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Politik unter Orbán : Ungarns Jugend wehrt sich

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Auch Gergely hofft, dass sich aus den Protesten etwas Neues entwickelt. Oder zumindest, dass mehr junge Leute wählen gehen. Doch wen? Die Opposition zur übermächtigen Fidesz ist zersplittert. Neben der rechtsradikalen Jobbik und den Sozialisten gibt es im linken Spektrum viele kleine Parteien, die sich um die Wähler streiten. Neu dabei: Momentum, eine frisch gegründete Partei, die aus einer 2015 entstandenen Jugendbewegung kommt.

Gergely ist 19 Jahre alt und darf im kommenden Frühjahr zum ersten Mal wählen.

András Fekete-Győr, der 28 Jahre alte Parteichef, will Ungarns Politik umkrempeln. Dabei möchte er vor allem aus dem Schema rechts-links ausbrechen. „Momentum begreift sich weder als liberal noch als konservativ“, sagt Fekete-Győr, „uns sind Themen wichtiger als Label.“ Noch ist die Partei klein und liegt in Umfragen bei etwa zwei Prozent – also unter der Fünf-Prozent-Hürde, die den Einzug ins Parlament beschränkt. Doch einen beachtlichen Erfolg konnte die Bewegung Anfang des Jahres vorweisen, als sie die Bewerbung Budapests für die Olympischen Spiele 2024 verhinderte.

Diese politische Energie in Stimmen bei der Wahl umzuwandeln, das wird die Herausforderung der kommenden Monate. Doch Fekete-Győr ist optimistisch: „Wir haben gesehen, dass wir für viele Ungarn die letzte Hoffnung sind. Wir werden etwas bewegen.“ Am 1. Mai gab Momentum eine Kundgebung zum 13. Jahrestag des EU-Beitritts von Ungarn. Mit Europaflaggen zogen Demonstranten zu Tausenden durch die Straßen von Budapest. Auch wenn es noch an konkreten Zielen mangelt, die Richtung ist klar: weg von Vetternwirtschaft, weg von Orbán, hin zu Europa.

Ein Vorbild für Momentum sei Macron mit seiner „En Marche“-Bewegung, sagt Fekete-Győr. Von einem Wahlsieg wie in Frankreich wagt er aber nicht zu träumen. Hauptsache ins Parlament einziehen und eine starke Opposition bilden, das ist seine Devise. Dass Momentum dabei die ohnehin schwache Opposition weiter aufsplittert, sieht Fekete-Győr nicht als Problem. Eine Koalition mit ähnlich gesinnten Parteien schließt er sogar aus. Ganz oder gar nicht. „Eine neue Epoche bricht an und wir bestimmen sie“, sagt der studierte Jurist überzeugt.

András Fekete-Győr, der 28 Jahre alte Parteichef von Momentum

Ganz so überzeugt ist Akos Kopper, Politologe, davon nicht. Er sieht in Momentum eine ähnliche Bewegung wie in der LMP, einer grünen Partei mit dem Namen „Politik kann anders sein“. Auch sie versuchte 2010, sich als Newcomer über Parteigrenzen hinweg zu positionieren, aber wurde schnell als grün und eher links identifiziert. Die LMP schaffte es damals mit gut sieben Prozent ins Parlament, verlor seitdem allerdings an Einfluss.

„Das Einzige, was Fidesz in diesen Wahlen gefährlich werden könnte, ist sie selbst“, glaubt Kopper. Ohne einen konkreten Gegner von außen könnte sich die Partei innerlich zermürben. Von der Opposition erwartet Kopper nicht viel, doch man wisse ja nie: „Manchmal verändert sich etwas von heute auf morgen“, sagt er und weist darauf hin, dass man Prognosen nicht besonders trauen könne. Politik sei ein spezielles Gebiet für die Ungarn. Viele hätten zwar eine Meinung, äußerten sie aber nicht in der Öffentlichkeit. „Ein Erbe des Sozialismus“, erklärt er. Politik sei negativ behaftet, die allgegenwärtige Korruption täte ihr Übriges, um das Misstrauen der Bürger zu stärken.

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