https://www.faz.net/-gpf-6x0ec

Unglück der Costa Concordia : Was vom Urlaub übrig blieb

Gerhards schwarze Handtasche und Roswithas Pillendöschen.Alles andere blieb an Bord Bild: Rainer Wohlfahrt

Erst an Land begreifen sie, was geschehen ist: Die Kochs buchten ihre erste Kreuzfahrt und gingen an Bord der „Costa Concordia“. Es waren perfekte Ferien - bis am letzten Abend das Licht ausging.

          Es hätte auch ein richtig guter Zaubertrick sein können. Das Rentnerehepaar Roswitha und Gerhard Koch hat sich am letzten Abend der Kreuzfahrt extra ganz nah an die Bühne gesetzt, um mitzubekommen, wie Magier Martin eine Frau verschwinden lässt. Das Licht flackert, kurz herrscht Dunkelheit. Ein Knirschen ist zu hören. Als das Licht wieder angeht, hängt der Vorhang schief, und der Magier samt Frau und Showgirls sind weg.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Dafür sind die Tische nun schräg, die Gläser umgekippt. Frau Koch hat sich im Reflex den bauchigen Schwenker mit ihrem Baileys-Drink geschnappt. Dem Nachbarn läuft sein Sahnecocktail über den Anzug. Er ahnt noch nicht, dass er die nächsten 24 Stunden in dem besudelten Kleidungsstück verbringen wird.

          Das Zimmer bleibt dunkel

          Die Bühne bleibt leer. Vor ein paar Tagen stand dort Kapitän Francesco Schettino, begrüßte die Gäste, ließ sich für 16 Euro fotografieren. Ein richtiger Gigolo, dachte Frau Koch. Hauptsache, er macht seine Arbeit vernünftig, sagte ihr Mann. Sie sind seit 42 Jahren verheiratet.

          Das Schiff hat Schräglage. Die Kochs wollen in ihre Kabine zu den Rettungswesten, wie man es ihnen am ersten Reisetag für Notfälle erklärt hat. Am Ausgang des Theaters rollen die hohen silbernen Mülleimer umher. Frau Koch stellt ihren Baileys-Drink vor dem Aufzug ab. Hoffentlich stolpert niemand darüber, denkt sie. Dann fällt ihr ein, dass die Aufzüge jetzt wahrscheinlich gar nicht mehr funktionieren.

          Ein Deck höher hat die Crew die Mülleimer wieder aufgestellt. Das Ehepaar arbeitet sich gegen die Schräglage am Treppengeländer vier Stockwerke vom Theater bis zu seiner Außenkabine hoch. In den Fluren brennt die grün-weiße Notbeleuchtung. Das Zimmer bleibt dunkel. Die Kochs holen die Schwimmwesten aus dem Schrank. Sie legen sie in die Tür, um drinnen überhaupt etwas zu erkennen. Viele ihrer Sachen liegen verstreut auf dem Boden, auch der Rosenkranz aus kleinen weißen Perlen, den sie am Nachmittag in Rom für ihr Patenkind gekauft haben. Das Wetter war schön, sie sind viel herumgelaufen. Der Ausflug war der letzte ihrer einwöchigen Mittelmeer-Kreuzfahrt, ihrer ersten Kreuzfahrt überhaupt. Jeden Landgang haben sie mitgemacht, Avignon, Barcelona, Palermo. Manchmal fuhr das Schiff schon am Nachmittag weiter, dann lagen sie an Deck. Zugedeckt und eingewickelt in flauschige Frotteehandtücher, genossen sie die Sonne.

          Am nächsten Tag sollte es von Savona mit dem Bus zurück nach Fulda gehen.

          Die Herrenhandtasche ist noch gepackt vom Rom-Ausflug

          Auf dem Schiff versichert jetzt eine Frauenstimme in mehreren Sprachen durch die Lautsprecher, dass es sich nur um einen „technischen Defekt“ handelt. Roswitha Koch bückt sich und beginnt, ihre Medikamente in die goldene Pillendose mit den Raffael-Engeln zu sammeln. Sie steckt die Dose ein. Danach öffnet sie die Tür zu ihrem Balkon an Deck acht. Im Tagesprogramm „Kapitän Francesco Schettino informiert“ hat es am Morgen geheißen: „Um 21.30 Uhr werden wir mit 2,5 Seemeilen Entfernung das Capo d’Uomo passieren. Wir durchqueren den Kanal, der in einer Entfernung von 5 Seemeilen den Argentario von der Insel der Lilie trennt.“ Das wäre vor mehr als einer halben Stunde gewesen. Sie müssten sich also wieder auf dem Meer befinden. Doch Frau Koch erkennt Land in unmittelbarer Nähe. Dann hört sie die Schreie unter sich in der Dunkelheit.

          Sie drängt ihren Mann, die dicken Jacken aus dem Schrank zu nehmen. Sie erinnert sich an die Rettungsübung vor sechs Tagen und wie der Wind trotz des strahlend blauen Himmels an ihren Kleidern gezerrt hat. Und jetzt ist es nach 22 Uhr, und der Wind ist bestimmt noch kälter.

          Gerhard Koch greift sich mit der einen Hand seine Herrenhandtasche aus schwarzem Leder, noch gepackt vom Rom-Ausflug, die Reisepässe sind darin, die Kamera, eine Wasserflasche. Alles andere bleibt zurück. Mit der anderen Hand fasst er die Hand seiner Roswitha. Die beiden arbeiten sich die Treppen wieder hinunter. Ihr Ziel ist Deck vier, Abschnitt B. Dorthin sollen sie im Notfall kommen.

          Der Metallboden ist nass und glatt wie Schmierseife

          Auf den Treppen und Fluren rennen Eltern mit ihren Kindern. Passagiere schubsen sich gegenseitig aus dem Weg. Auf Deck vier steht eine Menschentraube im Freien und will in die Rettungsboote. Die Kochs kommen nicht nach draußen. An ihnen vorbei trägt ein älterer Mann seine Frau über der Schulter hinaus. Den Rollstuhl haben sie irgendwo stehen lassen.

          Dann heißt es, die Boote seien schon zu voll, man solle es auf der anderen Seite des Schiffes versuchen. Die Kochs laufen gegen die Schräglage an. Das Schiff hat sich noch weiter auf die Seite gelegt. Drinnen kommt man noch vorwärts, dort liegt Teppich. Frau Koch ist froh, nach dem Rom-Ausflug zum Abendessen ihre flachen Schuhe angezogen zu haben. Wer Pumps oder Stilettos angehabt hat, läuft längst barfuß.

          Endlich erreichen sie die Tür. Draußen ist der Metallboden nass und glatt wie Schmierseife. Herr Koch trägt Schuhe mit leichtem Profil. Trotzdem kommen beide kaum vorwärts. Das letzte Rettungsboot auf dieser Seite ist etwa hundert Meter entfernt. Das Ehepaar drückt sich an der Außenwand entlang und hält sich weiter an den Händen. Von der Wand bis zur Reling sind es am Ende noch mehr als fünf Meter.

          Das Relingtürchen zu den Rettungsbooten steht offen, reckt sich dem Ehepaar wegen der Neigung entgegen. Gerhard Koch springt hinüber, hält sich mit einer Hand fest und greift mit der anderen nach Roswitha, um ihr ins Rettungsboot zu helfen.

          Auf den kahlen Holzbänken liegen Passagiere

          Beide finden noch Platz, sie kauern sich auf die Stufen. Frau Koch ist froh, die Winterjacke über ihrer Abendgarderobe zu haben. Draußen sind es weniger als zehn Grad. Die schicke schwarze Stoffhose hält der Kälte kaum stand. Ein Crewmitglied lässt das Boot ins Wasser. Beim Losmachen der Seile geht etwas schief, der Flaschenzug schwingt über die Köpfe der Passagiere. Die ducken sich. Dann liegt das Boot im Wasser. Aber es passiert nichts.

          Das Crewmitglied schafft es nicht, das Boot zu starten. Zeit vergeht. Dann klettert von hinten eine dunkle Gestalt über die Kochs hinweg auf den Mann zu. Der Passagier langt in die Steuerungskabine hinein, bringt das Boot in Bewegung und steuert es gen Hafen.

          An der Kaimauer helfen Italiener den Passagieren aus dem Boot. Niemand koordiniert irgendetwas. Die Kochs sehen das Kreuzfahrtschiff auf der Seite liegen. Zum ersten Mal an diesem Abend beginnen sie zu begreifen, was gerade geschehen ist.

          Sie laufen mit den anderen Passagieren vom Hafen den Hügel hinauf zu einer kleinen Kirche. Manche sind noch immer barfuß, manche tragen triefende Abendgarderobe. Sie sind von Bord gesprungen und mit ihren Schwimmwesten zum Ufer gepaddelt. Der Pfarrer hat die Kirche aufgeschlossen. Alle Kerzen brennen. Trotzdem ist die Kirche kalt. Auf den kahlen Holzbänken liegen Passagiere. Die Kochs setzen sich. Der Pfarrer verteilt wärmende Messgewänder. Später gibt es Kekse. Sie bleiben über Nacht, aber sie schlafen nicht.

          Weitere Themen

          Iran hält ausländischen Tanker fest

          Im Persischen Golf : Iran hält ausländischen Tanker fest

          Laut iranischen Staatsmedien haben die Revolutionsgarden einen Öltanker gestoppt und die Crew verhaftet. Der Tanker soll demnach eine Million Liter Treibstoff in den Persischen Golf geschmuggelt haben.

          Carola Rackete erneut vernommen Video-Seite öffnen

          Prüfung einer Anklage : Carola Rackete erneut vernommen

          Die deutsche Kapitänin Rackete ist nochmal in ein Gerichtsgebäude im sizilianischen Agrigento verhört worden. Es geht um die Frage, ob sie wegen Begünstigung der illegalen Einwanderung angeklagt werden soll.

          Topmeldungen

          Der Blick auf die Oberbaumbrücke, die Friedrichshain und Kreuzberg verbindet.

          Glücklich im Job : Wo die Arbeit am meisten Spaß macht

          Laut einer neuen Auswertung leben die glücklichsten Arbeitnehmer in Berlin. Aber was fördert überhaupt die Zufriedenheit von Mitarbeitern? Mehr Freizeit statt mehr Geld ist nur eine Möglichkeit.

          Im Persischen Golf : Iran hält ausländischen Tanker fest

          Laut iranischen Staatsmedien haben die Revolutionsgarden einen Öltanker gestoppt und die Crew verhaftet. Der Tanker soll demnach eine Million Liter Treibstoff in den Persischen Golf geschmuggelt haben.

          Trumps Ausfälle : Rassist? Hetzer!

          Trumps Anhänger lieben es, wenn er vulgär und beleidigend wird. Das nennt man Mobilisierung. Da spielt es fast keine Rolle, ob er ein Rassist ist oder nicht. Dem Land dient das in keinem Fall.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.