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Mord an Boris Nemzow : Vier Kugeln, 26 Fragen und keine richtige Antwort

Ein sechster Verdächtiger war bei einem Einsatz in Grosnyj kurz nach dem Mord ums Leben gekommen; offiziell hieß es, er habe sich mit einer Handgranate in die Luft gesprengt, als versucht worden sei, ihn festzunehmen. Dieser Mann sowie der angebliche Todesschütze, Saur Dadajew, gehörten dem Bataillon Sewer (Norden) an, das in Grosnyj stationiert ist (so wurde die Zuständigkeit des Militärbezirksgerichts begründet). Das Bataillon ist formal Moskau, tatsächlich Kadyrow unterstellt. Dieser lobte die beiden nach dem Mord als „tapfere Krieger“ und bezeichnete sie als unschuldig. Dadajews unmittelbarer Vorgesetzter und stellvertretender Bataillonskommandeur war ein Mann namens Ruslan Geremejew, Bataillonskommandeur war Alibek Delimchanow, ein Bruder von Adam Delimchanow, Kadyrows Statthalter in Moskau und Abgeordneter der Duma, des russischen Unterhauses. Ein Onkel Geremejews ist Abgeordneter im Föderationsrat, dem Oberhaus; man ist miteinander verwandt, verbrüdert, verbündet. Alibek Delimchanow sagte als einziges ranghohes Mitglied von Kadyrows Apparat im Prozess aus – aber er verweigerte unter Berufung auf ein schlechtes Gedächtnis so gut wie alle Antworten so dreist, dass es eigene Aussagekraft hatte. Etwa, warum ein Entlassungsschreiben Dadajews aus dem Militärdienst auf den 28. Februar 2015 datiert war, den Tag nach dem Mord. Oder zu der angeblich missglückten Festnahme in Grosnyj, bei der er gleichfalls zugegen war.

Ungereimtheiten im Fall Nemzow: Die Angeklagten Temirlan E., Shadid G., Anzor G. und Khamzat B. werden des Mordes am Oppositionspolitiker beschuldigt.
Ungereimtheiten im Fall Nemzow: Die Angeklagten Temirlan E., Shadid G., Anzor G. und Khamzat B. werden des Mordes am Oppositionspolitiker beschuldigt. : Bild: dpa

Angeblich soll ein Mann namens Ruslan Muchudinow den Mord organisiert haben, nach ihm wird gefahndet – aber Muchudinow war lediglich Geremejews Fahrer, jünger und rangniedriger als die Angeklagten, die er doch angeleitet haben soll. Zudem bleibt unklar, woher Muchudinow, der Fahrer, die angeblich 15 Millionen Rubel (gut 226 000 Euro) Honorar für den Mord genommen haben soll. Nemzows Familie hält Geremejew für den eigentlichen „Organisatoren“. Dieser mietete eine Wohnung in Moskau, in der Dadajew vor der Tat wohnte, kaufte eine andere Wohnung in derselben Straße, in der weitere Mitglieder der Gruppe wohnten. In einer der Wohnungen wurden Zimmerkarten aus dem „Präsident-Hotel“ auf den Namen des Onkels von Ruslan Geremejew im Föderationsrat gefunden. In das „Präsident-Hotel“, in dem Adam Delimchanow Hof hält, nahm Geremejew Dadajew nach dessen Worten regelmäßig mit. Mit einem anderen Angeklagten ging Geremejew einen Tag vor dem Mord in ein anderes Luxushotel, das „Ukraina“. Unklar blieb, was die beiden dort taten. Zwei Tage nach der Tat flog Geremejew zusammen mit Dadajew nach Grosnyj.

Geremejew wurde vorgeladen, erschien aber nicht. Ein Ermittler sagte aus, er sei nach Tschetschenien gefahren, aber bei Geremejews habe „niemand geöffnet“. Es heißt, der Mann habe sich nach Dubai abgesetzt. Putin ließ verlauten, er unterstütze die Vorladung Geremejews. Das änderte nichts, und Kadyrow bezeichnete es als richtig, dass sein Untergebener nicht beim Prozess erscheine. Die Ermittler versuchten zweimal, Geremejew anzuklagen, aber die Führung des Ermittlungskomitees blockte die Vorstöße ab.

Geständnisse widerrufen

Nach dem Mord wurden diverse Theorien zum Motiv gestreut. So, dass Nemzow wegen der Unterstützung der Karikaturen des Propheten Mohammed der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ getötet worden sei, also aus islamistischen Motiven. Das schaffte es nicht in die Anklage. Prozessbeobachtern fiel auf, dass sich Richter Schitnikow ebenso wenig für die Beweggründe der angeblichen Killer wie für den oder die Auftraggeber interessierte. Der Geheimdienst FSO, der für die Bewachung des Kremls zuständig ist, gab keine Aufzeichnungen der Videokameras heraus, die auf den Tatort und dessen Umfeld gerichtet waren. Dadajew sowie ein angeklagtes Brüderpaar beklagten Folter – und erklärten so, dass sie nach ihren Festnahmen im März 2015 Geständnisse abgegeben hatten, die sie dann widerriefen. In ihren Schlusswörtern hatten alle Angeklagten die Vorwürfe neuerlich zurückgewiesen. „Sie interessiert ein Mann, Kadyrow, aber wir sind nicht er“, sagte Dadajew, der angebliche Schütze. „Tschetschenen schießen nicht in den Rücken. Wir sind kein Volk, das so tötet.“

Einer der Verteidiger erinnerte daran, dass sich Nemzow wie auch die 2006 ermordete Anna Politkowskaja für Tschetschenien eingesetzt hatte: Der Politiker hatte einst Unterschriften gegen den Krieg in der Teilrepublik gesammelt, die Journalistin über Menschenrechtsverletzungen berichtet. Auch in ihrem Mordfall ist der Auftraggeber nicht ermittelt worden; vor kurzem ist der 2014 zu lebenslanger Haft verurteilte, angebliche Organisator des Mordes in einem Straflager gestorben, angeblich an einer chronischen Krankheit. Der Leichnam des Mannes wurde den Verwandten nach Tschetschenien überstellt.

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