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Nach Urteil im „El Chapo“ : Die Kartelle sind nicht mehr unantastbar

  • -Aktualisiert am

Ein zerschossenes Straßenschild in Badiraguato, „El Chapos“ Heimat in der Sinaloa-Provinz. Bild: AFP

Die Verurteilung Joaquín Guzmáns ist eine Zäsur in der Geschichte der Drogenbekämpfung. Doch ein Sieg über die Kartelle ist sie noch nicht.

          4 Min.

          Das Urteil von Brooklyn sendet ein lautstarkes Signal weit über die Vereinigten Staaten hinaus. Ein Ermittler der amerikanischen Einwanderungspolizei nannte den Schuldspruch für Joaquín Guzmán Loera, den legendären „El Chapo“, am Dienstag in New York eine Botschaft an die Bosse der Drogenkartelle im südlichen Nachbarland: „Ihr seid nicht unerreichbar. Ihr seid nicht unantastbar. Euer Tag wird kommen!“ Die Worte drücken nicht nur nicht nur tiefe Befriedigung aus. Sie sind auch mit einer Drohung verbunden: Der Kampf gegen die Kartelle geht weiter.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Die Verurteilung war ein Schlag gegen das mexikanische Sinaloa-Kartell – die kriminelle Organisation ist damit aber mitnichten am Ende. Nach Einschätzung der „Drug Enforcement Agency“ (DEA), der amerikanischen Behörde zur Bekämpfung des Drogenhandels, stellen Guzmáns Organisation sowie das sogenannte Jalisco New Generation Kartell weiterhin die größte Bedrohung für die Vereinigten Staaten im Bereich der Drogenkriminalität dar. Denn auch ohne „El Chapo“, den man wegen seiner Körpergröße von 1,68 Meter „den Kurzen“ nennt, laufen die Geschäfte des Kartells. Laut DEA ist in den Jahren 2016 und 2017 die Heroin-Produktion in Mexiko um 37 Prozent gestiegen. Zudem habe sich die Beschlagnahme des synthetischen Opioids Fetanyl an der südwestlichen Grenze zu Mexiko in dem Zeitraum verdoppelt.

          Dennoch stellt die Verurteilung Guzmáns eine Zäsur dar, nicht nur weil sie den Mann entmystifiziert, der zu einer gleichsam popkulturellen Figur Hollywoods aufgestiegen war, sondern auch weil der Prozess offenbarte, wie sehr die Kartelle zwischenzeitlich den mexikanischen Staat durchdrungen hatten. Die Lebensgeschichte Guzmáns, der kaltblütig folterte, vergewaltigte und mordete, liest sich wie ein Roman.

          1957 im Bundesstaat Sinaloa im Westen Mexikos geboren, wuchs er mit sechs Geschwistern als Sohn eines Viehzüchters auf. Seine Schulbildung endete mit der dritten Klasse. Was er lernte, lernte er auf der Straße. Er arbeitete für die Bosse des Juarez- und des Guadalajara-Kartells. Irgendwann war er zuständig für die Kokain-Flüge von Kolumbien nach Mexiko. In den achtziger Jahren trat er aus der zweiten Reihe hervor, stieg ins Sinaloa-Kartell ein, das er Ende der neunziger Jahre gemeinsam mit Ismael Zambada García übernahm. In dem Prozess in Brooklyn versuchten seine Verteidiger Guzmáns Rolle in dem Kartell zu verschleiern. Der eigentliche strategische Kopf sei Zambada – genannt „El Mayo“. Zambada, der seit fünfzig Jahren von den mexikanischen Behörden gesucht wird, ist nie gefasst worden.

          100 Millionen Dollar Bestechungsgeld an den Präsidenten

          Guzmán hingegen befand sich seit 1993 immer wieder in Haft. In jenem Jahr wurde er in Guatemala festgenommen, in seine Heimat ausgeliefert und zu einer Haftstrafe von fast 21 Jahren verurteilt. Als Zambada und er das Kartell übernahmen – wegen der Verhaftung des bisherigen Kartellbosses Héctor Salazar –, saß Guzmán selbst ein und führte die Geschäfte aus der Haft heraus. 2001 gelang ihm zum ersten Mal ein Ausbruch, über den es freilich unterschiedliche Versionen gibt. Ein Gefängniswärter soll ihm die Zellentür geöffnet und „El Chapo“ die Flucht in einem Wäschetransporter ermöglicht haben. Damals schon wurde behauptet, es habe einen Deal des Kartells mit Vicente Fox gegeben, dem seinerzeitigen Präsidenten Mexikos.

          In den folgenden Jahren wurde Guzmáns zu einem der reichsten Männer der Welt. Zwischen 2009 und 2013 führte das Forbes-Magazin ihn jeweils unter den 70 mächtigsten Personen – mit einem geschätzten Vermögen von einer Milliarde Dollar. Er war damit der zweitmächtigste Mann Mexikos. So mächtig, dass er nach der Aussage eines Zeugen in dem Brooklyner Prozess dem früheren mexikanischen Präsidenten Enrique Pena Nieto 100 Millionen Dollar gezahlt haben soll – im Gegenzug dafür, nicht weiter verfolgt zu werden. Wie dem auch sei – 2014 folgte die zweite Verhaftung. Diesmal stellten mexikanische Marineinfanteristen und Mitglieder der amerikanischen DEA den Mann.

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