https://www.faz.net/-gpf-92163

Putschisten in der Türkei : Auffällig zufällig

Öksüz' Behauptung, deren Oberpriester Fethullah Gülen nie gesehen zu haben, wurde allerdings von einer Person entkräftet, die in dieser Frage eine gewisse Autorität beanspruchen darf: von Gülen selbst. Doch, sagte Gülen in einem Interview, Öksüz sei mit seiner Familie bei ihm gewesen. Das zu leugnen wäre ohnehin zwecklos gewesen, denn von der Audienz des Predigers für seinen Bewunderer gibt es Videoaufnahmen im Internet. Sie stammen aus Zeiten, da Gülens Anhänger ihre Begegnungen mit dem großen Meister noch stolz in Filmen oder auf Fotos festhielten und als Höhepunkt ihres Lebens bezeichneten. Auch Öksüz hatte das Verschlüsselungsprogramm "ByLock" auf seinem Telefon installiert. Ins Bild passt zudem, dass er lange Zeit Kunde der 2015 von der Regierung enteigneten "Bank Asya" war, dem Kreditinstitut der Gülen-Bewegung.

Dass sich am Morgen nach dem Putschversuch in der Türkei viele Männer unweit des Epizentrums der Verschwörung aufhielten, die außer ihrem auffälligen Interesse für Immobilien in der Nähe von Luftwaffenstützpunkten vor allem die Tatsache einte, mit der Gülen-Bewegung in Verbindung zu stehen, ist die Darstellung der Oberstaatsanwaltschaft Ankara in ihrer fast 4700 Seiten umfassenden Anklageschrift. Sie muss nicht in allen Punkten zutreffen, zumal eine Stellungnahme der Verteidigung noch aussteht. Doch eines ist ziemlich sicher: Der von Fethullah Gülen und seiner Bewegung aufrechterhaltenen Darstellung, man habe mit dem Putschversuch in der Türkei rein gar nichts zu tun, stehen zu viele vermeintliche Zufälle entgegen, die einen anderen Schluss nahelegen.

Anklageschrift wirkt glaubwürdiger als in ähnlichen Prozessen

Zwar ist es nicht ausgemacht, dass die islamische Sekte mit ihrer ausgeprägten Arkandisziplin allein hinter dem Putschversuch steckt, wie die türkische Regierung behauptet. Auch unzufriedene Offiziere kemalistischer Gesinnung, also Anhänger des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk und seiner säkularen Prinzipien, könnten sich dem Aufbegehren angeschlossen haben. Doch die in den Gerichtsakten festgehaltenen Indizien, Beweise, Geständnisse und Zeugenaussagen legen die Vermutung nahe, dass die Gülen-Bewegung eine nicht unwichtige Rolle in jener Julinacht spielte, deren Folgen die Türkei verändert haben wie kaum ein zweites Ereignis in der jüngeren türkischen Geschichte.

Zumindest wirkt die Anklageschrift im sogenannten Akinci-Prozess glaubwürdiger als viele andere staatsanwaltliche Vorlagen in politischen Prozessen in der Türkei. Die Anklageschrift gegen die Journalisten der oppositionellen Zeitung "Cumhuriyet" zum Beispiel ist eine Groteske, aber schwerlich ein juristisches Dokument. In dem seit Anfang August laufenden Akinci-Prozess hingegen hat sich die Staatsanwaltschaft um eine solide aufgebaute Kette von Beweisen und Indizien für die Schuld der Angeklagten bemüht.

Der türkische Journalist Sedat Ergin, der für die immer noch recht kritisch berichtende Tageszeitung "Hürriyet" den Prozess beobachtet, gehört zu den wenigen Personen, die die Anklageschrift im Akinci-Prozess zur Gänze gelesen haben. Sie sei "sehr gut dokumentiert", lobt Sedat. Die Luftwaffenbasis ist in der Putschnacht laut Sedat das Scharnier gewesen, wo die zivilen auf die militärischen Teilnehmer an der Erhebung trafen, um das Komplott gemeinsam zu koordinierten. Sollte der Prozess tatsächlich die hohen Erwartungen erfüllen können, die Sedat und andere an ihn knüpfen, dürfte mit dem Urteil sogar ein Stück türkischer Zeitgeschichte ans Licht kommen.

Dann wäre am Ende vielleicht deutlich, dass die Vorbereitungen für das, was 2016 in einen Putschversuch mündete, schon 2010 einsetzten, als in Istanbul der sogenannte "Vorschlaghammer-Prozess" begann. Angeklagt waren damals fast 200 türkische Offiziere, die beschuldigt wurden, einen Putschplan gegen die AKP ausgearbeitet zu haben. Hinter dem Prozess, so eine sich inzwischen immer stärker durchsetzende Lesart, standen in Wirklichkeit aber Staatsanwälte, Ermittler und Richter der Gülen-Bewegung, die säkulare Offiziere im Militär aus dem Weg räumen sollten, damit dort ebenfalls Gülenisten an deren Stellen treten können. Das klingt wie eine Verschwörungstheorie. Aber zumindest im Akinci-Prozess glänzen die Gegenargumente bisher auch nicht gerade durch Glaubwürdigkeit. Im Gegenteil.

Weitere Themen

Topmeldungen

Verfasste laut Dokumenten aus der Stasi-Unterlagenbehörde über zwölf Berichte zu Kameraden: der neue Verleger der „Berliner Zeitung“ Holger Friedrich

„Berliner Zeitung“ : Was ist das für ein Verleger?

Der Einstieg von Silke und Holger Friedrich beim Berliner Verlag war furios. Sie veröffentlichten ein Manifest, alles sah nach Aufbruch aus. Und was ist jetzt, nach den Stasi-Enthüllungen?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.