https://www.faz.net/-gpf-9qmvs

Vereinigte Staaten : Bettwanzen genießen einen Moment der Prominenz

Gefürchtet und sehr resistent: Die Bettwanze Bild: Piotr Naskrecki/CDC/Harvard University/dpa

Eine Nachrichtenwoche voller Bettwanzen: Die lästigen Tierchen genießen in den Vereinigten Staaten im Moment viel Aufmerksamkeit. Zu verdanken haben sie das auch Präsident Donald Trump.

          3 Min.

          Für Bettwanzen geht eine große Woche zu Ende. Ein Professor hat den bekannten Kolumnisten der „New York Times“, Bret Stephens, als Bettwanze bezeichnet. Der nachfolgende Konflikt fand große Anteilnahme in den sozialen Medien, Stephens löschte im Zuge dessen sein Twitter-Account.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Doch das war noch nicht das Beste. Jemand zerrte einen zwei Jahre alten Zeitungsartikel des „Miami Herald“ in die Öffentlichkeit, in dem von Bettwanzen im Trump National Doral in Miami die Rede war. Diese Geschichte hatte besonderen Biss, weil Präsident Donald Trump offenbar die Absicht hegt, den nächsten G7-Gipfel in seiner Hotelanlage zu veranstalten. Beim jüngsten Gipfel in Paris nutzte er die Pressekonferenz zu Promotion dieser Idee. Kein Wunder, dass Trump die Verdächtigung schwer fuchst, sein Resort könnte mit Bettwanzen verseucht sein. Eine von der radikalen Linken erfundene Geschichte, wetterte Trump auf Twitter.

          Die Bettwanze war fast verschwunden

          Die Ereignisse dokumentieren das eindrucksvolle Comeback der Bettwanzen, nachdem sie knapp 60 Jahre aus den Industrieländern weitgehend verschwunden waren. 1939 hatte der Schweizer Forscher Paul Herrmann Müller das Insektizid DDT entdeckt, das schnell eingesetzt wurde, um Mücken, Fliegen, Flöhe und Bettwanzen zu bekämpfen und die von ihnen übertragenen Krankheiten zu reduzieren. DDT war erfolgreich, vor allem in der Verdrängung  von Malaria aus Nordamerika, Europa und Taiwan. Anfang der siebziger Jahre allerdings wurde DDT in vielen Ländern verboten. Eine wichtige Rolle spielte das Furore machende Buch „Silent Spring“ von Rachel Carsons, die schädliche Nebenwirkungen von DDT und anderen Pestiziden herausstellte.

          Das Verbot von DDT wäre damit eine naheliegende Begründung für das große Comeback der Bettwanze, wäre da nicht eine besondere Eigenschaft der Tiere. Sie sind hart im Nehmen. Schon 1942 begann die amerikanische Armee Soldatenunterkünfte mit DDT zu besprühen, um die Wanzen zu eliminieren.  Fünf Jahre später meldete ein Marine-Standort, dass der Einsatz von DDT erfolglos geblieben sei. Die Bettwanze brauchte fünf Jahre, um resistent zu werden. Von den fünfziger Jahren an fanden sich immer wieder Bettwanzen-Populationen, die DDT-Einsätze überlebten.

          Sie verschwanden im Westen trotzdem weitgehend, weil neue Insektizide eingesetzt  wurden. Auch Staubsaugen half offenbar. Warum sie jetzt wieder da sind, lässt sich nur vermuten. Einige Populationen haben in Afrika, Asien und Teilen Osteuropas überwintert und sind nach Amerika gelangt. Sie zeigen sich inzwischen auch gegen neue Spritzmittel resistent.  

          Sie reisen mit

          Insektenforscher Michael Potter von der Universität Kentucky beschreibt eine besondere Eigenschaft der Bettwanzen: Sie sind „Hitchhiker“, Tramper, Anhalter. Sie setzen sich auf Koffer, Kleidung oder den Rollstuhl und reisen ungefragt mit. „Das ist ein besonderes Risiko für Hotels, wo Gäste ein- und ausgehen”, notiert Potter. Nach seinen Erkenntnissen gibt es keinen Zusammenhang zwischen der Sauberkeit und dem Auftreten der Wanzen. So kann das makellose Fünf-Sterne Hotel genauso befallen werden wie die letzte Absteige.

          Für Hotels haben sich die Bettwanzen tatsächlich zu einem gravierenden Problem entwickelt. Gäste, die von Bettwanzen gestochen werden, verlangen ein neues Zimmer und Kompensation. Viele wenden sich an Bewertungsportale und machen den Bettwanzen-Vorfall bekannt. Das führt laut Potter zu messbaren finanziellen Schäden. Alle großen Hotelketten haben inzwischen aufwendige Bettwanzen-Bekämpfungsprogramme, die für die Kammerjäger finanziell besonders attraktiv sind. Sie müssen nämlich mehrere Insektizide mit konventionellen Methoden kombinieren, um dem Problem überhaupt Herr zu werden. Bettwanzen sind die am schwersten zu bekämpfenden Gegner in ihrem Portfolio, sagen zwei Drittel aller Kammerjäger laut Umfrage ihres Interessensverbandes.

          Besonders schlimm kann es aber für Hotels werden, wenn die Gäste vor Gericht ziehen. Die in Internetforen gestellte Frage von Hotelgästen, ob sich eine Klage lohnt, beantworten Anwälte mit einem entschlossenen „Ja“. Ob Sheraton, Hilton oder Marriott – alle großen Hotelketten wurden wegen Bettwanzen-Vorfällen verklagt. Anwaltskanzleien wie Whitney aus Baltimore haben sich weitgehend auf Bettwanzen spezialisiert. Die Kanzlei Whitney gibt an, für ihre Klienten mehr als neun Millionen Dollar Entschädigung herausgeholt zu haben, in der Regel durch Vergleiche.

          Klagen nach dem Biss

          Geklagt hatte auch  der Versicherungsmanager Eric Linder wegen Bettwanzen. Sein Gegner war 2016 das Trump-Hotel Doral in Miami. Linder verlangte 15.000 Dollar, der Fall wurde außergerichtlich beigelegt. Über die Höhe der Entschädigung macht Linder keine Angaben. Er ist aber verärgert, dass Trump den Vorfall leugnet, berichtet zumindest das New Yorker Boulevardblatt „Daily News“.

          Im Frühjahr dieses Jahres allerdings führte die zuständige örtliche Behörde eine Inspektion durch, bei der das Hotel Bestnoten bekam, berichtet die „Washington Post“. Hygienische oder gesundheitliche Bedenken sprechen also nicht gegen einen G7-Gipfel im Doral, dafür aber vielleicht rechtliche und politische. Selbst mancher Parteigänger findet es eher unangebracht, dass Trump für Gipfeltreffen abkassieren könnte.

          Weitere Themen

          Der Griff nach der Hand des Teufels

          Syriens Kurden und Assad : Der Griff nach der Hand des Teufels

          Bedrängt durch die türkische Offensive schließen die Kurden einen Pakt mit Assad. Dabei wissen sie, dass dem syrischen Regime nicht zu trauen ist. Der Konflikt wird noch unübersichtlicher und explosiver.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.