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Ursula von der Leyen : Wir brauchen ein neues Europäisches Bauhaus

  • -Aktualisiert am

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Oktober 2020 in Brüssel Bild: dpa

Wir stehen vor neuen globalen Aufgaben. Und brauchen eine neue Bewegung, die unsere Städte und unser Wohnen nachhaltiger und lebenswerter macht. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Chicago, Tel Aviv, Ascona, Dessau, Kaliningrad. Paul Klee, Kandinsky, Anni Albers, László Moholy-Nagy, Iwao Yamawaki. Das 1919 von Walter Gropius und Freunden in Weimar gegründete „Staatliche Bauhaus“ avancierte schnell zur internationalen Bewegung für Architektur, Kunst und Design. Sie beeinflusst seit hundert Jahren kreatives Denken, Möbeldesign und Stadtbilder in der ganzen Welt. Das Bauhaus hat den sozialen und wirtschaftlichen Übergang zur Industriegesellschaft und ins 20. Jahrhundert buchstäblich mitgestaltet.

          Hundert Jahre später stehen wir vor neuen globalen Herausforderungen: dem Klimawandel, der Digitalisierung und einem Anstieg der Erdbevölkerung auf bis zu zehn Milliarden Menschen bis 2050. Alle Annahmen basieren auf einem scheinbar grenzenlosen Wirtschaftswachstum auf Kosten unseres Planeten und seiner begrenzten natürlichen Ressourcen. Für mindestens 40 Prozent aller Treibhausgasemissionen sind Gebäude und Infrastrukturen verantwortlich. Dazu kommt, dass moderne Konstruktionen meist Zement und Stahl nutzen, zwei Materialien, deren Herstellung immens viel Energie verbraucht und direkt CO2 freisetzt.

          Wir müssen umdenken und umplanen. Unsere Wirtschaft muss sich stärker in Kreisläufen organisieren, die Ressourcen schonen, die der Natur das zurückgeben, was sie ihr entnehmen. Europa kann und soll dabei eine führende Rolle spielen. Deswegen haben wir uns als Europäische Union den Europäischen Green Deal auf die Fahnen geschrieben. Der Europäische Green Deal öffnet einen breiten Fächer an Möglichkeiten und ist unsere neue Wachstumsstrategie. Unser Ziel ist, dass Europa bis 2050 der erste klimaneutrale Kontinent wird.

          Dafür braucht es aber mehr als nur das Zurückfahren von Emissionen. Der Green Deal muss auch ein neues kulturelles Projekt für Europa sein! Jede Bewegung hat ihr eigenes Aussehen und ihre eigene Anziehungskraft. Wir müssen Design und Nachhaltigkeit miteinander in Einklang bringen.

          Aus diesem Grund werden wir eine neue Europäische Bauhaus-Bewegung anstoßen – einen Raum des gemeinsamen Gestaltens und der Kreativität, in dem Architekten, Künstlerinnen, Studenten, Systemwissenschaftler, Ingenieurinnen und Designer zusammenarbeiten, um diese Vision zu verwirklichen. Das neue Europäische Bauhaus wird eine treibende Kraft sein, um sich auf innovative bürgernahe Weise mit dem Green Deal auseinanderzusetzen. Eine Europäische Bauhaus-Bewegung, die auf Nachhaltigkeit und Design setzt, kann dazu beitragen, die Green-Deal-Agenda den Menschen näherzubringen. Ebenso die verwandten Themen wie Kreislaufwirtschaft, erneuerbare Energien und Artenvielfalt.

          Mehr als eine Architekturschule

          Das neue Europäische Bauhaus macht den European Green Deal anschaulich und erfahrbar. Etwa als Bauwirtschaft im Einklang mit der Natur, die auf natürliche Materialien wie Holz oder Bambus setzt. Als Architektur, die sich naturnahe Formen und Konstruktionsprinzipien zu eigen macht, die von Anfang an auf Wechselwirkungen in Ökosystemen Rücksicht nimmt, die Nachhaltigkeit und Wiederverwendbarkeit von Anfang an einplant.

          Das neue Europäische Bauhaus soll sich aber auch den anderen Megatrend unseres Jahrhunderts zunutze machen: Die Digitalisierung verändert zunehmend unser Denken und Handeln. Häuser, Siedlungen und Städte arbeiten und funktionieren künftig mit ihrem „digitalen Zwilling“. So können schon mittels Computersimulation bessere Konstruktionsentscheidungen in Bezug auf Ressourceneffizienz, Wiederverwendbarkeit oder Auswirkungen auf das Umgebungsklima getroffen werden. Das Ziel sind vollständig klimaneutrale und lebenswertere Städte.

          Wie die historische Bauhaus-Bewegung soll auch das neue Europäische Bauhaus mehr sein als eine Architekturschule, die neue Technologien und Techniken nutzt. Der bahnbrechende Erfolg des Bauhauses wäre nicht denkbar gewesen ohne den Brückenschlag zu Kunst und Kultur wie auch den sozialen Fragen der damaligen Zeit. Das alte Bauhaus hat bewiesen, dass industrielles und zugleich gutes Design das tägliche Leben von Millionen von Menschen verbessern kann.

          Fünf Projekte in zwei Jahren

          Ich wünsche mir das neue Europäische Bauhaus als kreative und interdisziplinäre Bewegung. In den kommenden zwei Jahren sollen zunächst fünf Europäische Bauhaus-Projekte in verschiedenen Ländern der Union entstehen. Alle sind dem Thema Nachhaltigkeit verpflichtet, setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte. Diese reichen von naturnahen Baustoffen und Energieeffizienz über Kunst und Kultur, Demographie, zukunftweisende Mobilität bis zu ressourcenschonender digitaler Innovation. Sie sollen ein kreatives Experimentallabor und Andockstelle für europäische Industrien sein und Ausgangspunkt für ein europa- und weltweites Netzwerk, das die wirtschaftliche, ökologische und soziale Bedeutung über das individuelle Bauhaus hinaus erweitert.

          Wenn wir es schaffen, Nachhaltigkeit mit gutem Design zu verbinden, dann wird das dem European Green Deal Schub und Strahlkraft verleihen über europäische Grenzen hinaus. Es soll den notwendigen gesellschaftlichen Diskurs über neue Bauweisen und Designformen anregen. Das Europäische Bauhaus sucht und gibt praktische Antworten auf die gesellschaftliche Frage, wie modernes Leben der Europäerinnen und Europäer im Einklang mit der Natur aussehen kann. Und es wird helfen, das 21. Jahrhundert schöner und humaner zu machen.

          Ursula von der Leyen ist Präsidentin der Europäischen Kommission.

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