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UN-Suchtstoffkommission : Düstere Rauschgift-Bilanz

Mit offener Kritik einzelnen Ländern gegenüber, etwa an Venezuela und Ecuador, den Nachbarstaaten Kolumbiens, hielt sich Uribe jüngst im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wohlweislich zurück. Doch es ist kein Geheimnis, dass ein Großteil des Rauschgifts, das Kolumbien verlässt, seinen Weg nach Europa und die Vereinigten Staaten schon aus geographischen Gründen durch jene beiden Länder nimmt. Das gäbe weniger Anlass zu Besorgnis, sympathisierten beide Regierungen nicht offen mit der kolumbianischen Farc-Guerrilla, die nach Worten Uribes „geschwächt, aber noch nicht zerstört“ ist. Mit Kolumbien und seinen beiden wichtigsten Nachbarstaaten verhält es sich daher wie mit Afghanistan und Pakistan - oder Mexiko und den Vereinigten Staaten.

Ohne Waffen jeder Art aus den Vereinigten Staaten wäre der Krieg der mexikanischen Drogenkartelle untereinander und gegen die Regierung wohl kaum so blutig wie derzeit, ohne Chemikalien aus und über Pakistan gäbe es viel weniger Heroin, und ohne die Rückzugsräume der Guerrilla in Venezuela und Ecuador sowie das mit Geld erkaufte Wohlwollen von Sicherheitskräften und Politikern bis in die höchsten Ränge sähe das Angebot auf dem globalen Rauschgiftmarkt wohl anders aus als heute. Uribe richtet seinen Blick indes nicht nur auf die Angebots-, sondern auch auf die Nachfrageseite. Dass Rauschgiftgebraucher in den meisten europäischen Ländern mittlerweile keine oder nur geringe Strafen zu befürchten haben, ist ihm völlig unverständlich, Forderungen nach der Legalisierung des Besitzes einer „Tagesdosis“ erscheinen ihm nur als weiterer Anreiz zur Erhöhung der Produktion und Ermunterung krimineller Netze, ihre Aktivität noch stärker auf Europa zu konzentrieren.

Eine kleine Zahl

Die jüngsten Veränderungen auf dem Kokain-Markt geben dem kolumbianischen Präsidenten recht. In den Vereinigten Staaten geht der Kokaingebrauch seit einiger Zeit zurück, und einheimische und ausländische Rauschgiftkriminelle müssen weiterhin drakonische Strafen befürchten. In Westeuropa hingegen nimmt der Kokain-Gebrauch stetig zu, die Strafverfolgung schwerer Rauschgiftdelikte vor allem in strategisch wichtigen Ländern wie Spanien ist, vornehm ausgedrückt, verbesserungswürdig. Mehr als tausend mutmaßliche Rauschgiftkriminelle seien in den vergangenen Jahren an die Vereinigten Staaten ausgeliefert worden, gab Uribe zu bedenken. Die Nachfrage, wie viele Tatverdächtige nach Europa ausgeliefert worden seien, ließ den selten um eine Zahl verlegenen Präsidenten einen Moment innehalten: Sie ist so klein, dass sie sich ihm nicht eingeprägt hat.

Doch ist die Zeit über solche Formen der internationalen Zusammenarbeit vielleicht schon hinweggegangen. Die für eine benevolente Haltung in Fragen der Rauschgiftpolitik bekannte spanische Zeitung „El País“ wusste vor kurzem zu berichten, dass kolumbianische Organisationen den europäischen Markt nicht mehr mit Hilfe galicischer Banden versorgten, sondern das lukrative Geschäft von Spanien aus längst in die eigenen Hände genommen hätten. Die Diskussionen über Wege und Abwege nationaler und internationaler Rauschgiftpolitik in Wien dürften spannend werden.

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