https://www.faz.net/-gpf-9c5hv

Schwere Unruhen dauern an : Schläger greifen Bischöfe in Nicaragua an

  • Aktualisiert am

Auf dem Weg in die Stadt: Managuas Bischof Silvio Baez (rechts) mit dem Kardinal Leopoldo Brenes am 9. Juli Bild: Reuters

Im seit Wochen andauernden Konflikt in Nicaragua versucht die Kirche zu vermitteln. Nun haben regierungsnahe Milizen mehrere Kirchenvertreter angegriffen und verletzt. Menschenrechtler sind entsetzt.

          2 Min.

          In Nicaragua haben regierungsnahe Schläger Managuas Weihbischof Silvio Baez bei einem Angriff auf die Basilika San Sebastian in Diriamba leicht verletzt. Damit haben die schweren Unruhen, die das mittelamerikanische Land seit drei Monaten erschüttern, am Montag eine neue Eskalationsstufe erreicht. Baez teilte auf seinem Twitter-Account mit, er sei geschlagen und bedroht worden, zudem seien ihm die bischöflichen Insignien entrissen worden.

          Wenig später zeigte Baez Fotos, die ihn mit blutverschmierter Kleidung zeigen. „Das ist nichts im Vergleich zu dem, was das Volk durchmachen muss“, sagte Baez später laut Medienberichten. Zuletzt hatte die Menschenrechtskommission der Organisation Amerikanischer Staaten Schutzmaßnahmen für Baez gefordert, der via Twitter kontinuierlich über Menschenrechtsverletzungen der Regierung berichtet.

          Wie die Erzdiözese Managua in einer Stellungnahme mitteilte, befanden sich unter den attackierten Kirchenvertretern auch Kardinal Leopoldo Brenes und Nuntius Waldemar Sonnentag. Sie blieben unverletzt. Bei dem Angriff wurde auch ein Fotograf der Tageszeitung „La Prensa“ und ein Kameramann attackiert. Ihre Ausrüstung wurde zerstört, ein Journalist des Portals „100% Noticias“ wurde verprügelt.

          Menschenrechtsorganisationen verurteilen Gewalt

          Nach Kirchenangaben befand sich die Delegation in der Region, um nach neuerlichen Angriffen paramilitärischer Banden den Opfern Beistand zu leisten. Eine lokale Menschenrechtsorganisation berichtet, dass bei den Attacken regierungsnaher Gewalttäter am Wochenende allein neun Menschen ums Leben gekommen sein sollen. Zudem wollten die Bischöfe die Freilassung einer Gruppe von rund zehn Demonstranten erreichen, die in der Basilika Zuflucht gesucht hatten.

          Wie die regierungskritische Tageszeitung „La Prensa“ berichtet, verurteilte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) die Attacke: „Nachdem Ortega die Bevölkerung mit Entführungen, Folter und Morden terrorisiert, führt er seine Banden gegen jene, die den Opfern bestehen“, schrieb HRW-Lateinamerika-Direktor Jose Miguel Vicano. Die Organisation Amerikanischer Staaten müsse gegen den Zynismus Ortegas, der zum Dialog aufrufe und die vermittelnden Bischöfe angreife, handeln.

          Auch Amnesty International verurteilte die jüngsten Gewaltausbrüche scharf. „Die Botschaft, die die nicaraguanischen Behörden aussenden, ist die, dass sie bereit sind, jedwedes Mittel anzuwenden, um die Stimmen zum Schweigen zu bringen, die gegen diese Welle der Unterdrückung demonstrieren“, sagte Erika Guevara Rosas, Amerika-Direktorin von Amnesty.

          Kirche versucht zu vermitteln

          In den sozialen Netzwerken tauchten am Montag ebenfalls Bilder von einer Gruppe regierungsnaher Schlägerbanden auf, die eine Pfarrei stürmten und die Kirche verwüsteten. „Kirche – Terroristen“, riefen einige der Angreifer. Der regierungsnahe Sender Viva Nicaragua berichtete, Grund für den Angriff sei gewesen, dass die Kirche Medikamente aus staatlichen Stellen gestohlen habe – was schwer belegbar sein dürfte.

          Seit Wochen gibt es in Nicaragua Massenproteste gegen die sandinistische Regierung Daniel Ortegas. Die Gegner fordern seinen sofortigen Rücktritt und werfen der Regierung systematische Gewalt gegen Demonstranten vor. Die Proteste hatten sich an einer Rentenreform sowie der Unterdrückung der Meinungsfreiheit entzündet.

          Ortega macht die Protestbewegung für die Gewalt verantwortlich und lehnt einen Rücktritt ab. Bislang kamen nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen mehr als 320 Menschen bei den Protesten ums Leben. Die interamerikanische Menschenrechtskommission erhob zuletzt schwere Vorwürfe gegen die Regierung und warf Ortega den gezielten Einsatz des Machtapparats zur Unterdrückung der Proteste vor.

          Die Kirche versuchte im Rahmen eines „Nationalen Dialogs“ zwischen den beiden Lagern zu vermitteln. Der Dialog wurde allerdings mehrmals unterbrochen. Kirchenvertreter hatten Demonstranten in den Gotteshäusern Rückzugsräume geboten – und erhielten daraufhin Morddrohungen. Ein Vorschlag der Bischöfe, die innenpolitische Krise mit vorgezogenen Neuwahlen zu lösen, lehnt Ortega bislang ab.

          Weitere Themen

          Wer soll das bezahlen?

          Flüchtlinge in der Türkei : Wer soll das bezahlen?

          Immer wieder weist der türkische Präsident Erdogan auf die hohen Ausgaben für die syrischen Flüchtlinge in seinem Land hin. Wie viel Geld steht der Türkei tatsächlich zur Verfügung?

          Topmeldungen

          Warten auf Gäste: Türkische Taxifahrer an der syrisch-türkischen Grenze in Kilis im September 2019

          Flüchtlinge in der Türkei : Wer soll das bezahlen?

          Immer wieder weist der türkische Präsident Erdogan auf die hohen Ausgaben für die syrischen Flüchtlinge in seinem Land hin. Wie viel Geld steht der Türkei tatsächlich zur Verfügung?
          Von wegen sibirische Kälte: So weichen die mittleren Temperaturen im bisherigen Januar 2020 vom Mittelwert 1981 bis 2010 ab.

          Kalte Jahreszeit : Winterhitze

          Vergangene Woche war es zwar endlich etwas kälter, doch mit einem richtigen Winter wird es in diesem Jahr wohl nichts mehr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.