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Unruhen in Kirgistan : „Die Lage ist nicht mehr zu steuern“

  • Aktualisiert am

Bild: reuters

Die deutsche Botschaft in Kirgistan hat EU-Bürger und Amerikaner aus der südkirgisischen Stadt Osch ausfliegen lassen. Zehntausende Usbeken sind auf der Flucht vor den ethnischen Konflikten. Offiziell werden inzwischen 170 Tote gemeldet, einzelne Medien berichten aber von bis zu 2000 Toten.

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          Angesichts der Unruhen im Süden Kirgistans hat die deutsche Botschaft 89 Ausländer aus der Stadt Osch in Sicherheit gebracht. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes wurden sie in der Nacht zum Dienstag mit zwei Charter-Maschinen in die kirgisische Hauptstadt Bischkek geflogen. Zu der Gruppe gehörten etwa 40 Europäer sowie 31 Amerikaner. Bundesbürger waren nicht darunter. Zwei Deutsche hatten bereits zuvor auf eigene Faust die Stadt verlassen können.

          Vermutet wird, dass sich nun noch ein einziger Bundesbürger in Osch aufhält. Die Evakuierung wurde von deutschen Behörden organisiert, weil Deutschland als einziges EU-Land eine Botschaft in Kirgistan unterhält und für solche Aktionen zuständig ist. Darüber hinaus stellte die Bundesregierung 500.000 Euro Soforthilfe für Flüchtlinge zur Verfügung.

          Noch 200 Deutsche in Kirgistan

          Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sprach von einem „Zeichen der Solidarität“ mit anderen Staaten. Abermals rief er zur „sofortigen Beendigung der Gewalt“ auf. „Alle Seiten stehen in der Verantwortung, ihren Beitrag zu einer dauerhaften Stabilisierung zu leisten“, sagte Westerwelle.

          Nach Angaben des Auswärtigen Amtes waren unter den Ausländern EU- Bürger aus Großbritannien, Spanien und Frankreich sowie elf Schweizer. Insgesamt halten sich nach Schätzungen noch etwa 200 Bundesbürger in Kirgistan auf.

          Angesichts der Unruhen hat auch das Nachbarland China rund 200 seiner Staatsbürger aus dem Krisengebiet ausgeflogen. Weitere 400 Chinesen sollten im Laufe des Tages in Sicherheit gebracht werden, zitierten Staatsmedien in Peking das Außenministerium.

          „Mord und Totschlag“

          In Kirgistan ist die Lage weiter angespannt. Zehntausende Menschen suchen die Flucht Wegen der andauernden Gewalt im Süden von Kirgistan weitet sich die humanitäre Katastrophe in Zentralasien immer weiter aus. Betroffen ist jetzt auch das benachbarte Usbekistan. Die kirgisische Übergangspräsidentin Rosa Otunbajewa sprach am Dienstag von etwa 40.000 Flüchtlingen, allerdings schätzen Hilfsorganisationen die Zahl auf bis zu 80.000.

          Die Usbeken sind auf der Flucht vor den ethnischen Konflikten in den südkirgisischen Städten Osch und Dschalal-Abad. Weil der Flüchtlingsstrom nicht abreißt, schloss Usbekistan seine Grenze. „Wir haben einfach keine Kapazitäten mehr“, sagte der stellvertretende usbekische Regierungschef Abdulla Aripow nach Angaben des zentralasiatischen Nachrichtendienstes CA-News.

          Neben Kirgistan fordert nun auch Usbekistan Hilfe, um der Krise Herr zu werden. Der UN-Sicherheitsrat verurteilte die Gewalt und forderte, Nahrungs- und Hilfsmittel in das Krisengebiet zu schicken.

          Tausende Tote?

          Nach offiziellen Angaben ist die Zahl der Toten auf 170 gestiegen. Allerdings gehen Augenzeugen von deutlich mehr Opfern aus, weil die Usbeken ihre Leichen aus Angst nicht in kirgisische Einrichtungen bringen. Medien nannten am Dienstag die Zahl von 2000 Toten in Osch und Dschalalabad. Viele Leichen wurden ohne Identifizierung in Massengräbern verscharrt. Beweise für diese höhere Zahl gab es zunächst nicht.

          Die kirgisische Interimsregierung appellierte abermals eindringlich an das von Russland geführte Militärbündnis ehemaliger Sowjetrepubliken, mit Friedenssoldaten in den Konflikt einzugreifen. Man gehe davon aus, dass die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) dem Land helfen werde, sagte in der Hauptstadt Bischkek der Sekretär des Sicherheitsrats, Alik Orosow. „Die Lage ist explodiert und nicht mehr zu steuern, es herrschen Mord und Totschlag“, sagte Orosow der Moskauer Zeitung „Iswestija“.

          „Viele Patienten mit Schusswunden“

          Zur Unterstützung der Flüchtlinge hat Unicef Medikamente und Zelte in das Gebiet fliegen lassen. „Viele Patienten mit Schusswunden müssen behandelt werden. Die hygienischen Verhältnisse sind schlecht“, teilte das UN-Kinderhilfswerk mit. Russland will an diesem Mittwoch mit drei Sondermaschinen 130 Tonnen Lebensmittel und Decken an Kirgistan liefern.

          In Usbekistan wurden die Flüchtlinge in Zeltlagern und Schulen sowie in Kindergärten und Krankenhäusern des Gebiets Andischan untergebracht. Nötig seien vor allem Medikamente, Betten und Verbandsmaterial für die Verletzten, teilten die Behörden mit.

          Der UN-Sonderbeauftragte Miroslav Jenca appellierte an die Interimsregierung, trotz der Unruhen an einer für Ende Juni geplanten Volksabstimmung festzuhalten. Mit dem Referendum über eine neue Verfassung sollen demokratische Strukturen im Land gefestigt werden.

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