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UN-Kriegsverbrechertribunal : Gericht erlaubt Überstellung von Mladic

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Mladic, dem tausendfacher Mord vorgeworfen wird, war am Donnerstag auf einem Bauernhof im Norden Serbiens gefasst worden. Er wird unter anderem für das Massaker von Srebrenica verantwortlich gemacht. Im Sommer 1995 hatten serbische Soldaten nach der Eroberung der UN-Schutzzone Srebrenica in Bosnien rund 8000 muslimische Männer und Jugendliche ermordet und in Massengräbern verscharrt. Auch die jahrelange Belagerung von Sarajevo und die vielen Toten in der bosnischen Hauptstadt werden dem als „Schlächter von Srebrenica“ bezeichneten Mladic angelastet, ebenso wie „ethnische Säuberungen“ und Greuel in Internierungslagern.

Nach serbischen Presseberichten wurde Mladic bei seiner Festnahme von den Einsatzkräften im Schlaf überrascht. Er sei am Donnerstagmorgen „aus dem Bett heraus verhaftet“ worden. Es habe keine Leibwächter gehab. Auch seien keine modernen Kommunikationsmittel wie Handy oder Laptop gefunden worden.

Versteckt in einem Bauernhaus

Bei dem Haus eines Verwandten im Dorf Lazarevo - eine Autostunde nordwestlich von Belgrad - handele es sich um „ein typisches Bauernhaus“, hieß es in den Presseberichten weiter. Das Gebäude sei in der Vergangenheit von den Sicherheitskräften mehrmals ohne Ergebnis durchsucht worden, Mladic sei erst vor zwei Wochen dort eingetroffen. Zuvor habe er sich in der Umgebung von Belgrad versteckt gehalten.

Serbiens Innenminister Ivica Daic teilte unterdessen mit, Mladic habe sich keine falsche Identität zugelegt. Er habe bei der Festnahme seinen abgelaufenen Originalausweis bei sich gehabt. Verteidigungsminister Dragan Šutanovac wies Mutmaßungen zurück, die Streitkräfte hätten Mladic gedeckt.

Schon früher hatten die Verfolger herausgefunden, dass Mladic seine Verstecke in schneller Folge wechselte. Mladic war nach dem Bosnienkrieg 1995 untergetaucht. Zuletzt war in Serbien ein Kopfgeld von 10 Millionen Euro ausgesetzt, die Vereinigten Staaten hatten zusätzliche 5 Millionen Dollar für seine Ergreifung ausgelobt.

„Bringschuld Serbiens“

Der serbische Präsident Boris Tadic sagte am Donnerstagabend bei einem Treffen mit der EU-Außenbeauftragten Ashton, er erwarte nun schnelle Fortschritte bei der Annäherung seines Landes an die EU: „Unser Ziel ist nicht nur, den Kandidatenstatus zu bekommen, sondern auch ein Datum für den Beginn von Beitrittsgesprächen.“

Dagegen sprach der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, von einer „Bringschuld Serbiens“. Für die Festnahme von Kriegsverbrechern könne das Land keine Gegenleistung erwarten, sagte Ischinger im Deutschlandfunk. Zudem sei die Weigerung Serbiens, sich mit der Kosovo-Frage auseinanderzusetzen, weiterhin ein Hindernis für einen EU-Beitritt.

Nach Ansicht des früheren niederländischen Verteidigungsministers Joris Voorhoeve unternahm die Nato nach dem Bosnien-Krieg zu wenig für eine Verhaftung des Serben-Generals. „Führende Nato-Staaten befürchteten, dass die Popularität von Mladic bei der serbischen Bevölkerung so groß war, dass die Nato-Friedensoperation in Gefahr geraten könnte“, sagte der ehemalige Minister der Zeitung „de Volkskrant“. Zudem hätten die serbischen Regierungen jahrelang die Festnahme Mladics verhindert. „Als Minister wusste ich, dass Mladic vom serbischen Geheimdienst beschützt wird“, sagte Voorhoeve.

Vielen Serben gilt Mladic noch immer als Held - für Sonntag rief etwa die ultranationalistische Radikale Partei zu Protesten gegen seine Festnahme auf.

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