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Unmut über Dominic Raab : „Am Steuer eingeschlafen“

Kritik aus der Labour Party und von Parteifreunden: Außenminister Dominic Raab am Donnerstag in London Bild: dpa

Als die Taliban Afghanistan unter ihre Kontrolle brachten, war der britische Außenminister Dominic Raab im Strandurlaub. Laut Medienberichten bat er seine Untergebenen, ihn auf keinen Fall zu stören.

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          Als die Taliban am Sonntag in Kabul einmarschierten, vergnügte sich der britische Außenminister am Strand auf Kreta. So berichtete es jedenfalls die Zeitung Daily Mail mit Berufung auf „Zeugen“. Es ist nicht der einzige Vorwurf, der Dominic Raab gerade plagt. Aber die Strand-Episode verdichtet die Kritik an ihm zu einem besonders unvorteilhaften Bild. In der Opposition häufen sich die Rücktrittsforderungen, und auch auf den Bänken der konservativen Regierungspartei ist Unverständnis laut geworden. Die Frage ist: Wird Raab zum ersten politischen Opfer der Ereignisse in Afghanistan?

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Laut der Daily Mail wurde der Außenminister Ende vergangener Woche von der Stallwache im Foreign Office bedrängt, seinen Urlaub abzubrechen und vorher den afghanischen Außenminister Mohammad Hanif Atmar anzurufen, um die Rettung von Dolmetschern vorzubereiten, die für die Briten in Afghanistan gearbeitet hatten. Im Außenministerium hieß es am Donnerstag, dass Raab das Telefongespräch an seinen Staatssekretär Zac Goldsmith delegiert hätte.

          Allein das hat viele verwundert. In der Welt der Diplomatie wiegt die Kleiderordnung schwer, und die Delegation an einen Stellvertreter signalisiert mangelnde Dringlichkeit. Für das Gespräch zwischen Hanif Atmar und Goldsmith sei dann auch erst einen Tag später ein Termin gefunden worden, hieß es zunächst, bis schließlich herauskam, dass das Telefonat überhaupt nicht stattfand. „Angesichts der sich rasant verändernden Lage war es nicht möglich, das Gespräch vor dem Zusammenbruch der Regierung anzusetzen“, gab ein Sprecher in der Nacht auf Freitag zu.

          „Die Fahrlässigkeit der Regierung wird Menschenleben kosten“

          Ursprünglich war Raab mit der Erklärung entlastet worden, er sei mit anderen Telefonaten im Stundentakt beschäftigt gewesen. Anonyme Quellen aus dem Foreign Office berichteten der Zeitung The Guardian, Raab habe in den Tagen vor dem Fall Kabuls nicht einmal die britischen Botschafter in den umliegenden Ländern angerufen. Der Außenminister habe „im Prinzip abgelehnt, sich wegen irgendetwas kontaktieren zu lassen“, zitierte die Zeitung einen Diplomaten.

          Die oppositionelle Labour Party verlangt nun nicht nur Raabs Rücktritt, sondern erhebt härteste Anklagen: „Während der größten außenpolitischen Krise seit Menschengedenken im Urlaub zu sein ist ein unverzeihliches Führungsversagen“, sagte die für Außenpolitik zuständige Abgeordnete Lisa Nandy und fügte an: „Die Fahrlässigkeit der Regierung wird Menschenleben kosten.“ Ein konservativer Abgeordneter wurde mit den Worten zitiert, der Außenminister sei „am Steuer eingeschlafen“.

          Im Kabinett wird Raab bislang unterstützt. Verteidigungsminister Ben Wallace erklärte den Vorwurf, Raab habe seine Pflicht vernachlässigt, für ungerechtfertigt. Am fraglichen Freitag sei die afghanische Regierung bereits „schneller als Eis geschmolzen“. Zu diesem Zeitpunkt einen Minister anzurufen hätte „keinen Unterschied gemacht“. Gesundheitsminister Sajid Javid lobte Raab als „einen der professionellsten und effektivsten Minister, mit denen ich je zusammengearbeitet habe“.

          Premierminister Boris Johnson antwortete am Freitag auf die Frage von Journalisten, ob er immer noch Vertrauen in Raab habe: „Absolut. Auf jeden Fall“. Der Außenminister selbst rechtfertigte sich in einer offiziellen Erklärung. Er habe das geplante Telefonat mit Hanif Atmar delegiert, weil er sich auf die „Sicherheit und Kapazitäten am Flughafen“ konzentrieren wollte. Diese Priorisierung habe sich als die richtige erwiesen, weil sie zu der frühen Rückführung von mehr als 200 Briten und Ortskräften am Montagmorgen geführt habe. Seither seien 1635 weitere Flüchtlinge nach Großbritannien ausgeflogen worden.

          Ob die Kritik an der Regierung in London damit abebbt, ist ungewiss. Die Zeitung The Times berichtete am Freitag, die drei für die Evakuierung entscheidenden Ministerien des Äußeren, des Inneren und der Verteidigung arbeiteten weiterhin mit begrenzten Kapazitäten. Es befindet sich noch immer höchstes Führungspersonal im Sommerurlaub.

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