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Demokraten umwerben Latinos : „Tío Bernie“ rechnet mit dem nächsten Sieg

  • -Aktualisiert am

Bernie Sanders auf einer Wahlkampfveranstaltung in New Hampshire im Februar 2020. Bild: AFP

Wer Präsidentschaftskandidat der Demokraten werden will, sollte auch Spanisch sprechen. Bernie Sanders hat sich intensiv um die Latinos bemüht. Am Samstag will er in Nevada die Früchte ernten.

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          „Das nenne ich mal eine echte Graswurzel-Kampagne“, sagt Bill de Blasio und lacht über seinen eigenen Witz. Der Bürgermeister von New York steht an der Seitenlinie eines Rasenplatzes der Eldorado-High-School im armen Osten von Las Vegas. Direkt vor ihm jagen ein paar Männer, die auf die Namen Juan, Rodrigo oder Carlos hören, einem runden Lederball hinterher.

          De Blasio hat erst vor wenigen Tagen bekanntgegeben, dass er in den Vorwahlen der Demokratischen Partei Präsidentschaftsbewerber Bernie Sanders unterstützt. Jetzt ist er in den Bundesstaat Nevada gereist, um dort vor der richtungsweisenden Abstimmung am Samstag für Sanders die Wahlkampftrommel zu rühren. Dass er das ausgerechnet auf einem Fußballplatz tut, ist kein Zufall. In den Vereinigten Staaten ist „Soccer“ der Lieblingssport der lateinamerikanischen Einwanderer.

          „Die Latinos werden dieses Wahljahr entscheiden“, sagt de Blasio. Das sehen hier viele so. „Gerade junge Menschen mit lateinamerikanischem Hintergrund wollen, dass endlich ihre Stimme gehört wird“, sagt etwa der Gewerkschafter José La Luz, der sich im Sanders-Team um die Unterstützung der Wähler mit spanischer Muttersprache kümmert. „Den Latinos liegt in diesem Jahr sehr viel an echter politischer Veränderung, sie wollen einen Wandel.“

          Der Mindestlohn kommt gut an

          Francisco Mera hat sich in der Halbzeitpause unter einen Baum gesetzt, um eine Flasche Wasser zu trinken und einen kleinen Taco zu essen. Er hat drei Kinder, sein Geld verdient er als Arbeiter auf Baustellen im ganzen Bundesstaat. Las Vegas ist seine Heimatstadt, Mexiko sein Herkunftsland, Fußball sein großes Hobby. Dass bekannte Politiker um seine Stimme werben, mache ihn stolz, sagt er. „Ich bin jetzt nicht so perfekt informiert, aber das, was Bernie Sanders und seine Leute versprechen, finde ich schon gut.“ Einen Mindestlohn von fünfzehn Dollar die Stunde zum Beispiel.

          Bernie Sanders hat unter allen Präsidentschaftskandidaten der amerikanischen Demokraten die höchsten Beliebtheitswerte unter Latinos.

          Ein paar Meter weiter steht Lalo Montoya, ein junger Mann, der als Kleinkind mit seinen Eltern ohne gültige Dokumente aus Mexiko in die Vereinigten Staaten kam. „Seit 2012 bin ich amerikanischer Staatsbürger, kann mich ohne Angst in meinem Land bewegen und hier arbeiten.“ Donald Trump wolle Lebenswege wie seinen verhindern, sagt er. Auch die Art und Weise, wie der Präsident und seine Regierung zuletzt an der Grenze gegen Migranten vorgegangen seien, „wie sie Kinder von ihren Eltern wegreißen“, sei „schockierend“, sagt Montoya. Bernie Sanders dagegen habe „als erster Bewerber bei den Demokraten“ versprochen, alle Deportationen zu stoppen. Das zeige, dass er das Herz am rechten Fleck habe.

          „Tío Bernie“ nennen Montoya und seine Freunde den 78 Jahre alten Senator aus Vermont – „Onkel Bernie“. Es ist ein Spitzname, mit dem die Sanders-Kampagne inzwischen selbst offensiv wirbt. In Latino-Familien nehme der Onkel eine wichtige Rolle ein, sagt Wahlkämpfer La Luz. „Der Tío ist jemand, an dem man sich orientieren kann, der Halt gibt, zu dem man aufschaut.“ Ja, Bernie sei „authentisch und beständig“. All das schwinge in dem Spitznamen mit.

          Statistiken aus den ersten beiden Vorwahl-Staaten zeigen, dass Sanders bisher bei den Latinos regelrecht abgeräumt hat. Nach einer Analyse des „Latino Policy and Politics Initiative“ der Universität Kalifornien in Los Angeles schaffte er es in Iowa, die wenigen Wahlkreise, in denen mehrheitlich Latinos abstimmten, mit Zwei-Drittel-Mehrheit zu gewinnen. In New Hampshire holte er laut einer Nachwahl-Erhebung des Fernsehsenders NBC fast vierzig Prozent aller Latino-Stimmen, etwa zwanzig Prozentpunkte mehr als jeder andere Präsidentschaftsbewerber.

          Testlauf für Kalifornien und Texas

          In den „Caucus“-Abstimmungen in Nevada könnten die Latinos am kommenden Wochenende nun erstmals maßgeblich über Sieg oder Niederlage entscheiden. Etwa ein Drittel derjenigen, die in dem Wüstenstaat demokratisch wählen, haben lateinamerikanische Wurzeln. Viele von ihnen jobben in den Hotels und Restaurants von Las Vegas. „Dieser Ort hier wäre nichts ohne die harte Arbeit der Immigranten“, sagt Sanders-Anhänger Montoya. „Mit Bernie haben wir endlich jemanden, der sich wirklich für uns und unsere Rechte einsetzt.“ Schnelle Einbürgerungsperspektiven, eine Krankenversicherung für alle – das seien die Argumente, mit denen Sanders überzeugen könne.

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