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Nato-Manöver in Polen : „Einer für alle und alle für einen“

„Geschichte geschrieben“: Polnische Soldaten blicken aus der Luke ihres Kampfpanzers - sie waren Teil der Übung der neuen Nato-Speerspitze nahe Sagan Bild: dpa

Die Nato reagiert mit dem ersten Gefechtsmanöver ihrer neuen „Speerspitze“ in Polen auf „russische Bedrohungen“. Verteidigungsministerin von der Leyen spricht von „rein defensiven Maßnahmen“.

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          Die neue sogenannte Speerspitze der schnellen Nato-Eingreiftruppe hat in Polen ihr erstes großes Manöver absolviert. Soldaten aus Deutschland, den Niederlanden, Norwegen und Polen demonstrierten gemeinsam mit Kräften aus Tschechien und Belgien auf dem Manövergelände in Sagan, welches Maß an gemeinsamer Kampfkraft Kompanien und Bataillone aus unterschiedlichen Nato-Ländern nach kurzer Trainingszeit gemeinsam erreichen können.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte nach dem Ende einer Manövervorführung, zu der sich auch die Verteidigungsministerinnen aus Deutschland, den Niederlanden und Norwegen eingefunden hatten, die Nato habe ihre Handlungsfähigkeit in neuer sicherheitspolitischer Lage bewiesen. Er sei beeindruckt von den Leistungen, die Soldaten aus neun Nato-Ländern gemeinsam gezeigt hätten. Stoltenberg fügte hinzu: „Einer für alle und alle für einen ist das Grundprinzip unserer Allianz.“

          Manöverbesuch in Zagan: Ursula von der Leyen, Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg, die Verteidigungsministerin von Norwegen, Ine Marie Eriksen Søreide und die Niederländerin Jeanine Hennis-Plasschaert (v.l.)

          Der polnische Verteidigungsminister Thomas Szymoniak sagte, das erste Manöver der neuen Speerspitze der Nato-Truppen „hat heute Geschichte geschrieben“. Szymoniak hieß die Erwägungen der amerikanischen Regierung ausdrücklich gut, Panzer und schweres Gerät in einer Menge, die zur Ausrüstung einer Brigade notwendig wäre, in osteuropäischen Nato-Staaten zu stationieren, ohne die Soldaten dazu dauerhaft mitzuschicken. Die Waffen und das Gerät sollten in fünf verschiedenen Nato-Staaten gelagert werden.

          Die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nannte die amerikanischen Pläne „eine angemessene defensive Maßnahme“. Die Amerikaner seien „geografisch weit entfernt“ von den Übungsräumen im Osten des Nato-Territoriums, daher sei solch eine „Voraus-Stationierung“ sinnvoll. Im Übrigen habe der amerikanische Präsident bereits vor Jahresfrist angekündigt, eine Milliarde Dollar für solche Ausrüstungszwecke zur Verfügung zu stellen.

          Die Sicherheitssorgen einiger osteuropäischer Nato-Mitgliedstaaten angesichts des russischen Vorgehens in der Ukraine, seien „auch unsere Sorgen. Die Ankündigung des russischen Präsidenten Wladimir Putin zur Modernisierung des Atomwaffenarsenals nehme sie „zur Kenntnis". Die Nato sei "das stärkste Militärbündnis der Welt" und zugleich "darauf angelegt, defensiv zu sein".

          „Ein erstaunliches Bild“

          Auch der Oberbefehlshaber der Nato in Europa (Saceur), der amerikanische General Philip Breedlove, äußerte, die Pläne zur Deponierung schwerer Waffen im Umfang einer Brigadeausstattung sollten keine Überraschung darstellen. Breedlove zeigte sich mit der Manöverschau in Sagan sehr zufrieden. Die beteiligten Einheiten hätten gezeigt, wie gut die Zusammenarbeit unter den einzelnen Partnern der Allianz funktionieren könne. Es sei ein „erstaunliches Bild“ der Fähigkeiten der Nato gezeigt und demonstriert worden, „dass unsere große Allianz bereit ist“.

          Breedlove zeigte sich zuversichtlich, dass die schnelle Speerspitze der Nato dauerhaft eine hohe Einsatzbereitschaft erhalten könne, auch wenn die Truppenteile, die dafür aus einzelnen Mitgliedstaaten abgestellt werden, jedes Jahr rotieren. Es hätten sich sieben größere Nato-Länder bereit gefunden, im jährlichen Wechsel die Führungseinheit der insgesamt etwa Brigadestärke erreichenden Speerspitze (rund 3000 Soldaten) zu stellen.

          Der Kommandeur der provisorischen „Gemeinsamen Eingreiftruppe in erhöhter Alarmbereitschaft“ („Very high Readinesss Joint Task Force“), wie die Speerspitze im Militärjargon der Nato heißt, der niederländische Brigadegeneral Kees Matthijssen, sagte zum Abschluss der Mobilisierungsübung „Noble Jump“, die Speerspitze habe ihre Übungsziele erreicht.

          Zum Manöver reisten rund 2000 Soldaten mit Gerät auf das Übungsgelände von Sagan, das einst als Schießplatz für preußische Truppen im 19. Jahrhundert eingerichtet worden war. Im Zweiten Weltkrieg diente der sandige Übungsplatz unter anderem als Übungsgelände für Wehrmachtstruppen, die in die nordafrikanische Wüste verlegt werden sollten.

          Ein Schauszenario zum Abschluss

          Die Truppenteile für „Noble Jump“ wurden am 9. Juni alarmiert und binnen dreier Tage aus Norwegen, den Niederlanden, Deutschland und der Tschechischen Republik nach Polen verlegt. Der Transport umfasste dreißig Straßenkonvois, neun Eisenbahnzüge und 17 Flüge. Neben Panzern und schwerem Gerät wurden rund hundert Container Ausrüstung in den Manöverraum gebracht.

          Am 13. Juni begann der fünf Tage währende gemeinsame Übungsabschnitt, in dem die Truppenteile der einzelnen Nationen fünf Tage lang ihr Zusammenwirken trainierten. Das Schauszenario zum Abschluss der Übung bestand aus der Erstürmung eines Hauses und Gefangennahme eines feindlichen Anführers durch polnische, niederländische und lettische Spezialkräfte. Anschließend führten niederländische und tschechische Fallschirmjäger einen Luftlandeangriff auf einen Kommandoposten der feindlichen Aufständischen aus, die aus amerikanischen „Blackhawk“-Hubschraubern abgesetzt wurden. Den Abschluss bildeten Angriffe der deutschen Panzergrenadiere und einer norwegischen Panzerkompanie, unterstützt von belgischer Artillerie und polnischen Panzertruppen.

          Getarnt, aber zugleich mit Signalfarben auf dem Kopf: Etwa 2000 Soldaten waren mit Gerät auf dem Übungsgelände von Sagan im Einsatz.

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