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Ungarn : Pál Schmitts letztes Gefecht

  • -Aktualisiert am

Im Parlament: Pál Schmitt, nachdem er seinen Rücktritt bekanntgegeben hat Bild: AFP

Nach Aufdeckung der Plagiatsaffäre war der ungarische Staatspräsident nicht mehr zu halten. Die Geschichte eines langen Aufstiegs - und schnellen Falls.

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          Der ungarische Präsident Pál Schmitt hat am Montag im Parlament zu Budapest seinen Rücktritt erklärt. Wenngleich er sich bis dahin verbissen dagegen gewehrt hatte und mit der Rücktrittserklärung zugleich ankündigte, dass er juristisch gegen die Aberkennung seines Doktortitels vorgehen wolle, war Schmitts Abgang unausweichlich.

          Durch die mit 33 zu vier Stimmen getroffene Entscheidung des Senats der Budapester Semmelweis-Universität, wonach es sich bei Schmitts Promotion eindeutig um ein Plagiat handele, hatte sich für das Land, die Regierung und vor allem für ihn selbst eine untragbare Situation ergeben. Noch kurz zuvor - der Präsident absolvierte gerade einen Staatsbesuch in Südkorea - durfte sich Schmitt einigermaßen sicher wähnen, hatte ihn doch eine universitäre Untersuchungskommission mit vier Stimmen gegen eine von eigenem Verschulden freigesprochen. Begründung: Die damalige Hochschule für Körperkultur - sie ist mittlerweile in die Semmelweis-Universität integriert - hätte die 1992 von Schmitt eingereichte Dissertation „Analyse des Programms der Olympischen Spiele der Neuzeit“, in der „große Teile“ aus Arbeiten des bulgarischen Sportwissenschaftlers Nikolaj Gjorgijew und des deutschen Sportsoziologen Klaus Heinemann „textgleich übernommen“ waren, gar nicht erst für das Promotionsverfahren zulassen dürfen. Zu allem Überfluss hatten Schmitts Betreuer dessen Arbeit, die keine Fußnoten und lediglich ein schmales Literaturverzeichnis aufweist, mit der Bestnote „Summa cum laude“ bewertet.

          Erste Hinweise auf das Plagiat hatten nach Informationen dieser Zeitung schon vor zehn Jahren kursiert, wurden jedoch erst durch einen vor zwei Monaten erschienenen Artikel im Online-Dienst der Zeitung „HVG“ einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Schmitt führte ins Feld, als er seine Dissertation verfasst habe, seien andere Kriterien üblich gewesen, zudem sei er „nicht wegen meiner Doktorarbeit, sondern wohl aus anderen Gründen zum Präsidenten gewählt worden“. Das sagte er auch dann noch, als sich selbst im regierenden nationalkonservativen Fidesz und besonders in der Christlich-Demokratischen Volkspartei (KDNP), seinem Bündnispartner, die Stimmung längst gegen ihn verkehrt hatte. Offenbar glaubte er, dass sich die Dinge, wie oft in seinem Leben, letztlich doch zu seinen Gunsten wenden würden.

          „Ich akzeptiere nur Gott und Viktor Orbán als meine Chefs“

          Schmitt galt stets als eine Art „Meister aller Verhältnisse“, und die ungarische Bevölkerung konnte sich problemlos mit seinem Werdegang identifizieren. Der 1942 in Budapest Gebürtige studierte an der damaligen Wirtschaftsuniversität in der ungarischen Hauptstadt und schloss das Studium der (marxistischen) Ökonomie 1965 mit dem Diplom ab. Parallel zur beruflichen Tätigkeit in der Hotellerie sowie später als Direktor des Nationalstadions verlief seine mit 13 Jahren einsetzende Karriere als Fechter. 1968 und 1972 gewann Schmitt an der Spitze der ungarischen Mannschaft im Degenfechten olympisches Gold, 1970 und 1971 errang sie unter seiner Führung den Weltmeistertitel. Seit den achtziger Jahren engagierte er sich sowohl im Ungarischen Olympischen Komitee (MOB), dem er zwei Jahrzehnte lang, von 1990 bis 2010, als Präsident vorstand, als auch im Internationalen Olympischen Komitee (IOC), dessen Vizepräsident er von 1995 bis 1999 war. Und zwischen 1981 und 1990, also noch während der letzten Dekade des kommunistischen Ungarn, fungierte er als stellvertretender Sportminister.

          Zwischen diesem ersten politischen Amt und seiner zweiten, der eigentlich politischen Laufbahn, die er vor zehn Jahren einschlug, war er Botschafter in Spanien und in der Schweiz. 2002 kandidierte er in der Kommunalwahl - formell als „Unabhängiger“, jedoch mit Unterstützung des Fidesz und von dessen (während der ersten Orbán-Regierung von 1998 bis 2002) Koalitionspartner, des Demokratischen Forums (MDF) - erfolglos gegen den langjährigen Budapester Oberbürgermeister Gábor Demszky. An der Unterstützung durch Orbán und dessen Partei hatte Schmitt offenbar Gefallen gefunden, so dass er ihr 2003 beitrat. Als deren Spitzenkandidat in der ersten Europawahl, an der die Ungarn nach Aufnahme ihres Landes in die EU teilnahmen, feierte er 2004 einen großen Erfolg: Die damalige Oppositionspartei Fidesz konnte aus dem Stand heraus die Hälfte der 24 dem Land zustehenden Abgeordnetensitze im Europaparlament auf sich vereinigen.

          Vor dem Rücktritt: Staatspräsident Schmitt und Ministerpräsident Orbán (rechts) Bilderstrecke
          Vor dem Rücktritt: Staatspräsident Schmitt und Ministerpräsident Orbán (rechts) :

          „Ich akzeptiere nur Gott und Viktor Orbán als meine Chefs“, soll Schmitt seinerzeit gesagt haben, eine Bekundung, die ihm nachhängen sollte. Denn wegen seiner unbedingten Loyalität nannten ihn nicht nur die oppositionellen Sozialisten „Orbáns Parteisoldat“, Böswillige sogar dessen „Kreatur“. Wenn das auch überzogen gewesen sein mag, so tat Schmitt doch als Staatspräsident - gewählt auf Vorschlag des Parteichefs Orbán, dessen Fidesz-KDNP-Bündnis seit dem Wahlsieg 2009 über mehr als zwei Drittel der Parlamentssitze verfügt - wenig, diesen Eindruck zu zerstreuen, und wurde zu einer Art Staatsnotar für die Gesetzgebungsprojekte Orbáns.

          Die enge Verbindung mit dem Regierungschef, Garantie für Schmitts Rang und Aktivitäten an der Spitze des Staates, erhielt mit der Plagiatsaffäre Risse. Doch bis zur Aberkennung des Doktortitels hielten sich Orbán und seine Partei in der „Causa Schmitt“ mit öffentlichen Stellungnahmen zurück; wissend gleichwohl, dass Schmitt nicht länger im Amt zu halten sein würde. Am Montag dann, vor Beginn der Parlamentssitzung, die der Staatspräsident formell hätte eröffnen wollen, „steckte ihm Orbán die Seidenschnur zu“, wie es im ungarischen Volksmund heißt.

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