinen echten Vertreter der Arbeiterschaft sehen, werfen ihm Konservative seinen Populismus und Protektionismus vor – nicht wenige würden gerne zum Marktradikalismus zurückkehren und die Ära Trump hinter sich lassen. Doch sie wissen, was auch Vance weiß: dass neben dem Rassismus gerade der ökonomische Populismus entscheidend war für Trumps Erfolg an der Basis.

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