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Unruhen in Kenia : Das Morden in der Stadt der Schnittblumen

  • -Aktualisiert am

In Naivasha suchen die Menschen Schutz im Gefängnis Bild: AFP

Eine geheimnisumwitterte Sekte hat an der Seite der Regierung in die ethnischen Konflikte in Kenia eingegriffen. In Naivasha haben sich viele tausend Menschen vor dem Treiben der „Mungiki“ in das Hochsicherheitsgefängnis geflüchtet.

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          Wenn sich 12.000 Menschen freiwillig in ein Gefängnis begeben und unter keinen Umständen mehr hinauswollen, muss draußen die Hölle sein. Naivasha, die malerische kleine Stadt am gleichnamigen See im kenianischen Rift Valley, ist eine solche Hölle. „Ich werde sofort getötet, wenn ich da rausgehe“, sagt Witcliff Ouma und deutet zum Tor des „Maximum Security Prison“ von Naivasha, einer der größten Haftanstalten in Ostafrika. Er gehört zur Ethnie der Luo - und für ihn wie für Tausende andere, für die Luhya, Kalenjin, Massai und Kisii, ist das riesige Gefängnis der Unterschied zwischen Leben und Tod.

          200 Menschen wurden nach offiziellen Angaben getötet, als die Ethnie der Kikuyu, zu der Präsident Mwai Kibaki gehört, vor Wochenfrist beschloss, die Luo, zu denen Oppositionsführer Raila Odinga zählt, aus Naivasha und der Nachbarstadt Nakuru zu vertreiben (Siehe auch: Oppositionspolitiker Too in Kenia getötet). Mit Macheten, Giftpfeilen und nagelgespickten Keulen waren die Kikuyu auf die Luo losgegangen, die in Naivasha eine Minderheit sind. Der angebliche Grund: Die Luo und die Kalenjin seien für die Vertreibung der Kikuyu aus Westkenia verantwortlich. Zum Schluss hatte die Armee aus Hubschraubern heraus auf die gegnerischen Gruppen geschossen, um sie davon abzuhalten, sich gegenseitig in Stücke zu hacken.

          Schutzgelder und barbarischen Morde

          Witcliff Ouma kramt in der Tasche seiner vom roten Staub völlig verdreckten Jacke, bis er endlich den Brief gefunden hat, den er als Vorsteher einer Luo-Gemeinschaft erhalten hat. „Das war die erste und einzige Warnung“, sagt er, während er das Papier umständlich auseinanderfaltet. „Alle Luo, Luhya, Massai, Kisii und Kalenjin müssen die Stadt verlassen“ steht da geschrieben. Gezeichnet: „Mungiki“. Der Brief habe ihn am Freitag vergangener Woche erreicht, sagt Witcliff. Am Tag darauf begann das große Schlachten.

          Mit dem Auftreten der ebenso geheimnisumwitterten wie brutalen Mungiki-Sekte haben die ethnischen Auseinandersetzungen in Kenia eine völlig neue Dimension erhalten. Die Mungiki-Sekte versteht sich als Geheimbund, der die Auffassung vertritt, es sei das gottgegebene Recht der Kikuyu, Kenia zu regieren. Die Sekte erpresst vor allem in der Hauptstadt Nairobi Schutzgelder von Taxifahrern. Vor den Wahlen im Dezember vergangenen Jahres war die Regierung gegen Mitglieder der Sekte vorgegangen, nachdem sich die barbarischen Morde, die zum Ritual der Mungiki gehören, gehäuft hatten. Jetzt aber, da die Kikuyu-Regierung von Präsident Kibaki mit dem Rücken zur Wand steht, hat sie offenbar die alten Beziehungen zwischen etlichen Regierungsmitgliedern und der Mungiki-Sekte reaktiviert.

          Menschenrechtler müssen um ihr Leben fürchten

          Von einer „spontanen Racheaktion“ wegen der massenhaften Vertreibungen von Kikuyu aus den im Westen gelegenen Städten Eldoret und Kisumu, wo die Kalenjin und Luo den Ton angeben, kann vor diesem Hintergrund jedenfalls nicht mehr gesprochen werden. Hier wie dort waren die Vertreibungen organisiert und ganz offensichtlich von langer Hand geplant.

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