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Putschisten in der Türkei : Auffällig zufällig

Putschisten? Kemal Batmaz (vorne) und Akin Öztürk (zweite Reihe) werden in Ankara vor Gericht gebracht. Bild: AFP

Die Gülen-Bewegung beteuert, sie sei an dem Putschversuch in der Türkei nicht beteiligt gewesen. Doch die Alibis sind unglaubwürdig – und die Zweifel mehren sich.

          5 Min.

          Am Vormittag des 16. Juli 2016, dem Tag nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei, nahm die türkische Gendarmerie in der Nähe der Akinci-Luftwaffenbasis bei Ankara auf freiem Feld mehrere Männer fest, die alle etwas gemein hatten: Verbindungen zur Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen - und ziemlich schlechte Alibis. Die Akinci-Luftwaffenbasis war die Herzkammer des nach wenigen Stunden in sich zusammengebrochenen Aufstands gewesen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Von dort aus gaben die Putschisten ihre Befehle, dort stiegen die F-16-Bomber in die Luft, die das Parlamentsgebäude in Ankara bombardierten und durch stundenlange Tiefflüge die Einwohner der türkischen Hauptstadt terrorisierten. Dorthin brachten die Putschisten auch den türkischen Generalstabschef Hulusi Akar, um ihn zur Teilnahme an ihrer verfassungsfeindlichen Rebellion gegen den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und dessen Regierungspartei AKP zu überreden. Da er sich weigerte, wurde der höchste General des Landes zur Geisel der Putschisten.

          Erstaunliche Ausreden der Verhafteten

          Doch am Morgen des 16. Juli, einem Samstag, war der Spuk schon wieder vorbei. Die gescheiterten Putschisten versuchten, sich aus dem Staub zu machen. Mehrere der mutmaßlichen Täter, deren Anwesenheit auf der Luftwaffenbasis durch die Auswertung der Bilder von den Überwachungskameras oder durch Augenzeugenaussagen belegt ist, versuchten in aller Hast, den Stützpunkt zu Fuß zu verlassen. Die Gendarmerie griff sie auf Feldern der Umgebung auf und bekam erstaunliche Geschichten zu hören, mit denen die Verhafteten ihre Anwesenheit in unmittelbarer Nähe des Putschzentrums zu erklären versuchten.

          Da war zum Beispiel Kemal Batmaz, der aussagte, in der Gegend gewesen zu sein, da einer seiner Freunde dort ein Stück Land zu kaufen plante und er ihn beraten wollte. Was man über Batmaz auch wissen sollte: Er war lange Zeit ein führender Manager der zur Gülen-Gruppierung gehörenden Kaynak Holding, die als "Kasse der Bewegung" galt. Batmaz arbeitete auch für andere Firmen, die mit der Sekte in Verbindung stehen.

          Der Freund von Batmaz, der angeblich ein Grundstück in der Nähe der Luftwaffenbasis kaufen wollte, war Harun Binis. Die beiden wurden gemeinsam verhaftet. Binis stand mit mehreren anderen Verdächtigen in telefonischem Kontakt und nutzte das abhörsichere System "ByLock", mit dem die Putschisten in der Vorbereitungsphase miteinander kommuniziert hatten. Ein anderer Verhafteter, Nurettin Oruc, ein Psychologe, hatte Fortbildungsseminare für Mitglieder der Gülen-Bewegung gegeben.

          Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche.

          Interesse an Immobilien? Gleich mehrere der Verdächtigen brachten diese Erklärung bei ihrer Verhaftung im Jahr 2015 vor.

          Orucs Erklärung für seine Anwesenheit in der Nähe der Luftwaffenbasis am Samstagmorgen: Er sei Filmemacher und arbeite an einer Dokumentation über Viehzucht. Zufällig habe ihn die Recherche am Morgen nach dem Putsch in ein Dorf in der Nähe der Basis Akinci geführt. Auf die Frage der Ermittler, wie er ohne Auto in das Dorf gekommen sei, antwortete Oruc, er sei per Anhalter gefahren. Andere Gefasste gaben an, mit dem Taxi gekommen zu sein, die Fahrer aber wieder weggeschickt zu haben.

          Der ebenfalls am Morgen des 16. Juli in der Gegend verhaftete Geschäftsmann Hakan Cicek leugnete nicht, in der Nacht zuvor auf dem Luftwaffenstützpunkt gewesen zu sein, da er wohl ahnte, dass er durch die Kameraaufnahmen ohnehin überführt werden würde. Er sei von einem auf der Basis stationierten Oberst zu einer Feier eingeladen worden, gab Cicek zu Protokoll. Eine Feier mit Zivilisten auf einem Militärstützpunkt? In einer Putschnacht? Das klingt seltsam. Es könnte sich aber zu einem schlüssigen Bild runden, wenn die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zutreffen, dass auch Cicek Nutzer von "ByLock" war und seine Firmen ebenfalls der Gülen-Bewegung zuzurechnen sind.

          Feier auf einem Stützpunkt?

          Zu den Verhafteten des 16. Juli 2016 gehörte schließlich auch der islamische Theologe Adil Öksüz, der ebenfalls aussagte, er habe sich am Putschtag rein zufällig in der Nähe des Luftwaffenstützpunkts befunden. Auch er wollte sich demnach ein Grundstück ansehen, das er zu kaufen beabsichtigte. Und auch Öksüz will mit dem Taxi in die Einöde gefahren sein, den Fahrer dann aber weggeschickt haben - offenbar im Vertrauen darauf, dass er schon irgendwie zurück nach Ankara kommen werde. Öksüz leugnete, auf der Luftwaffenbasis gewesen zu sein und mit dem Putschversuch in Verbindung zu stehen. Auch mit der Gülen-Bewegung habe er nichts zu tun.

          Öksüz' Behauptung, deren Oberpriester Fethullah Gülen nie gesehen zu haben, wurde allerdings von einer Person entkräftet, die in dieser Frage eine gewisse Autorität beanspruchen darf: von Gülen selbst. Doch, sagte Gülen in einem Interview, Öksüz sei mit seiner Familie bei ihm gewesen. Das zu leugnen wäre ohnehin zwecklos gewesen, denn von der Audienz des Predigers für seinen Bewunderer gibt es Videoaufnahmen im Internet. Sie stammen aus Zeiten, da Gülens Anhänger ihre Begegnungen mit dem großen Meister noch stolz in Filmen oder auf Fotos festhielten und als Höhepunkt ihres Lebens bezeichneten. Auch Öksüz hatte das Verschlüsselungsprogramm "ByLock" auf seinem Telefon installiert. Ins Bild passt zudem, dass er lange Zeit Kunde der 2015 von der Regierung enteigneten "Bank Asya" war, dem Kreditinstitut der Gülen-Bewegung.

          Dass sich am Morgen nach dem Putschversuch in der Türkei viele Männer unweit des Epizentrums der Verschwörung aufhielten, die außer ihrem auffälligen Interesse für Immobilien in der Nähe von Luftwaffenstützpunkten vor allem die Tatsache einte, mit der Gülen-Bewegung in Verbindung zu stehen, ist die Darstellung der Oberstaatsanwaltschaft Ankara in ihrer fast 4700 Seiten umfassenden Anklageschrift. Sie muss nicht in allen Punkten zutreffen, zumal eine Stellungnahme der Verteidigung noch aussteht. Doch eines ist ziemlich sicher: Der von Fethullah Gülen und seiner Bewegung aufrechterhaltenen Darstellung, man habe mit dem Putschversuch in der Türkei rein gar nichts zu tun, stehen zu viele vermeintliche Zufälle entgegen, die einen anderen Schluss nahelegen.

          Anklageschrift wirkt glaubwürdiger als in ähnlichen Prozessen

          Zwar ist es nicht ausgemacht, dass die islamische Sekte mit ihrer ausgeprägten Arkandisziplin allein hinter dem Putschversuch steckt, wie die türkische Regierung behauptet. Auch unzufriedene Offiziere kemalistischer Gesinnung, also Anhänger des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk und seiner säkularen Prinzipien, könnten sich dem Aufbegehren angeschlossen haben. Doch die in den Gerichtsakten festgehaltenen Indizien, Beweise, Geständnisse und Zeugenaussagen legen die Vermutung nahe, dass die Gülen-Bewegung eine nicht unwichtige Rolle in jener Julinacht spielte, deren Folgen die Türkei verändert haben wie kaum ein zweites Ereignis in der jüngeren türkischen Geschichte.

          Zumindest wirkt die Anklageschrift im sogenannten Akinci-Prozess glaubwürdiger als viele andere staatsanwaltliche Vorlagen in politischen Prozessen in der Türkei. Die Anklageschrift gegen die Journalisten der oppositionellen Zeitung "Cumhuriyet" zum Beispiel ist eine Groteske, aber schwerlich ein juristisches Dokument. In dem seit Anfang August laufenden Akinci-Prozess hingegen hat sich die Staatsanwaltschaft um eine solide aufgebaute Kette von Beweisen und Indizien für die Schuld der Angeklagten bemüht.

          Der türkische Journalist Sedat Ergin, der für die immer noch recht kritisch berichtende Tageszeitung "Hürriyet" den Prozess beobachtet, gehört zu den wenigen Personen, die die Anklageschrift im Akinci-Prozess zur Gänze gelesen haben. Sie sei "sehr gut dokumentiert", lobt Sedat. Die Luftwaffenbasis ist in der Putschnacht laut Sedat das Scharnier gewesen, wo die zivilen auf die militärischen Teilnehmer an der Erhebung trafen, um das Komplott gemeinsam zu koordinierten. Sollte der Prozess tatsächlich die hohen Erwartungen erfüllen können, die Sedat und andere an ihn knüpfen, dürfte mit dem Urteil sogar ein Stück türkischer Zeitgeschichte ans Licht kommen.

          Dann wäre am Ende vielleicht deutlich, dass die Vorbereitungen für das, was 2016 in einen Putschversuch mündete, schon 2010 einsetzten, als in Istanbul der sogenannte "Vorschlaghammer-Prozess" begann. Angeklagt waren damals fast 200 türkische Offiziere, die beschuldigt wurden, einen Putschplan gegen die AKP ausgearbeitet zu haben. Hinter dem Prozess, so eine sich inzwischen immer stärker durchsetzende Lesart, standen in Wirklichkeit aber Staatsanwälte, Ermittler und Richter der Gülen-Bewegung, die säkulare Offiziere im Militär aus dem Weg räumen sollten, damit dort ebenfalls Gülenisten an deren Stellen treten können. Das klingt wie eine Verschwörungstheorie. Aber zumindest im Akinci-Prozess glänzen die Gegenargumente bisher auch nicht gerade durch Glaubwürdigkeit. Im Gegenteil.

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