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Urteil : Japan entschädigt Familienangehörige von Lepra-Kranken

Die Familienangehörigen von ehemaligen Lepra-Patienten in Japan haben vor Gericht Kompensationszahlungen durchsetzen können. Bild: AP

Die japanische Gesellschaft pflegte einen harschen Umgang mit Lepra-Kranken und ihren Familien. Ein Gericht rügt nun, dass die Regierung zu wenig gegen diese Diskriminierung getan hat. In einem Novum werden jetzt auch die Angehörigen entschädigt.

          In einer überraschenden Entscheidung hat die japanische Regierung beschlossen, Familienangehörige von Lepra-Patienten zu entschädigen. Die Regierung verzichtete auf einen Widerspruch gegen ein Urteil des Bezirksgerichts in Kumamoto und akzeptierte damit die Entschädigungspflicht für 541 Kläger. „Wir dürfen die Leiden der Familienangehörigen nicht verlängern, die durch etwas Unbeschreibliches gegangen sind,“ begründete Ministerpräsident Shinzo Abe die Entscheidung.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Regierungsvertreter verwiesen zugleich darauf, dass es sich um einen besonderen Fall handele. Sie fürchten um einen Präzedenzfall. Vor dem Höchsten Gericht Japans ist ein ähnlicher Fall anhängig, in dem es darum geht, ob die Regierung genügend gegen die Diskriminierung von Angehörigen von Lepra-Kranken getan habe. Spekuliert wird, dass die Regierung bei der Oberhauswahl in weniger als zwei Wochen keine negativen Schlagzeilen produzieren wollte.

          dunkles Kapitel in der japanischen Geschichte

          Der Umgang mit Lepra-Patienten ist ein dunkles Kapitel in der japanischen Geschichte. Seit 1907 hatte die japanische Regierung Lepra-Kranke von ihren Familien und der Gesellschaft getrennt und behandelte sie in speziellen Sanatorien. Das entsprach dem auch in Europa über Jahrhunderte den üblichen Umgang mit Aussätzigen. Obwohl später die Ansteckungsgefahr durch Lepra-Kranke als weitaus geringer eingeschätzt und ein effektives Gegenmittel zur Behandlung gefunden wurden, hielt Japan bis 1996 an der Politik der zwangsweisen Trennung der Lepra-Kranken fest. Nach Auffassung des Gerichts in Kumamoto hätte die Regierung spätestens in den sechziger Jahren die Segregation aufheben müssen.

          Schon 2001 hatte ein Gericht die Segregationspolitik als Verstoß gegen die Verfassung verurteilt und der Regierung auferlegt, Lepra-Patienten zu entschädigen. Das hatte die damalige Regierung akzeptiert. Neu ist nun, dass die Regierung auch das Recht der Angehörigen auf Entschädigung anerkennt. Das Gericht hatte 541 der Kläger Entschädigungen zwischen 300.000 bis 1,4 Millionen Yen (rund 2400 bis 12000 Euro) zugesprochen.

          Das Gericht urteilte, dass die Trennungspolitik der Regierung Vorurteile und Diskriminierung durch die Mehrzahl der Bevölkerung gefördert habe. Familienbande seien zerstört worden. Für die Angehörigen der Lepra-Kranken war es schwierig, in Schulen aufgenommen zu werden, eine Arbeitsstelle zu finden oder zu heiraten. Die Krankheit wurde oft zum Stigma auch für die Familie.

          Das verweist auf den harschen Umgang in der japanischen Gesellschaft mit Minderheiten, der oft durch Vorurteile und Nichtwissen bestimmt ist. Kinder von Überlebenden der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki etwa ließen zum Teil ihren Namen ändern, um der Diskriminierung zu entfliehen und heiraten zu können. Ähnliche Fälle von getrennten Familien oder dem Verschweigen von Angehörigen sind auch von Lepra-Patienten bekannt. Diese Diskriminierung scheint bis heute nicht überwunden. Als Indiz dafür muss gelten, dass viele der Kläger anonym bleiben wollen.

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