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Mord an Boris Nemzow : Vier Kugeln, 26 Fragen und keine richtige Antwort

Demonstration auf dem Roten Platz: Nemzow war ein entschiedener Kritiker der russischen Regierung (Bild aus dem Jahr 2012) Bild: dpa

Musste Boris Nemzow wegen seines Widerstands gegen den Kreml sterben? Im Prozess um die Ermordung des Oppositionspolitikers konnten sich die Geschworenen noch nicht auf ein Urteil einigen.

          5 Min.

          Es war ein passender Abschluss für einen Prozess, der nur unfreiwillig, gleichsam zwischen den Zeilen, der Wahrheitsfindung diente. Etwa mit dem Blick auf diejenigen, die nicht zum Mord an dem russischen Oppositionspolitiker Boris Nemzow befragt wurden, mit Blick auf ungeklärte Motive und offene Fragen. So veranschaulichte das, was in dem Verfahren vor dem Moskauer Militärbezirksgericht seit Oktober vorigen Jahres geschah und nicht geschah, immerhin eines: die Kräfteverhältnisse im Russland Wladimir Putins.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Am Dienstag waren die Geschworenen gehalten, insgesamt 26 Fragen zu der Frage zu beantworten, ob die fünf angeklagten Tschetschenen des Mordes an Nemzow schuldig sind. Schon zuvor waren Geschworene ausgewechselt worden, nun schloss Richter Jurij Schitnikow zwei weitere aus. Zunächst traf es eine Ersatzjurorin, die verschwiegen habe, dass ihr 2013 verstorbener Mann vorbestraft gewesen sei. Sie sagte, sie verstehe nicht, wie das mit dem Mord an Nemzow zusammenhänge, doch Schitnikow hob hervor, der Umstand lasse an ihrer Ehrlichkeit und Unvoreingenommenheit zweifeln. Dann ersetzte er einen Geschworenen, der, so die Anklagevertreterin, Dokumente mit ins Beratungszimmer gebracht habe, die nicht Teil der Prozessakten gewesen seien.

          Die Beschlussfähigkeit sollten diese Änderungen nicht beeinträchtigen. Am Abend indes vertagten sich die Geschworenen auf diesen Mittwoch, da sie, wie es hieß, bislang keine einstimmige Entscheidung gefunden hätten.

          Ein Mangel an Aufklärung durchzog den Prozess. Nemzow wurde von vier Kugeln in den Rücken getroffen, als er am späten Abend des 27. Februar 2015 in Sicht- und Rufweite des Kremls mit seiner Freundin, einem ukrainischen Model, über eine Brücke über den Moskau-Fluss ging. Der Mord verdeutlichte die Gefahren für Russlands Oppositionelle – aber der Schrecken darüber, dass „es“ auch Nemzow treffen konnte, hält bis heute an, was die unermüdlichen Freiwilligen bezeugen können, die sich an der improvisierten Gedenkstätte am Tatort einen ewigen Wettstreit mit den Straßenreinigern liefern.

          „Sie können mich nicht töten“

          Nemzows Markenzeichen war ein unerschrockener, viriler Charme, von dem die Erinnerungen zeugen: „Beichte eines Rebellen“ heißt sein eigenes Buch, „Allzu freier Mensch“ ein Dokumentarfilm über den Mann und seine Zeit. Man sieht darin Nemzow als Gouverneur von Nischnij Nowgorod, als liberalen Jungstar und Favoriten von Präsident Boris Jelzin, als stellvertretenden Ministerpräsidenten in den neunziger Jahren. Man sieht lockeren Umgang, lachende Gesichter in offiziellen Sitzungen – und bemerkt den Unterschied zu den versteinerten Mienen des Personals von heute, das Putin devot Bericht erstattet. Dessen Aufstieg hatte Nemzow anfangs unterstützt, sich aber bald zu einem Kritiker des Präsidenten und dessen Clanwirtschaft entwickelt. Nemzow wurde dafür als „Verräter“ diffamiert, mit Ammoniak überschüttet, nach Protesten tagelang inhaftiert; aber dass ihm Lebensgefahr drohte, glaubte Nemzow nicht. Sein Mitstreiter Ilja Jaschin schrieb dazu, Nemzow habe sich für Putin eingesetzt, als der noch den Geheimdienst FSB leitete, und geglaubt, der Präsident werde sich immer an „den Gefallen“ erinnern. „Sie können mich nicht töten“, habe Nemzow gesagt.

          Unbenanntes Dokument

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          Im Prozess gab es einen großen Abwesenden: Den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow. Der Chefredakteur des Radiosenders Echo Moskwy, dem Nemzow am Abend vor seiner Ermordung ein Interview gegeben hatte, sagte aus, der Oppositionelle habe berichtet, er erhalte immer häufiger Drohungen von „Kadyrowzi“ – unter dieser Bezeichnung sind Kadyrows Leute bekannt. Auch Nemzows Familie sieht das enge Umfeld des Herrschers von Grosnyj hinter der Tat. Sie war in dem Prozess durch einen Anwalt Schanna Nemzowas vertreten, einer Tochter des Ermordeten, die nach Drohungen in Deutschland lebt. Dieser Anwalt forderte ein ums andere Mal, Kadyrow und andere ranghohe Tschetschenen in den Prozess einzubeziehen. Vergebens.

          Ein sechster Verdächtiger war bei einem Einsatz in Grosnyj kurz nach dem Mord ums Leben gekommen; offiziell hieß es, er habe sich mit einer Handgranate in die Luft gesprengt, als versucht worden sei, ihn festzunehmen. Dieser Mann sowie der angebliche Todesschütze, Saur Dadajew, gehörten dem Bataillon Sewer (Norden) an, das in Grosnyj stationiert ist (so wurde die Zuständigkeit des Militärbezirksgerichts begründet). Das Bataillon ist formal Moskau, tatsächlich Kadyrow unterstellt. Dieser lobte die beiden nach dem Mord als „tapfere Krieger“ und bezeichnete sie als unschuldig. Dadajews unmittelbarer Vorgesetzter und stellvertretender Bataillonskommandeur war ein Mann namens Ruslan Geremejew, Bataillonskommandeur war Alibek Delimchanow, ein Bruder von Adam Delimchanow, Kadyrows Statthalter in Moskau und Abgeordneter der Duma, des russischen Unterhauses. Ein Onkel Geremejews ist Abgeordneter im Föderationsrat, dem Oberhaus; man ist miteinander verwandt, verbrüdert, verbündet. Alibek Delimchanow sagte als einziges ranghohes Mitglied von Kadyrows Apparat im Prozess aus – aber er verweigerte unter Berufung auf ein schlechtes Gedächtnis so gut wie alle Antworten so dreist, dass es eigene Aussagekraft hatte. Etwa, warum ein Entlassungsschreiben Dadajews aus dem Militärdienst auf den 28. Februar 2015 datiert war, den Tag nach dem Mord. Oder zu der angeblich missglückten Festnahme in Grosnyj, bei der er gleichfalls zugegen war.

          Ungereimtheiten im Fall Nemzow: Die Angeklagten Temirlan E., Shadid G., Anzor G. und Khamzat B. werden des Mordes am Oppositionspolitiker beschuldigt.
          Ungereimtheiten im Fall Nemzow: Die Angeklagten Temirlan E., Shadid G., Anzor G. und Khamzat B. werden des Mordes am Oppositionspolitiker beschuldigt. : Bild: dpa

          Angeblich soll ein Mann namens Ruslan Muchudinow den Mord organisiert haben, nach ihm wird gefahndet – aber Muchudinow war lediglich Geremejews Fahrer, jünger und rangniedriger als die Angeklagten, die er doch angeleitet haben soll. Zudem bleibt unklar, woher Muchudinow, der Fahrer, die angeblich 15 Millionen Rubel (gut 226 000 Euro) Honorar für den Mord genommen haben soll. Nemzows Familie hält Geremejew für den eigentlichen „Organisatoren“. Dieser mietete eine Wohnung in Moskau, in der Dadajew vor der Tat wohnte, kaufte eine andere Wohnung in derselben Straße, in der weitere Mitglieder der Gruppe wohnten. In einer der Wohnungen wurden Zimmerkarten aus dem „Präsident-Hotel“ auf den Namen des Onkels von Ruslan Geremejew im Föderationsrat gefunden. In das „Präsident-Hotel“, in dem Adam Delimchanow Hof hält, nahm Geremejew Dadajew nach dessen Worten regelmäßig mit. Mit einem anderen Angeklagten ging Geremejew einen Tag vor dem Mord in ein anderes Luxushotel, das „Ukraina“. Unklar blieb, was die beiden dort taten. Zwei Tage nach der Tat flog Geremejew zusammen mit Dadajew nach Grosnyj.

          Geremejew wurde vorgeladen, erschien aber nicht. Ein Ermittler sagte aus, er sei nach Tschetschenien gefahren, aber bei Geremejews habe „niemand geöffnet“. Es heißt, der Mann habe sich nach Dubai abgesetzt. Putin ließ verlauten, er unterstütze die Vorladung Geremejews. Das änderte nichts, und Kadyrow bezeichnete es als richtig, dass sein Untergebener nicht beim Prozess erscheine. Die Ermittler versuchten zweimal, Geremejew anzuklagen, aber die Führung des Ermittlungskomitees blockte die Vorstöße ab.

          Geständnisse widerrufen

          Nach dem Mord wurden diverse Theorien zum Motiv gestreut. So, dass Nemzow wegen der Unterstützung der Karikaturen des Propheten Mohammed der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ getötet worden sei, also aus islamistischen Motiven. Das schaffte es nicht in die Anklage. Prozessbeobachtern fiel auf, dass sich Richter Schitnikow ebenso wenig für die Beweggründe der angeblichen Killer wie für den oder die Auftraggeber interessierte. Der Geheimdienst FSO, der für die Bewachung des Kremls zuständig ist, gab keine Aufzeichnungen der Videokameras heraus, die auf den Tatort und dessen Umfeld gerichtet waren. Dadajew sowie ein angeklagtes Brüderpaar beklagten Folter – und erklärten so, dass sie nach ihren Festnahmen im März 2015 Geständnisse abgegeben hatten, die sie dann widerriefen. In ihren Schlusswörtern hatten alle Angeklagten die Vorwürfe neuerlich zurückgewiesen. „Sie interessiert ein Mann, Kadyrow, aber wir sind nicht er“, sagte Dadajew, der angebliche Schütze. „Tschetschenen schießen nicht in den Rücken. Wir sind kein Volk, das so tötet.“

          Einer der Verteidiger erinnerte daran, dass sich Nemzow wie auch die 2006 ermordete Anna Politkowskaja für Tschetschenien eingesetzt hatte: Der Politiker hatte einst Unterschriften gegen den Krieg in der Teilrepublik gesammelt, die Journalistin über Menschenrechtsverletzungen berichtet. Auch in ihrem Mordfall ist der Auftraggeber nicht ermittelt worden; vor kurzem ist der 2014 zu lebenslanger Haft verurteilte, angebliche Organisator des Mordes in einem Straflager gestorben, angeblich an einer chronischen Krankheit. Der Leichnam des Mannes wurde den Verwandten nach Tschetschenien überstellt.

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