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Unglück der Costa Concordia : Was vom Urlaub übrig blieb

Gerhard Koch greift sich mit der einen Hand seine Herrenhandtasche aus schwarzem Leder, noch gepackt vom Rom-Ausflug, die Reisepässe sind darin, die Kamera, eine Wasserflasche. Alles andere bleibt zurück. Mit der anderen Hand fasst er die Hand seiner Roswitha. Die beiden arbeiten sich die Treppen wieder hinunter. Ihr Ziel ist Deck vier, Abschnitt B. Dorthin sollen sie im Notfall kommen.

Der Metallboden ist nass und glatt wie Schmierseife

Auf den Treppen und Fluren rennen Eltern mit ihren Kindern. Passagiere schubsen sich gegenseitig aus dem Weg. Auf Deck vier steht eine Menschentraube im Freien und will in die Rettungsboote. Die Kochs kommen nicht nach draußen. An ihnen vorbei trägt ein älterer Mann seine Frau über der Schulter hinaus. Den Rollstuhl haben sie irgendwo stehen lassen.

Dann heißt es, die Boote seien schon zu voll, man solle es auf der anderen Seite des Schiffes versuchen. Die Kochs laufen gegen die Schräglage an. Das Schiff hat sich noch weiter auf die Seite gelegt. Drinnen kommt man noch vorwärts, dort liegt Teppich. Frau Koch ist froh, nach dem Rom-Ausflug zum Abendessen ihre flachen Schuhe angezogen zu haben. Wer Pumps oder Stilettos angehabt hat, läuft längst barfuß.

Endlich erreichen sie die Tür. Draußen ist der Metallboden nass und glatt wie Schmierseife. Herr Koch trägt Schuhe mit leichtem Profil. Trotzdem kommen beide kaum vorwärts. Das letzte Rettungsboot auf dieser Seite ist etwa hundert Meter entfernt. Das Ehepaar drückt sich an der Außenwand entlang und hält sich weiter an den Händen. Von der Wand bis zur Reling sind es am Ende noch mehr als fünf Meter.

Das Relingtürchen zu den Rettungsbooten steht offen, reckt sich dem Ehepaar wegen der Neigung entgegen. Gerhard Koch springt hinüber, hält sich mit einer Hand fest und greift mit der anderen nach Roswitha, um ihr ins Rettungsboot zu helfen.

Auf den kahlen Holzbänken liegen Passagiere

Beide finden noch Platz, sie kauern sich auf die Stufen. Frau Koch ist froh, die Winterjacke über ihrer Abendgarderobe zu haben. Draußen sind es weniger als zehn Grad. Die schicke schwarze Stoffhose hält der Kälte kaum stand. Ein Crewmitglied lässt das Boot ins Wasser. Beim Losmachen der Seile geht etwas schief, der Flaschenzug schwingt über die Köpfe der Passagiere. Die ducken sich. Dann liegt das Boot im Wasser. Aber es passiert nichts.

Das Crewmitglied schafft es nicht, das Boot zu starten. Zeit vergeht. Dann klettert von hinten eine dunkle Gestalt über die Kochs hinweg auf den Mann zu. Der Passagier langt in die Steuerungskabine hinein, bringt das Boot in Bewegung und steuert es gen Hafen.

An der Kaimauer helfen Italiener den Passagieren aus dem Boot. Niemand koordiniert irgendetwas. Die Kochs sehen das Kreuzfahrtschiff auf der Seite liegen. Zum ersten Mal an diesem Abend beginnen sie zu begreifen, was gerade geschehen ist.

Sie laufen mit den anderen Passagieren vom Hafen den Hügel hinauf zu einer kleinen Kirche. Manche sind noch immer barfuß, manche tragen triefende Abendgarderobe. Sie sind von Bord gesprungen und mit ihren Schwimmwesten zum Ufer gepaddelt. Der Pfarrer hat die Kirche aufgeschlossen. Alle Kerzen brennen. Trotzdem ist die Kirche kalt. Auf den kahlen Holzbänken liegen Passagiere. Die Kochs setzen sich. Der Pfarrer verteilt wärmende Messgewänder. Später gibt es Kekse. Sie bleiben über Nacht, aber sie schlafen nicht.

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