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Unruhen im Kosovo und Belgrad : Die gewalttätigste Nacht seit dem Ende des Krieges

Am Tag danach: Der muslimische Geistliche Jusufspahic vor der Moschee in Belgrad Bild: AP

Nach dem Vandalismus in Belgrad und den Unruhen zwischen Albanern und Serben im Kosovo, bei denen mindestens 22 Menschen ums Leben kamen, verstärkt die Nato ihre Präsenz in der Provinz.

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          „Wohin?" fragt der Taxifahrer und zeigt sich überrascht, weil als Ziel die Moschee in der Gospodar-Jevremova-Straße genannt wird. „Die gibt es doch nicht mehr", sagt er und holt die Donnerstagsausgabe einer Belgrader Boulevardzeitung aus dem Handschuhfach: In großer Aufmachung sind dort Fotos von brennenden Moscheen in Belgrad und der südserbischen Stadt Nis zu sehen, die in der Nacht zum Donnerstag von serbischen Gewalttätern angegriffen wurden.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Doch in der Belgrader Altstadt zeigt sich, daß die Flammen wenigstens in Serbiens Hauptstadt nicht so zerstörerisch gewütet haben, wie es die Fotos befürchten ließen: Die Bajrakli-Moschee von Belgrad, ursprünglich erbaut zwischen 1660 und 1688, steht noch. Sie ist zwar beschädigt und an einigen Stellen stark verkohlt, aber nicht völlig niedergebrannt. Was die Flammen nicht vermochten, haben allerdings die Verbrecher zuvor und das Löschwasser danach besorgt. Im Innenraum der Moschee und in einem dazugehörigen Gebäude dahinter ist den Gewalttätern ihr Zerstörungswerk gelungen, ist keine Fensterscheibe mehr heil, sind Teppiche zerfetzt und Lampen zertreten.

          Spuren des Vandalismus

          Davor, im Innenhof, gehen die Menschen über Asche und Scherben, dazwischen liegen in grünen Stapeln tropfnasse Koranausgaben in serbischer Übersetzung, die irgendjemand vor den Flammen retten konnte. Ein Vertreter der muslimischen Gemeinde mahnt inmitten dieser Szenerie des Unfriedens zu Ruhe und Gemeinsamkeit. Der Terror, sagt er, sei der muslimischen Gemeinde der Stadt fremd. Während er spricht, schwelen aus dem völlig zerstörten muslimischen Buchkiosk daneben weiterhin Rauchfähnchen hervor, und auch in der Straße zeigen sich die üblichen Relikte des Vandalismus: Ein halbes Dutzend verkohlter Autowracks liegen herum, einige überforderte Polizisten versuchen, Schaulustige fernzuhalten, die angrenzenden Geschäfte haben heute geschlossen.

          Bei der politische Inventur dieser Belgrader Nacht wird unter anderem die Frage zu stellen sein, warum es der Polizei nicht gelang, einer Horde von Gewalttätern Herr zu werden. Vor der Amerikanischen Botschaft, die in der Nacht ebenfalls angegriffen wurde, war es den aus den Zeiten des Milosevic-Regimes im rabiaten Umgang mit Menschenmassen geübten Ordnungshütern immerhin gelungen, die Erstürmung der festungsartig gesicherten diplomatischen Vertretung zu verhindern.

          Folgen einer blutigen Nacht

          Eine Bestandsaufnahme der Ereignisse wird es aber vor allem einige hundert Kilometer weiter südwestlich geben müssen, im Kosovo. Die am Abend im serbischen Fernsehen übertragenen Bilder von der Gewalt in der nur noch formal zu Serbien gehörenden Provinz hatten die Gegenreaktionen erst hervorgerufen. Im Kosovo wurden die Folgen einer blutigen Nacht am Donnerstag erst langsam deutlich. Die Gerüchte über Heckenschützen und über eine auf das UN-Hauptquartier marschierende Menschenmenge erkalteten zusammen mit den Ruinen serbischer Häuser, die an mehreren Orten der Provinz in Flammen aufgegangen waren.

          Wie viele Bewohner der Unruheprovinz diese bisher gewalttätigste Nacht seit dem Ende des Krieges und dem Einmarsch der internationalen Schutztruppe Kfor im Sommer 1999 nicht überlebt haben, war am Donnerstag noch immer je nach Quelle umstritten, doch von 22 Toten war schon am Donnerstag nachmittag die Rede. Die noch am Mittwoch einer Unmik-Sprecherin zugeschriebene Aussage, daß bei den Unruhen auch ein französischer Kfor-Soldat umgekommen sei, bestätigte sich immerhin nicht.

          Proteste von Albanern und Serben

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