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Corona im Süden der USA : „Es sind zu viele Tote“

  • -Aktualisiert am

Eine Schülerin wird geimpft: Zuletzt sind die Inzidenzen unter den Jüngeren deutlich gestiegen. Bild: dpa

Weite Teile des Südens der Vereinigten Staaten sind zum Corona-Hotspot geworden. Florida verzeichnet so viele Todesfälle wie noch nie in der Pandemie, Tennessee erlebt einen dramatischen Anstieg an Neuinfektionen.

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          „Es ist zu viel. Es sind zu viele Tote“, sagt eine Frau, die eigentlich an das Sterben gewöhnt ist. Kurz vor der Pandemie übernahm Jacquelyn Graham-Townes das Bestattungsunternehmen ihres Vaters in Jacksonville im Nordosten von Florida. Ihr ältestes Kind ist 21 Jahre alt, genauso alt wie das jüngste der 14 Corona-Opfer, die sie in nur einer Woche beerdigen musste. „Es ist, als hätten sich die Schleusentore geöffnet“, sagt sie der Zeitung USA Today. Was gerade passiere, sei schlimmer als alles, was die Stadt im vergangenen Jahr erlebt habe. 

          Tatjana Heid
          Stellvertretende verantwortliche Redakteurin für Nachrichten und Politik Online.

          In den vergangenen sieben Tagen sind in Florida 1727 Menschen am Coronavirus gestorben, so viele wie noch nie in einer Woche. Auch die Zahl derer, die mit Covid-19 im Krankenhaus liegen, ist deutlich höher als je während der ersten Welle. Laut Johns Hopkins Universität sind die Intensivbetten zu 95 Prozent ausgelastet, mehr als die Hälfte davon mit Corona-Patienten. 

          Weite Teile des Südens der Vereinigten Staaten sind zum Virus-Hotspot geworden. Laut der staatlichen Centers for Disease Control and Prevention verzeichnete Florida in der vergangenen Woche 543 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. So dramatisch das ist: Es waren immerhin 23 Prozent weniger als in der Woche davor. Während sich auch Staaten wie Georgia, Mississippi und Louisiana auf hohem Niveau zu stabilisieren scheinen, steigen die Fallzahlen in Tennessee noch immer.

          „Wir flehen Sie an: Lassen Sie sich impfen“ 

          Laut der Centers for Disease Control and Prevention infizierten sich in Tennessee in der vergangenen Woche 489 pro 100.000 Einwohner mit Corona. Das waren 53 Prozent mehr als in der Woche davor. Am Montag verzeichnete der Staat 20.250 Neuinfektionen – mehr als an jedem anderen Tag der Pandemie. Mehr als drei Viertel der Intensivbetten sind belegt, Tendenz steigend. In Middle Tennessee haben sich die Vorsitzenden der zehn Kliniken zu einem Aufruf zusammengetan. „Wir bitten Sie, flehen Sie an: Lassen Sie sich gegen Covid-19 impfen“, heißt es darin.

          Die Pandemie ist eine Pandemie der Ungeimpften. Mehr als neunzig Prozent derer, die in den Vereinigten Staaten mit Corona im Krankenhaus liegen, sind  nicht geimpft. Die Impfquoten in den Südstaaten sind besonders niedrig: In Tennessee sind laut Johns Hopkins Universität knapp 42,5 Prozent der Einwohner vollständig geimpft. Zwar steigt die Zahl der täglich verabreichten Dosen seit Ende Juli, allerdings nur langsam. Auch in den ebenfalls stark betroffenen Staaten Louisiana und Georgia sind nur etwas mehr als vierzig Prozent der Menschen vollständig geimpft, in Mississippi sogar nur 38,5 Prozent. Zum Vergleich: Landesweit sind 52,6 Prozent der Amerikaner durchgeimpft. In Florida sind es sogar 53,7 Prozent, allerdings besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen jenen über und jenen unter 65 Jahren.

          Das hat zur Folge, dass die Menschen in den Krankenhäusern und jene, die sterben, immer jünger werden. Zahlreiche sind zwischen 40 und 59 Jahre alt und gehören damit zu jener Altersgruppe, die in den vorherigen Wellen weniger stark gefährdet war. „Wir haben dieses Mal mehr Patienten, die in jüngerem Alter mit sehr wenigen oder gar keinen anderen medizinischen Problemen gestorben sind“, zitiert die New York Times den Internisten Chirag Patel aus Jacksonville. Sie kämen einfach mit Covid ins Krankenhaus und würden es nicht mehr herausschaffen. „Es ist so eine sinnlose und vermeidbare Art zu sterben.“

          Auch immer mehr Kinder werden ins Krankenhaus eingeliefert, manche von ihnen sind schlicht zu jung, um geimpft zu werden. Trotzdem tobt der Streit über Maskenpflicht an Schulen weiter. Zahlreiche Eltern und republikanische Politiker wehren sich weiterhin gegen die Maskenpflicht an Schulen. In Florida hat nun ein Gericht entschieden, dass der republikanische Gouverneur Ron DeSantis seine Kompetenzen überschritten hat, als er per Exekutivanordnung die Maskenpflicht an Schulen zu verhindern suchte. Zuvor hatten sich mehrere Schulbezirke über seinen Willen hinweg gesetzt – obwohl DeSantis offen mit Gehaltssperren für renitente Schulleiter gedroht hatte. 

          In Tennessee entfällt mittlerweile rund ein Viertel aller Neuinfektionen pro Woche auf die Fünf- bis 18-Jährigen. Die Politik reagiert unentschlossen. Der republikanische Gouverneur Bill Lee empfiehlt Schülern zwar das Masketragen, gleichzeitig ist seine Exekutivanordnung noch in Kraft, die Eltern die Möglichkeit gibt, ihre Kinder von der Maskenpflicht zu befreien. In Williamson County – wo der Streit um die Maskenpflicht an Schulen derart eskaliert ist, dass aufgebrachte Eltern einen Gesundheitsexperten bedrohten, der sich dafür aussprach – wurde nach Angaben des Bezirks mehr als ein Viertel der Grundschüler von der Maskenpflicht befreit. Dennoch hat der Schulausschuss die Maskenpflicht aufgrund der stark steigenden Zahl an Neuinfektionen auf Mittel- und Oberstufenschüler ausgeweitet.

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