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Unruhen in Kirgistan : Die Usbeken haben sich verbarrikadiert

Die verbliebenen Usbeken können sich keinen Irrtum erlauben

Andrea Berg wägt bei dem, was sie sagt, genau ab, wo Informationen nicht aus mehreren Quellen bestätigt werden konnten, wo Unsicherheiten bestehen. So hat sie von verschiedenen Augenzeugen gehört, Uniformierte hätten Waffen an den Mob ausgegeben und sogar selbst geschossen – fügt aber einschränkend an, dass man nicht sicher sagen könne, ob es sich dabei tatsächlich um reguläre Sicherheitskräfte gehandelt habe, denn es gibt viele Berichte – auch der Übergangsregierung – darüber, dass Kirgisen aus Kasernen und Polizeistationen Waffen entwendet haben.

Für die in Osch verbliebenen Usbeken indes ist die Unterscheidung zwischen echten und unechten Sicherheitskräften ohne Bedeutung – sie können sich einen Irrtum nicht erlauben. Anna Neistat, die nun für „Human Rights Watch“ in Osch ist, hat in den vergangenen Tagen mehrere Fälle von Usbeken dokumentiert, die sich aus ihren Wohngebieten herausgewagt hatten und an Straßensperren schwer misshandelt worden sind. Wer diese Straßensperren errichtet hat, kann sie nicht sagen, manche sind von Männern in Tarnuniformen besetzt.

Osch gilt als Umschlagplatz für Rauschgift

Dass Übergangspräsidentin Rosa Otunbajewa am Freitag in Osch angekündigt hat, die Staatsmacht werde in den kommenden Tagen auch in den noch verbarrikadierten Vierteln der Stadt wiederhergestellt, muss für die Usbeken wie eine schlimme Drohung klingen.

Die derzeitige Unmöglichkeit, zwischen einem marodierenden Mob und der Staatsgewalt zu unterscheiden, ist nur die Zuspitzung einer Situation, die im Süden Kirgistans schon lange vor den Pogromen der vergangenen Tage herrschte. Durch dieses Gebiet führt eine Rauschgiftroute von Afghanistan nach Europa, Osch gilt als wichtiger Umschlagplatz.

Haben Kriminelle die Unruhen organisiert?

Nach dem Umsturz vor fünf Jahren, durch den Bakijew an die Macht kam, griffen kriminelle Autoritäten in vielen Orten offen nach der Staatsmacht. Die Regierung in Bischkek ging dagegen nicht vor, es hieß, die Kriminellen hätten den Umsturz mitfinanziert und Bakijew sei ihnen deshalb verpflichtet. Je länger Bakijew an der Macht war, desto mehr Anhaltspunkte gab es für die Vermutung, seine Verwandten verdienten an diesen Geschäften mit.

Die Unruhe, die im Süden Kirgistans nach dem Sturz Bakijews Anfang April einsetzte, war wohl auch eine Reaktion darauf, dass diese Arrangements durch die neuen Machtverhältnisse in Bischkek gefährdet wurden. Dass Kriminelle im Auftrag der Bakijew-Sippe die Unruhen organisiert haben, wie die Übergangsregierung behauptet, ist daher durchaus plausibel. Doch sie fanden einen fruchtbaren Boden. Zwischen Usbeken und Kirgisen im Süden Kirgistans gibt es schon lange Spannungen.

Bewaffnete Jugendliche in Jogginghose und T-Shirt

Die kirgisische Übergangsregierung warnt zwar vor einem neuen Ausbruch der Gewalt und fürchtet offenbar ein Übergreifen der Unruhen auf den Norden des Landes – beruhigt aber zugleich, die Lage in Osch und Dschalalabad normalisiere sich. Das indes hatte sie auch am vergangenen Sonntag schon behauptet, als Andrea Berg Osch verließ. Auf dem Weg zum Flughafen sah sie aber nur ein einziges Polizeiauto und kein Militär.

Dafür kam sie an mehreren Straßensperren vorbei, an denen mit Kalaschnikows bewaffnete Jugendliche in Jogginghose und T-Shirt standen. Sechs Tage später konnten noch immer keine Hilfstransporte der UN nach Osch hineinfahren, weil niemand eine Garantie für deren Sicherheit übernehmen wollte.

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