https://www.faz.net/-gpf-9twyt

Wahlkampf in Amerika : Der Demokrat für die Weißen

  • -Aktualisiert am

Pete Buttigieg ist nicht nur smart, sondern auch ausgesprochen eloquent. Bild: AP

Pete Buttigieg ist der neue Star im amerikanischen Wahlkampf. Der schwule Bürgermeister führt für die Demokraten in den Umfragen zur Vorwahl in den beiden wichtigsten Bundesstaaten. Doch diese sind zu mehr als 90 Prozent weiß.

          3 Min.

          Pete Buttigieg ist der Überraschungskandidat der Demokraten. Lange Zeit sah es so aus, als habe die Partei die Wahl allein zwischen zwei linken Bewerbern und einem älteren Herrn, der im Grunde vor allem zurück in die Zeit Barack Obamas will. Aber jetzt hat Buttigieg noch einmal Bewegung in den Kreis der Bewerber gebracht.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Der junge Mann erscheint als eine Möglichkeit, die Partei aus ihrer Krise zu führen. Mit seinen noch nicht einmal 40 Jahren war er schon Unternehmensberater, Marinesoldat im Afghanistan-Einsatz und Bürgermeister einer 100.000-Seelen-Stadt. In den Fernsehdebatten argumentiert er stets differenziert und wirbt für „vernünftige“ Positionen, wie er sagt, in der Gesundheitspolitik wie in der Einwanderungspolitik.

          Sollten Funktionäre der Partei sich nach dem Amtsantritt Donald Trumps 2017 zusammengesetzt und überlegt haben, wie der ideale Präsidentschaftskandidat für 2020 aussehen müsste, dürfte Buttigieg das genaue Gegenteil sein. Kann ein junger, stets geschniegelt daherkommender Mann gegen den Raufbold Trump in den Ring steigen? Für den Kampf gegen den republikanischen Amtsinhaber erscheint er zu leichtgewichtig. Und er passt nicht zum linksrevolutionären Zeitgeist der eigenen Parteibasis.

          Mehr als neunzig Prozent weiß

          Buttigieg gesellte sich zu Jahresbeginn als Außenseiter zum Bewerberfeld, dem Senatoren, Gouverneure und ein ehemaliger Vizepräsident angehören, aber auch ein chinesischstämmiger Selfmademan und eine etwas esoterische Buchautorin. Dass es „Mayor Pete“, wie Buttigieg, Sohn eines Maltesers, wegen seines komplizierten Nachnamens der Einfachheit halber genannt wird, dennoch gelang, in den nationalen Umfragen ins Mittelfeld aufzusteigen, zeigt die Verunsicherung in der politischen Mitte.

          Während Elizabeth Warren sich in den vergangenen Monaten zur Spitzenreiterin der Parteilinken entwickelte, gilt Buttigieg derzeit als der Einzige, der Joe Biden als Bewerber der moderaten Demokraten gefährlich werden könnte. In Iowa, wo die Vorwahlsaison Anfang Februar beginnt, sehen ihn die Wahlforscher vorn. Auch in New Hampshire ist er in den Umfragen an Biden, Warren und Bernie Sanders, dem anderen linken Kandidaten, vorbeigezogen.

          Aber diese Werte sind auch Ausdruck eines ernsten Problems, das Buttigieg hat. Der Bundesstaat im Mittleren Westen und der Neuenglandstaat sind zu mehr als neunzig Prozent weiß. Zwanzig Prozent der demokratischen Anhängerschaft sind Afroamerikaner. In South Carolina, wo die dritte Vorwahl stattfindet, machen die Schwarzen sechzig Prozent der registrierten Demokraten aus. Und hier sind Buttigiegs Zustimmungswerte bei den Afroamerikanern nicht einmal messbar. In dem Südstaat führt Biden mit großem Abstand – auch vor schwarzen Mitbewerbern. Buttigieg ist der Mann für die weiße Mittelschicht.

          Das bringt ihm harte Angriffe ein. In „The Root“, einem Online-Magazin für afroamerikanische Kultur, schrieb Michael Harriot kürzlich: „Pete Buttigieg is a lying MF“. Der Abkürzung für „Motherfucker“ stellte Harriot noch eine weitere Beleidigung zur Seite: er nannte den demokratischen Präsidentschaftsbewerber einen „Scheißlügner“.

          Hintergrund waren Äußerungen Buttigiegs aus dem Jahr 2011. Damals kandidierte er erstmals in seiner Heimatgemeinde South Bend in Indiana für das Bürgermeisteramt. Er war 29 Jahre alt, Professorensohn mit einem tadellosen akademischen Werdegang mit Stationen in Notre Dame, Harvard und Oxford, und hatte gesagt, Grund für die Probleme vieler afroamerikanischer Heranwachsender sei ein Mangel an positiven Vorbildern unter ihres gleichen. Das klang, als seien die Schwarzen selbst an allem schuld.

          „Mayor Pete“, wie Buttigieg genannt wird, gilt derzeit als der Einzige, der Joe Biden als Bewerber der moderaten Demokraten gefährlich werden könnte.

          Harriot, der als Schwarzer einem bildungsfernen Milieu entkommen ist, sagt, er habe einfach Glück gehabt. So wie Buttigieg Glück gehabt habe, als Weißer geboren worden zu sein. Buttigieg rief Harriot an. Später äußerte er: Was er seinerzeit gesagt habe, spiegele nicht in Gänze seine damalige Auffassung wider. Und schon gar nicht seine heutige. Er sei sich seiner Privilegien bewusst, die er als weißes Akademikerkind genossen habe.

          Termine in Problembezirken

          Es vergingen wenige Tage, da wurde das nächste Krisenmanagement nötig. Mangelnde Empathie mit den Afroamerikanern wurde ihm vorgeworfen. Buttigieg antwortete: Seine Erfahrungen als schwuler Mann ermöglichten ihm sehr wohl nachzuempfinden, welche Kämpfe Schwarze durchzustehen hätten.

          Das rief Bürgerrechtler auf den Plan, die Buttigieg empört darauf hinwiesen, dass Schwarze anders als Homosexuelle nicht die Option eines „Coming out“ hätten. Buttigiegs Einwurf war auch deshalb ungeschickt, weil seine Homosexualität ohnehin schon eine Hürde zwischen ihm und der Wählergruppe darstellt. Afroamerikanische Funktionäre gestehen nämlich betreten ein, dass ein schwuler Kandidat für manchen Schwarzen unwählbar sei.

          Dem Kandidaten aus dem Mittleren Westen steht seine Verzweiflung angesichts seiner Probleme mit dieser Bevölkerungsgruppe inzwischen ins Gesicht geschrieben. Seitdem im Sommer ein weißer Polizist einen Schwarzen in South Bend erschoss und es zu Demonstrationen gegen den Bürgermeister kam, prägt das Thema seinen Wahlkampf. Buttigieg macht nun demonstrativ Termine in Problembezirken, trifft Bürgerrechtler und stellt einen Plan vor, wie er Rassismus bekämpfen will. Er weiß: Ohne die Schwarzen hat er in den Vorwahlen der Demokraten keine Chance.

          Mag sein, dass „Mayor Pete“ doch nur eine Eintagsfliege bleibt. Vorhersagen gerade bei den ersten Vorwahlen sind kaum möglich. Er wisse, sagte Buttigieg kürzlich, dass er nicht für das traditionelle Establishment in Washington stehe. Er glaube aber, dass seine Partei derzeit auch etwas anderes benötige.

          Weitere Themen

          Joe Biden beschimpft Wähler

          Bei Auftritt in Iowa : Joe Biden beschimpft Wähler

          Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Iowa beschimpft Joe Biden einen 83 Jahre alten Mann als Lügner, weil der ihn wegen der Ukraine-Affäre kritisiert: „Ich wusste, dass Sie mich nicht wählen werden, Mann, Sie sind zu alt.“

          Wo bleibt die Empörung?

          Ukraine-Affäre : Wo bleibt die Empörung?

          Ist die Luft aus dem Amtsamtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump raus? Trotz der Beweise eignet sich das langwierige Prozedere kaum, um Bürger gegen den Präsidenten aufzubringen, die ihn nicht ohnehin abwählen wollen.

          Topmeldungen

          Mehr Zukunft wagen: Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans am Freitag nach ihren Bewerbungsreden beim SPD-Parteitag

          SPD-Parteitag : „Klarer Kurs und klare Sprache“

          Sie hätten keine Angst, betonen Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans in ihren Bewerbungsreden als Parteivorsitzende – und attackieren die Union scharf. Mit dem Ende der großen Koalition drohen sie aber nur indirekt.
          Gebrochen: Wenn Eltern wählen, ob ihr Kind aufs Gymnasium geht, treffen viele Fehlentscheidungen. Das Ergebnis: überforderte Schüler verlieren durch Misserfolge ihr Selbstbewusstsein.

          Nach der Grundschule : Wenn Eltern für ihre Kinder wählen

          In fast allen Bundesländern entscheiden die Eltern, ob ihr Kind aufs Gymnasium gehen soll oder nicht. Ihre Wahl ist oft nicht die beste. Politiker schrecken vor Veränderungen zurück.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.