https://www.faz.net/-gpf-8j2ph

Untersuchungskommission : Vernichtendes Urteil für Blairs Kriegs-Entscheidung

  • Aktualisiert am

Großbritanniens ehemaliger Premierminister Tony Blair spricht vor britischen Soldaten in Basra im Mai 2003. Bild: AP

Unzureichend geplant, die Folgen komplett unterschätzt: So bewertet eine britische Untersuchungskommission den Irak-Einsatz Großbritanniens. Tony Blair hatte dem damaligen amerikanischen Präsidenten Bush trotzdem die Gefolgschaft versprochen.

          4 Min.

          Die britische Untersuchungskommission zum Irak-Krieg hat die Entscheidung der damaligen Regierung unter Premierminister Tony Blair zur Beteiligung an der von Amerika geführten Invasion 2003 als voreilig bewertet. Die politische Entscheidung sei gefallen, bevor alle „friedlichen Optionen für eine Entwaffnung“ des Irak unter Machthaber Saddam Hussein ausgeschöpft worden seien, sagte der Kommissionsvorsitzende John Chilcot bei der Vorstellung des Berichts am Mittwoch in London.

          Zudem seien die Pläne für die Nachkriegszeit „völlig unzureichend“ gewesen, kritisierte der ehemalige Diplomat. „Ein Militäreinsatz war damals nicht das letztmögliche Mittel“, sagte Chilcot, nach dem auch die Kommission benannt ist. Dennoch habe Blair dem damaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush Gefolgschaft versprochen, „was auch geschehen möge“. Dabei habe sich Blair auf fehlerhafte Geheimdienst-Informationen verlassen und diese nicht in Frage gestellt.

          Für die Nachkriegsphase gelte laut dem Bericht: „Trotz ausdrücklicher Warnungen wurden die Folgen der Invasion unterschätzt. Die Planungen und Vorbereitungen für einen Irak nach Saddam waren völlig unzureichend.“

          Blair: „Entscheidung in gutem Glauben getroffen“

          Blair selbst entschuldigte sich 2015 in einem Interview mit dem Fernsehsender „CNN“ für Fehler während des Einsatzes. Darüber hinaus sagte er, dass der Militäreinsatz den Aufstieg der Terrormiliz „Islamischer Staat“ begünstigt habe. Die Folgen von Husseins Sturz habe man falsch eingeschätzt. Auch gestand Blair, dass bei der Planung und den Sicherheitsvorkehrungen Fehler gemacht wurden.

          Kurz nach der Veröffentlichung des Berichts äußerte sich der ehemalige Premierminister zu den Ergebnissen: Er habe die Entscheidung, an der Seite der Vereinigten Staaten von Amerika militärisch gegen den irakischen Machthaber vorzugehen, in gutem Glauben getroffen und für das Beste für sein Land gehalten. Für alle Fehler werde er „die volle Verantwortung übernehmen, ausnahmslos und ohne Ausrede“, schrieb Blair.

          Cameron schwört, Fehler zu vermeiden

          Der scheidende Premierminister David Cameron sagte im britischen Parlament, dass jeder einzelne Abgeordnete seinen Teil der Verantwortung zu tragen habe. Die Politik müsse aus diesem Bericht mehrere Lektionen ziehen, mahnte er. Krieg sollte immer die letzte Möglichkeit der Politik sein, so Cameron. Prämissen sollten immer hinterfragt werden dürfen, auch von Rangniedrigeren. Außerdem müsse es eine konkrete Plaung dafür geben, was nach dem bewaffneten Konflikt geschehen solle. Letztlich müsse die Armee, wenn Sie in solche Einsätze geschickt wird, so gut wie möglich ausgerüstet ist.

          Es gebe jedoch auch Lehren, die Cameron explizit nicht aus dem Bericht ziehen will. So dürfe Großbritannien sich nie allein auf Informationen aus den Vereinigten Staaten verlassen und sich nie scheuen, offen mit der amerikanischen Regierung zu sprechen. Nichtsdestotrotz, sei Amerika der beste Freund und Partner des Landes. Die Geheimdienste dürfen nicht über Gebühr gelähmt werden, da die Informationen der Dienste lebenswichtig für die Entscheidungsfindung der Regierung seien. Außerdem dürfe man Interventionen nicht per se verdammen. Viele seien richtig gewesen, wie zum Beispiel in Sierra Leone und im Kosovo und in einigen Fällen hätte man eingreifen sollen, wo man es nicht getan hat, wie zum Beispiel in Srebrenica.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) am Montag in der Universitätsklinik Aachen

          Corona-Bekämpfung : Der Ausstieg ist kein Tabuthema

          Der Ruf nach einer „Exit-Strategie“ ist berechtigt. Aber gibt es klare Maßstäbe dafür? Wo es Sicherheit nicht gibt, sollte Sicherheit nicht vorgegaukelt werden.
          In der Corona-Krise sind Gesundheitssysteme in vielen Ländern überfordert: Intensivstation mit Covid-19-Erkrankten in einer Klinik im italienischen Pavia

          Nach der Corona-Krise : Deutschland wird zum Vorsorgestaat

          Die Corona-Krise erschüttert die Grundlagen unserer Gesellschaften und der Weltwirtschaft. Das Verhältnis von Markt und Staat wird sich fundamental ändern. Gesundheitssysteme sind nicht mehr privatisierbar. Ein Gastbeitrag.
          Auch im Studio von „Hart aber fair“ wird der nötige Sicherheitsabstand zwischen den Diskussionsteilnehmern eingehalten.

          TV-Kritik „Hart aber fair“ : Dokumentieren statt Quatschen

          Zur besten Sendezeit findet Frank Plasberg mit „Hart aber fair“ ein Konzept, um über die Auswirkungen der Corona-Krise diskutieren zu können. Dabei hilft die Entscheidung, der Talkshow eine längere Reportage voranzustellen.
          Der Titel wird in Liverpool ersehnt wie kaum etwas anderes: Trainer Jürgen Klopp könnte die englische Fußball-Meisterschaft verpassen.

          Angst beim FC Liverpool : Klopp droht ein Fußball-Drama

          Der englische Fußball denkt angesichts der Corona-Krise über verschiedene Zukunftsszenarien nach. Eines davon könnte für den FC Liverpool und seinen deutschen Trainer zum Albtraum werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.