https://www.faz.net/-gpf-xta9

Unruhen im Maghreb : Generation ohne Luft zum Atmen

  • -Aktualisiert am

So wie jetzt in Algerien und Tunesien gab es auch dort Todesopfer bei Demonstranten und der Polizei. In Tunesien begann der Zyklus der Gewalt vor drei Wochen mit der Selbstverbrennung eines jungen Informatikers, dem die Obrigkeit den Gemüsestand ohne Lizenz schloss, mit dem er den Lebensunterhalt seiner Familie sichern helfen wollte. In Algerien sind nach einer ersten offiziellen Bilanz bei den Unruhen bislang drei Menschen getötet und etwa 400 weitere verletzt worden.

In den beiden übrigen Maghreb-Staaten, Libyen und Mauretanien, sieht es derweil auch nicht sonderlich erfreulich aus. Der libysche Staatschef Gaddafi hat während seiner langen Regierungszeit mehr Ölmilliarden für seltsame Projekte verschleudert, als zur Mehrung des Wohlstands seiner Bevölkerung eingesetzt. Auch dort gibt es eine „No-future“-Generation. Mauretanien wiederum taumelt von einem Staatsstreichversuch zum nächsten und hat der größten Gefahr für die Region wie für Europa, „Al Qaida im islamischen Maghreb“ so gut wie nichts entgegenzusetzen.

Mit den fünf zumeist noch untereinander zerstrittenen Maghreb-Ländern ist für die aus vielerlei guten Sicherheits- und Stabilitätsgründen interessierten Europäer und Amerikaner nicht viel Staat zu machen. Man darf nicht alle Mitglieder der Gruppe in einen Topf werfen. Aus ihr ragen das vergleichsweise liberale Marokko und das als einzige mit einer breiten Mittelschicht ausgestattete Tunesien trotz aller Probleme noch positiv heraus. Aber von Demokratie auch nach bescheidenen westlichen Maßstäben kann nirgendwo die Rede sein.

Der frustrierten Generation fehlt die Luft zum Atmen

Wahlen sind straff gelenkte Veranstaltungen und mitunter eine völlige Farce. Die punktuelle Zusammenarbeit mit Europa auf den drei Schlüsselgebieten Auswanderung, Terrorismusbekämpfung und Rauschgiftabwehr funktioniert punktuell und wird von den Maghrebinern bisweilen auch als Druck- und (Finanz-)Erpressungsmittel eingesetzt. Der berechtigte Hinweis auf die Risiken des radikalen Islamismus wird zugleich von Rabat bis Tunis nicht selten als Mittel zur Machterhaltung der Regenten instrumentalisiert.

Denn viele „natürliche Verbündete“ in Gestalt sauberer, demokratisch orientierter, nicht korrupter Politiker und Parteien hat der Westen im Maghreb nicht. Werden die dortigen Potentaten gewöhnlich als das kleinere Übel in Kauf genommen, so profitieren von Armut, Unzufriedenheit und sozialen Unruhen vor allem die Islamisten. Sie trauen sich, die der Bevölkerung nur allzu bekannten Probleme auszusprechen und hätten, wenn man sie denn ließe, beträchtliche Wahlerfolge. Die von innen angegriffenen Regime reagieren nun wie gewohnt mit Repression, während die europäischen Regierungen, die zum Beispiel auch zu den Christenverfolgungen im Maghreb nicht viel zu sagen pflegen, lieber wegschauen. Doch manches System drüben ist schon brüchig geworden, mancher Despot mag nicht mehr lange überdauern.

Einer frustrierten Generation fehlt die Luft zum Atmen. Viele ihrer Vertreter haben sich daher radikalisiert. Bei kaum einem internationales Aufsehen erregenden Terroranschlag fehlt der Hinweis auf marokkanische, tunesische oder algerische Urheber und Komplizen. Angesichts der explosiven Lage im mediterranen „Vorhof“ ist es doppelt bedauerlich, dass die europäisch-maghrebinischen Fünf-plus-Fünf-Gipfel zu sterilen Veranstaltungen geworden sind und der in Barcelona geplante Gipfel aller Mittelmeer-Anrainer – wegen Nahost – im vorigen Jahr gleich zweimal abgesagt werden musste.

Weitere Themen

Groteske Geschichtsklitterung

Streit über Peter Handke : Groteske Geschichtsklitterung

Heute wird Peter Handke in Stockholm der Literaturnobelpreis verliehen. Die Debatte um seine Auszeichnung zeigt, wie anfällig selbst solche Milieus für Verschwörungstheorien sind, die sich für aufgeklärt und weltoffen halten.

Topmeldungen

Schriftsteller Peter Handke

Streit über Peter Handke : Groteske Geschichtsklitterung

Heute wird Peter Handke in Stockholm der Literaturnobelpreis verliehen. Die Debatte um seine Auszeichnung zeigt, wie anfällig selbst solche Milieus für Verschwörungstheorien sind, die sich für aufgeklärt und weltoffen halten.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.