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Unglück vor Libyen : Sechs, sechzig, sechshundert

Verhungert, verdurstet: Viele illegale Einwanderer überleben die Passage (hier nach Lampedusa) nicht Bild: AFP

Wieder sind Flüchtlinge auf dem Seeweg nach Lampedusa ertrunken. Doch an den vielfachen Tod der illegalen Einwanderer aus Afrika haben wir uns längst gewöhnt. Das Thema ist ein Dauerbrenner: Es gelingt nicht, den Zustrom zu unterbinden, und nicht einmal, solche Unglücke zu verhindern.

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          Vor der Mittelmeerinsel Lampedusa sind sechs Flüchtlinge aus Afrika ertrunken. Sechs Flüchtlinge? Schon lange wäre dies in kaum einer Nachrichtensendung, kaum einer Zeitung noch der Erwähnung wert. Vor der Küste Lampedusas sind sechzig illegale Einwanderer aus Afrika ertrunken. Melden oder nicht? Vielleicht. Vor Lampedusa sind 600 illegale Einwanderer ertrunken. Das berührt.

          An das ständige Elend und den vielfachen Tod der illegalen Einwanderer aus Afrika, die im übrigen vielfach aus vergleichsweise wohlhabenden Familien stammen, weil für die Überfahrt teuer bezahlt werden muss, haben wir uns längst gewöhnt. Das Thema ist seit Jahren ein Dauerbrenner: ein ungelöster Konflikt. Es gelingt nicht, den Zustrom zu unterbinden, und nicht einmal, solche Unglücke zu verhindern. Auf Lampedusa schließen sich inzwischen brave italienische Ferienhausbesitzer zusammen, die befürchten, ihre Urlaubsinsel gerate in Verruf. Auf den Kanarischen Inseln, der anderen großen Region, auf der afrikanische Bootsflüchtlinge ankommen, sieht die Lage nicht besser aus.

          Hilflosigkeit und Skepsis

          Zur Hilflosigkeit dem ganzen Problem gegenüber gesellt sich eine gewisse Skepsis. Denn bei der Zahl der Opfer unterscheiden sich die Angaben von Hilfsorganisationen oft erheblich von denen der Küstenwachen. Niemand weiß, wie viele Elendsflüchtlinge wirklich in den nordafrikanischen Staaten auf ihre gefährliche Überfahrt warten und wie viele bei dem Versuch ums Leben kommen. Die Wirtschaft einiger nordafrikanischer Transitstaaten profitiert von den durchreisenden billigen Arbeitskräften aus dem tiefen Süden. Zudem sind es die Schlepper, die ihre eigenen Landsleute skrupellos in Gefahr bringen. Gerüchte, zurückgeschobene Illegale würden kurzerhand in der Wüste ausgesetzt, ließen sich allerdings nie belegen.

          Eine elende Gemengelage also, der sich Europa an seinem südlichen Rand gegenüber sieht. Insbesondere Italien und Spanien fordern seit Jahren ein gemeinsames Handeln und eine gerechtere Lastenverteilung innerhalb der EU - mit schleppendem Erfolg. Die 2004 gegründete Grenzsicherungsagentur „Frontex“ mit Sitz in Warschau (!) klagte noch immer über mangelnde Ausstattung. Projekte wie Sarkozys Mittelmeerunion oder die noch vom damaligen Bundesinnenminister Schily (SPD) angeregten „Anmeldecamps“ auf afrikanischem Boden sind in den Anfängen stecken geblieben und haben sich bisher auf den Zustrom von Flüchtlingen und illegalen Einwanderern kaum ausgewirkt.

          Einwanderung mit Rückfahrschein

          Rückführungsabkommen mit den Herkunftsstaaten sind ein anderes Mittel. Italien hat allein 23 solcher Abkommen geschlossen - doch die Probleme dadurch nach eigenem Eingeständnis nicht gelöst. Nun fordert es EU-weite Abkommen. Doch selbst wenn es dazu käme - die Vergeblichkeit einer Einwanderung mit Rückfahrschein kann offenkundig kaum einen jener verzweifelt-hoffnungsvollen Auswanderer von der lebensgefährlichen Überfahrt abhalten.

          So bleibt der EU nur, ihre Tripelstrategie einer gelenkten Einwanderung, gezielter Entwicklungshilfe und verbesserter Küstenkontrollen weiter zu verfolgen - möglichst mit mehr Nachdruck als bisher. Denn ein engmaschigeres Netz von Kontrollen hätte im Hinblick auf Unglücke wie das heutige wenigstens einen positiven Effekt: Wenn überhaupt, werden die kenternden Nussschalen meist von Booten der Küstenwachen aufgefunden.

          Susanne Kusicke

          Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Woche.

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