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Untersuchungsbericht : Abu Ghraib: Mangelhafte Führung

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Abu Ghraib: „Umfeld ohne klare Regeln” Bild: REUTERS POOL

Ein Untersuchungsbericht der amerikanischen Armee wirft hohen Militärs mangelhafte Führung und Aufsicht über das Gefängnis in Abu Ghraib vor. Medizinisches Personal soll Mißhandlungen vertuscht und Totenscheine gefälscht haben.

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          In einem neuen Bericht zu dem Folterskandal im Gefängnis von Abu Ghraib wird hohen Militärs mangelhafte Führung und Aufsicht über das Gefängnis in Abu Ghraib und über andere Militärgefängnisse im Irak vorgeworfen. Dadurch sei ein Umfeld ohne klare Regeln geschaffen worden.

          Wechselnde Richtlinien zur Kontrolle der insgesamt rund 45.000 Häftlinge im Irak und Verhörregeln, die erst allmählich ausgearbeitet worden seien, hätten einen weiten Ermessensspielraum gelassen und zum Teil auch vollständig ignoriert werden können.

          Ermittlern des militärischen Nachrichtendienstes sei Fehlverhalten im Umgang mit Gefangenen vorzuwerfen. Die Untersuchungen von Generalmajor George Fray hätten dagegen keine Beweise dafür ergeben, daß Militärs in Dienstgraden oberhalb von Oberst Thomas Pappas, der die 205. Heeresbrigade für nachrichtendienstliche Ermittlungen in Abu Ghraib kommandierte, unmittelbare Mitschuld an der Mißhandlung von Gefangenen treffe, sagten Vertreter des Militärs und des Pentagons.

          "Keine direkten Anweisungen"

          Bislang sind nur sechs Militärpolizisten wegen des Folterskandals angeklagt; ein Militärpolizist wurde zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt. Vier Ermittlungen zu den Mißhandlungen in Abu Ghraib laufen noch, darunter die Untersuchung zur Verhörpolitik des Pentagons, die von dem früheren Verteidigungsminister Schlesinger geleitet wird. Sein Bericht wird in den nächsten Tagen erwartet.

          Als Grund für die mangelnde Aufmerksamkeit, die führende Offiziere unter dem Kommando von Generalleutnant Ricardo Sanchez dem Geschehen in den Gefängnissen geschenkt hätten, wird der Ausbruch der Gewalttätigkeiten im Irak genannt, auf deren Eindämmung sich die Militärführung im vergangenen Herbst, auf dem Höhepunkt des Skandals, konzentriert habe. Zur Rolle des Pentagons heißt es, von dort habe es "keine direkten Anweisungen" gegeben, die zur Mißhandlung von Häftlingen geführt hätten.

          Vorwürfe gegen medizinisches Personal

          Die Ermittlungen Frays galten auch dem Verhalten von medizinischem Personal in Abu Ghraib. Medizinische Betreuer, die verwundete Häftlinge versorgt oder sogar Augenzeugen von Mißhandlungen geworden seien, hätten bis zum Beginn der ersten Ermittlungen im Januar geschwiegen, lauten die Vorwürfe.

          In dem britischen Fachmagzin „Lancet“ erhob der Medizinprofessor Steven Miles schwere Vorwürfe gegen amerikanische Militärmediziner im Irak. Sie sollen Totenscheine von Gefangenen gefälscht und Beweise für Folterungen vertuscht haben.

          Der amerikanische Wissenschaftler forderte eine offizielle Untersuchung über die Rolle von Ärzten und Sanitätern im Folterskandal. Militärsprecher Barry Johnson sagte, die von Miles angeführten Vorfälle seien Gegenstand von Ermittlungen des Pentagons. Bei ausreichender Beweislage werde Anklage gegen die betroffenen Personen erhoben.

          Keine medizinische Betreuung

          Die Befragungsmethoden im Gefängnis Abu Ghraib bei Bagdad seien von einem Psychiater und einem weiteren Arzt entworfen und genehmigt worden, erklärte Miles, der einen Lehrstuhl an der University of Minnesota hat. In einem Fall sei ein Gefangener nach Schlägen bewußtlos zusammengebrochen. Nach seiner Versorgung durch Pfleger sei er weiter mißhandelt worden.

          Unter Berufung auf einen Offizier der Militärpolizei heißt es in dem Artikel, daß ein Arzt einem zu Tode gefolterten Häftling eine Infusionsnadel in die Vene gelegt habe, um eine medizinische Behandlung vorzutäuschen. „Die Ärzte bestätigten routinemäßig den Tod durch Herzinfarkt, Hitzschlag oder andere natürliche Todesursachen“, schreibt Miles.

          Nur wenige Einheiten im Irak und in Afghanistan hätten den Gefangenen die von der Genfer Konvention geforderten monatlichen Untersuchungen ermöglicht, Ärzte hätten nicht für eine regelmäßige medizinische Betreuung gesorgt. In einem Leitartikel verurteilte das Fachmagazin das Verhalten der Militärmediziner im Irak. Diese müßten in erster Linie Ärzte und erst an zweiter Stelle Soldaten sein. Zeugen von Mißhandlungen sollten nicht weiter schweigen und umfassend Rechenschaft über alle Vorfälle im Irak oder im Gefangenenlager Guantanamo ablegen.

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