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Unruhen in Kirgistan : Die Usbeken haben sich verbarrikadiert

Rauchwolken und Asche: Ein Usbeke steht in den Trümmern seines Hauses in Osch Bild: dpa

Welche Rolle haben die kirgisischen Sicherheitskräfte bei den Pogromen in Osch gespielt? Wurden die Unruhen gezielt organisiert? Die Lage in der Stadt ist unübersichtlich und die Stimmung weiterhin explosiv.

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          Die Geschichte der Unruhen im Süden Kirgistans erzählt man am besten von ihrem vorläufigen Ende her, weil es darüber keine Zweifel gibt: Mehrere usbekische Stadtteile von Osch sind bis auf die Grundmauern niedergebrannt worden; ihre einstigen Einwohner sind tot oder auf der Flucht – in mehrheitlich usbekischen Dörfern im Süden Kirgistans, im benachbarten Usbekistan, irgendwo im Grenzgebiet irren sie umher.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Die in der Stadt verbliebenen Usbeken haben sich in ihren Wohngebieten verbarrikadiert. Sie lassen niemanden hinein und wagen sich auch selbst nicht aus ihren Stadtteilen hinaus. In den mehrheitlich von Kirgisen bewohnten Gebieten der zweitgrößten Stadt Kirgistans sind dagegen laut Augenzeugen nur relativ geringe Schäden zu sehen.

          Was genau passiert ist, kann niemand sagen

          Der Anfang der Unruhen dagegen ist von schwarzen Legenden umrankt. Es gibt Erzählungen von Kirgisen und solche von Usbeken aus Osch, denen nur gemeinsam ist, dass die Schuld auf der jeweils anderen Seite liegt; es gibt die Darstellung der kirgisischen Übergangsregierung, die den ethnischen Konflikt herunterspielt und hinter den Ereignissen allein die lenkende Hand der Sippe des im April gestürzten Präsidenten Kurmanbek Bakijew sieht, und es gibt die Mutmaßungen neutraler Beobachter, die versuchen, die Bestandteile jenes Gemischs zu beschreiben, das in der Nacht vom 10. auf den 11. Juni explodiert ist.

          Steckt ein Plan hinter den Unruhen? Ausgebrannte  usbekische Geschäfte in Osch

          Was genau passiert ist, kann im Moment niemand sagen, dafür gibt es viele offene Fragen – wie etwa die, welche Rolle die kirgisischen Sicherheitskräfte bei den Pogromen gespielt haben.

          Andrea Berg, die Zentralasien-Expertin der Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“, ist in Osch vom Ausbruch der Unruhen überrascht worden. Überraschend waren freilich nur Zeit und Ausmaß – dass es zu so etwas kommen würde, hatten viele gefürchtet, seit Mitte Mai in Dschalalabad der unter Kirgisen ausgetragene Konflikt um die Macht im Staat zum ersten Mal in eine Auseinandersetzung zwischen Kirgisen und Usbeken umgeschlagen war. Andrea Berg sagt, usbekische Bekannte aus Osch hätten ihr seither berichtet, dass die Usbeken ihre Mahallas genannten Wohngebiete nachts bewachten.

          Aus den vielen Augenzeugenberichten, die sie in Osch gesammelt hat, ergibt sich ein Bild, das nicht auf einen spontanen Ausbruch des Volkszorns schließen lässt. So sollen in den überwiegend usbekischen Wohngebieten in den Tagen vor dem Beginn der Pogrome Geländewagen beobachtet worden sein, die sonst dort nicht zu sehen waren. Am zweiten Tag der Unruhen, dem Samstag vergangener Woche, sind solche Autos bei gezielten Angriffen auf diese Wohngebiete wieder in Osch aufgetaucht – in ihnen saßen maskierte Männer mit automatischen Waffen, die offenbar genau wussten, wohin sie fahren mussten.

          Häuser mit Molotowcocktails und Brandmunition angezündet

          Dieser Samstag sei der schlimmste Tag gewesen, sagt Andrea Berg: „Ich musste am Telefon hilflos anhören, wie die Mahallas attackiert wurden, wie Freunde in Panik um Hilfe schrien, wie im Hintergrund die Kinder heulten.“ Überall stiegen dichte Rauchwolken auf, Asche fiel vom Himmel. Hatte sie zuvor noch den Eindruck, es gehe um Kämpfe zwischen zwei Volksgruppen, um einen Ausbruch gegenseitiger Gewalt, so wurde nun deutlich, dass es sich um einen gut organisierten Feldzug gegen die usbekische Bevölkerung der Stadt handelte.

          Die deutsche Menschenrechtlerin bekam von vielen Seiten immer neue Schilderungen des immer nach dem gleichen Muster ablaufenden Geschehens: Den Angreifern wurde der Weg in die usbekischen Mahallas von Militärfahrzeugen gebahnt, dann wurden die Häuser mit Molotowcocktails und Brandmunition angezündet, wenn die Menschen vor den Flammen flohen, wurde auf sie geschossen.

          Die verbliebenen Usbeken können sich keinen Irrtum erlauben

          Andrea Berg wägt bei dem, was sie sagt, genau ab, wo Informationen nicht aus mehreren Quellen bestätigt werden konnten, wo Unsicherheiten bestehen. So hat sie von verschiedenen Augenzeugen gehört, Uniformierte hätten Waffen an den Mob ausgegeben und sogar selbst geschossen – fügt aber einschränkend an, dass man nicht sicher sagen könne, ob es sich dabei tatsächlich um reguläre Sicherheitskräfte gehandelt habe, denn es gibt viele Berichte – auch der Übergangsregierung – darüber, dass Kirgisen aus Kasernen und Polizeistationen Waffen entwendet haben.

          Für die in Osch verbliebenen Usbeken indes ist die Unterscheidung zwischen echten und unechten Sicherheitskräften ohne Bedeutung – sie können sich einen Irrtum nicht erlauben. Anna Neistat, die nun für „Human Rights Watch“ in Osch ist, hat in den vergangenen Tagen mehrere Fälle von Usbeken dokumentiert, die sich aus ihren Wohngebieten herausgewagt hatten und an Straßensperren schwer misshandelt worden sind. Wer diese Straßensperren errichtet hat, kann sie nicht sagen, manche sind von Männern in Tarnuniformen besetzt.

          Osch gilt als Umschlagplatz für Rauschgift

          Dass Übergangspräsidentin Rosa Otunbajewa am Freitag in Osch angekündigt hat, die Staatsmacht werde in den kommenden Tagen auch in den noch verbarrikadierten Vierteln der Stadt wiederhergestellt, muss für die Usbeken wie eine schlimme Drohung klingen.

          Die derzeitige Unmöglichkeit, zwischen einem marodierenden Mob und der Staatsgewalt zu unterscheiden, ist nur die Zuspitzung einer Situation, die im Süden Kirgistans schon lange vor den Pogromen der vergangenen Tage herrschte. Durch dieses Gebiet führt eine Rauschgiftroute von Afghanistan nach Europa, Osch gilt als wichtiger Umschlagplatz.

          Haben Kriminelle die Unruhen organisiert?

          Nach dem Umsturz vor fünf Jahren, durch den Bakijew an die Macht kam, griffen kriminelle Autoritäten in vielen Orten offen nach der Staatsmacht. Die Regierung in Bischkek ging dagegen nicht vor, es hieß, die Kriminellen hätten den Umsturz mitfinanziert und Bakijew sei ihnen deshalb verpflichtet. Je länger Bakijew an der Macht war, desto mehr Anhaltspunkte gab es für die Vermutung, seine Verwandten verdienten an diesen Geschäften mit.

          Die Unruhe, die im Süden Kirgistans nach dem Sturz Bakijews Anfang April einsetzte, war wohl auch eine Reaktion darauf, dass diese Arrangements durch die neuen Machtverhältnisse in Bischkek gefährdet wurden. Dass Kriminelle im Auftrag der Bakijew-Sippe die Unruhen organisiert haben, wie die Übergangsregierung behauptet, ist daher durchaus plausibel. Doch sie fanden einen fruchtbaren Boden. Zwischen Usbeken und Kirgisen im Süden Kirgistans gibt es schon lange Spannungen.

          Bewaffnete Jugendliche in Jogginghose und T-Shirt

          Die kirgisische Übergangsregierung warnt zwar vor einem neuen Ausbruch der Gewalt und fürchtet offenbar ein Übergreifen der Unruhen auf den Norden des Landes – beruhigt aber zugleich, die Lage in Osch und Dschalalabad normalisiere sich. Das indes hatte sie auch am vergangenen Sonntag schon behauptet, als Andrea Berg Osch verließ. Auf dem Weg zum Flughafen sah sie aber nur ein einziges Polizeiauto und kein Militär.

          Dafür kam sie an mehreren Straßensperren vorbei, an denen mit Kalaschnikows bewaffnete Jugendliche in Jogginghose und T-Shirt standen. Sechs Tage später konnten noch immer keine Hilfstransporte der UN nach Osch hineinfahren, weil niemand eine Garantie für deren Sicherheit übernehmen wollte.

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