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Unruhen in Teheran : Gewollte Zuspitzung

  • -Aktualisiert am

Keine Studenten waren, sondern stadtbekannte Schläge: Islamistische Kräfte in Zivil stürmen die britische Botschaft in Teheran Bild: dpa

Angeblich stürmten „Studenten“ die britische Botschaft. Einige waren jedoch Spezialkräfte der Regierung. Denn Teile des Regimes haben ein Interesse am Konflikt.

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          Das Foto zeigt einen bärtigen Mann mit schwarzer Lederjacke im Hof der britischen Botschaft in Teheran. Er hat gerade eine Absperrung überwunden und stürmt, zusammen mit anderen Männern, weiter ins Innere der Botschaft. Die Polizei, den Rücken zur Kamera, sieht untätig zu. Amir Ebrahimi hat das Foto in sein persisches Weblog gestellt und den Mann rot eingekreist. Er kennt ihn. Er kennt ihn als Karim Dschalili, ein Mitglied der Ghods-Kräfte, der Eliteeinheit der iranischen Revolutionsgarden. Amir Ebrahimi war selbst Mitglied der Spezialkräfte, bevor er nach den Studentenunruhen im Sommer 1999 die Seiten wechselte. Seit fünf Jahren lebt er in Berlin.

          Im Sommer 2009, als radikale Schlägertrupps die Proteste nach den umstrittenen Präsidentenwahlen niederschlugen, begann Ebrahimi, Sicherheitskräfte in Zivil auf Fotos zu identifizieren. Er veröffentlicht ihre Namen in seinem Weblog, manchmal auch ihre Telefonnummern und Adressen. Damit die Nachbarn wissen, mit wem sie es zu tun haben.

          Nun hat er Dschalili unter den sogenannten Studenten ausgemacht, die am Dienstag angeblich in einem spontanen Zornesausbruch die britische Botschaft in Teheran gestürmt und verwüstet hatten. „Was gibst du dich als Student aus?“, fragt er in seinem Weblog. „Du bis ein Pasdar, ein Revolutionswächter.“

          Die Nachrichtenagentur Fars News rief zur Vergeltung auf

          Der Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour von den Grünen saß am Dienstag in Berlin gerade in einer Gremiensitzung, als sein Telefon klingelte. Ein Anruf aus Teheran: ein Bekannter, ein politischer Aktivist, den Nouripour seit Jahren kennt. Eigentlich sprechen die beiden nicht am Telefon, sondern verständigen sich über Internet. Aber dieses Mal war es dringend. Zufällig sei er gerade in der Nähe der britischen Botschaft gewesen, sagte der Bekannte, als die Ausschreitungen begannen. Und auch er hat sofort erkannt, dass das keine Studenten waren, die da die Botschaft stürmten, sondern stadtbekannte Schläger, islamistische Kräfte in Zivil, die er von anderen Zusammenstößen kennt. Auch er sagte: Es sind dieselben Leute, die sonst die Proteste der Opposition niederknüppeln.

          Die Eskalation, so muss man also annehmen, ist gewollt. Zumindest Teile des iranischen Regimes haben ein Interesse daran, das nach dem kritischen Bericht der Internationalen Atomagentur ohnehin angespannte Verhältnis zum Westen weiter zu verschlechtern. Zudem kam der Gewaltausbruch, der die britische Botschaft im Zentrum von Teheran verwüstete und auch das Gelände der ehemaligen Residenz in Gholhak in Nordteheran nicht verschonte, nicht unvorbereitet. Seit London eine Verschärfung der Sanktionen gegen Iran angekündigt hatte, überboten sich die politischen Kräfte in Teheran geradezu in einem antibritischen Wettstreit.

          Da drohte der Teheraner Bürgermeister Mohammad-Bagher Ghalibaf, der als möglicher Nachfolger von Präsident Mahmud Ahmadineschad gehandelt wird, den Briten das Gelände in Gholhak wegzunehmen. Mehr als anderthalb Millionen Dollar Strafe sollten sie zahlen, weil sie einige geschützte Bäume auf dem Gelände hatten eingehen lassen. Und das Parlament unter Führung von Ali Laridschani, einem weiteren Anwärter auf das Präsidentenamt, forderte die Regierung auf, den britischen Botschafter nach Hause zu schicken und die diplomatischen Beziehungen herabzustufen. Die Nachrichtenagentur Fars News rief offen dazu auf, den Briten das anzutun, was man mit den Amerikanern getan hatte. Eine Anspielung auf die Erstürmung und monatelange Besetzung der amerikanischen Botschaft nach der Revolution von 1979.

          Die Folgen der Teuerung wurden nicht abgefedert

          Nach außen zu radikalisieren, um im Inneren alle Kräfte in einem Burgfrieden zusammenzuschließen und jede mögliche Öffnung zum Westen - schon gar durch den politischen Konkurrenten - zu verhindern, das ist ein wohlbekanntes Muster iranischer Politik. Aber dieses Mal hat die Eskalation eine andere Qualität. An Gründen zur Nervosität mangelt es in Teheran nicht. Zwar prädestiniert der amerikanische Abzug aus dem Irak und der bevorstehende Rückzug der westlichen Truppen aus Afghanistan Iran mehr denn je zur regionalen Vormacht.

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