https://www.faz.net/-gpf-9kvmz

Der Linksdrall der Demokraten : Gibt es bald einen amerikanischen Jeremy Corbyn?

  • -Aktualisiert am

Jeremy Corbyn während spricht auf dem Kongress der Sozialdemokratischen Partei Europas (PES) in Lissabon. Der Kongress fand im Dezember 2018 statt. Bild: EPA

Die Demokratische Partei in Amerika zerbröselt – sie droht, ein Magnet für extreme Positionen zu werden. Sie fragen sich, was dann aus der Partei wird? Ein Blick auf die britische Labour-Partei mit Anführer Jeremy Corbyn weist den Weg. Ein Gastbeitrag.

          11 Min.

          Vor nicht einmal vier Jahren war Jeremy Corbyn ein obskurer Hinterbänkler im britischen Unterhaus. In seinen dreißig Jahren als Mitglied der Labour-Partei bestand seine größte parlamentarische Leistung paradoxerweise im Fehlen jeglicher Leistung dieser Art. Von 1997 bis 2010, als Labour letztmals die Regierung stellte, war Corbyn der Abgeordnete, der häufiger als jeder andere gegen die eigene Regierung stimmte. Trotz seiner ständigen Unbotmäßigkeit lehnten es die beiden Labour-Premierminister Tony Blair und Gordon Brown ab, Corbyn aus der Partei auszuschließen. „Es gab keine Gefahr“, sagte 2016 ein stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Labour-Partei gegenüber der „Financial Times“ über Corbyn und seine kleine Gruppe linker Rebellen. „Diese Leute wurden toleriert, weil niemand jemals etwas von ihnen gehört hatte.“

          Heute haben alle in der britischen Politik schon von Jeremy Corbyn gehört, der „Her Majesty's Most Loyal Opposition“ seit einigen Jahren führt und die Labour-Partei tiefgreifend verändert hat. Einst eine breit aufgestellte Bewegung, die große Parlamentsmehrheiten erringen konnte, ist die Partei heute eine durch Personenkult zusammengehaltene Sekte, die einer chaotischen konservativen Regierung nur dürftigen Widerstand entgegensetzt.

          Acht Abgeordnete traten aus der Partei aus

          Einst die Partei, deren Führer die NATO schufen und standhaft gegen den internationalen Kommunismus kämpften, wird Labour heute von Leuten geführt, die Loblieder auf antiwestliche Despoten und Terroristen singen. Und einst die natürliche politische Heimat der britischen Juden, versinkt Labour heute derart tief in einem antisemitischen Sumpf, dass 40 Prozent der Juden sagen, sie „dächten ernsthaft“ daran, Großbritannien zu verlassen, falls Corbyn Premierminister würde. Tatsächlich ist Labour heute derart vergiftet, dass letzten Monat acht ihrer Unterhausabgeordneten die Partei verließen. Sie bezeichneten ihre Partei als „widerwärtig und institutionell rassistisch“, als „Bedrohung für die nationale Sicherheit“ und als „Gefahr für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, die Sicherheit unserer Bürger und die Gesundheit unserer Demokratie“.

          Sieben Abgeordnete, die Ende Februar zuerst die Labour-Partei verließen: Ann Coffey, Angela Smith, Chris Leslie, Chuka Umunna, Mike Gapes, Luciana Berger and Gavin Shuker (von links nach rechts)
          Sieben Abgeordnete, die Ende Februar zuerst die Labour-Partei verließen: Ann Coffey, Angela Smith, Chris Leslie, Chuka Umunna, Mike Gapes, Luciana Berger and Gavin Shuker (von links nach rechts) : Bild: dpa

          Der Weg, auf dem Labour in diesen beklagenswerten Zustand geriet, sollte die Liberalen in den Vereinigten Staaten mit größter Sorge erfüllen, zeigt sich in der Demokratischen Partei doch eine ähnliche Dynamik. Ein rebellischer, dem Sozialismus zugeneigter, judenfeindlicher Progressismus – voller Bewunderung für Jeremy Corbyn und alles, wofür er steht – gewinnt innerhalb der Demokratischen Partei ständig an Boden gegenüber einem alternden gemäßigten Establishment. Eine aus gewählten Vertretern, Medienpersönlichkeiten und Aktivisten zusammengesetzte Gruppe eifert der Taktik ihrer ideologischen Genossen in Großbritannien nach, um die Demokratische Partei zu übernehmen und in ein Werkzeug ihrer extremen Agenda zu verwandeln.

          Die Anhänger des amerikanischen Corbynismus sammeln sich um den Vermonter Senator Bernie Sanders, den „demokratischen Sozialisten“, der wie der Führer der britischen Labour-Partei schon oft seine Blindheit gegenüber dem Treiben linksgerichteter Autokraten im Ausland bewiesen hat. Ein kürzlich entdecktes Video von 1988 zeigt, wie der zukünftige Anwärter auf die Stellung des demokratischen Präsidentschaftskandidaten ein amerikanisches Publikum mit den Highlights einer Reise unterhält, die er und seine Frau Jane in die Sowjetunion unternommen hatten. Dort hatte er ein „äußerst effektives“ Verkehrssystem genutzt und auf Bahnhöfen „schöne Kronleuchter“ bewundert.

          Weitere Themen

          Corbyn hat nichts gelernt

          Antisemitismus bei Labour : Corbyn hat nichts gelernt

          Der frühere Chef von Labour, Jeremy Corbyn, ist aus seiner Partei geflogen, weil unter ihm Antisemitismus zum Normalzustand wurde. Corbyn Reaktions zeigt, dass er seine eigene Haltung und deren katastrophale Folgen nicht ansatzweise erkennt.

          Massenproteste gegen polnische Regierung Video-Seite öffnen

          Umstrittenes Abtreibungsgesetz : Massenproteste gegen polnische Regierung

          In Warschau sind mehr als 100.000 Menschen zusammengekommen, um gegen das strenge Abtreibungsgesetz zu protestieren. Viele Frauenrechtsorganisation äußerten ihren Unmut über den konservativ-katholischen Kurs der Regierungspartei PiS.

          Topmeldungen

          Eine Frau mit einer Packung Eier – im Hintergrund das Kapitol in Havanna

          Corona-Krise auf Kuba : Schlimmer als die Pandemie

          In Kuba setzt die Regierung strenge Maßnahmen gegen Corona ein. Noch härter als die Pandemie trifft die Menschen jedoch die Lebensmittelkrise. Das Land schlittert in eine immer schwierigere Situation.
          Der amerikanische Präsident Donald Trump bei einer Wahlveranstaltung

          Donald Trump : „Deutschland will mich abgewählt sehen“

          Das deutsch-amerikanische Verhältnis hat sich unter Donald Trump erheblich verschlechtert. Der amerikanische Präsident ist sich sicher, dass seine Niederlage nicht nur von China und Iran, sondern auch von Deutschland begrüßt werden würde.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.