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UN-Konferenz zum Artenschutz : „Wir verlieren unseren Krieg gegen die Natur“

Gutes oder schlechtes Beispiel für den Artenschutz? Eine Elefantenherde, die eine lange Wanderung hinter sich hat, ruht sich im Juni dieses Jahres in der Provinz Yunnan aus Bild: AP

Mehr als eine Million Pflanzen- und Tierarten könnten in den nächsten zehn Jahren aussterben. Wie das noch zu verhindern ist, diskutiert eine virtuelle Konferenz in China. UN-Generalsekretär António Guterres wird deutlich.

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          UN-Generalsekretär António Guterres wählte wie gewohnt aufrüttelnde Worte zum Auftakt der UN-Biodiversitätskonferenz in der südchinesischen Stadt Kunming. „Wir verlieren unseren selbstmörderischen Krieg gegen die Natur“, sagte er. Die Konferenz, die bis Freitag andauert, sei „unsere Chance für einen Waffenstillstand“. Mehr als eine Million Pflanzen- und Tierarten könnten nach seinen Worten in den nächsten zehn Jahren aussterben.

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Das Treffen startete allerdings weit weniger ambitioniert als ursprünglich geplant. Wegen der Pandemie wurde es in zwei Teile aufgeteilt. Die entscheidenden Verhandlungen über ein Rahmenabkommen mit konkreten Zielen für die nächste Dekade wurden auf April und Mai 2022 verschoben. Die Zusammenkunft in dieser Woche findet fast nur virtuell statt.

          Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping sagte am Dienstag in einer Videobotschaft umgerechnet 200 Millionen Euro für Maßnahmen zum Artenschutz in Entwicklungsländern zu. Auf Bedenken stieß, dass China dafür einen eigenen Fonds schaffen will, statt das Geld den für solche Zwecke bestehenden Fonds zur Verfügung zu stellen. Xi Jinping verwies zudem auf den Ausbau von Nationalparks und anderen Schutzgebieten in China. Ihre Fläche von 230.000 Quadratkilometern decke „fast 30 Prozent der an Land lebenden geschützten Arten ab“, sagte er laut Staatsmedien.

          Keines der 20 Ziele von Aichi wurde vollumfänglich erreicht

          Xi bekannte sich damit nicht zu dem von Umweltschutzorganisationen propagierten und von einigen Staaten unterstützten Ziel, 30 Prozent der Land- und Meeresflächen bis zum Jahr 2030 unter Schutz zu stellen. Das war allerdings auch nicht erwartet worden. Bis zu den Vorverhandlungen im Januar in der Schweiz halten viele Staaten sich eher bedeckt. Das breite Themenspektrum umfasst unter anderem die Nutzung von Pestiziden und Instrumente zur Finanzierung artenschutzgerechter Entwicklung.

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          Der Kunming-Prozess bietet China erstmals die Möglichkeit, sich als Gastgeber einer UN-Vertragsstaatenkonferenz zu profilieren. Allerdings dürfte Peking wenig Interesse daran haben, dass unter seiner Präsidentschaft besonders ambitionierte Ziele verabschiedet werden. Denn wenn die Ziele bis 2030 nicht erreicht werden sollten, wäre der Name Kunming mit dem Scheitern verbunden.

          So ist es im Fall der Vorgängerkonferenz im japanischen Aichi, wo ein strategischer Plan für die Jahre 2011 bis 2020 vereinbart wurde. Zum Beispiel: die Ausdehnung der Schutzgebiete zu Lande auf 17 Prozent der Oberfläche und auf 10 Prozent auf See. Keines der 20 Ziele von Aichi wurde vollumfänglich erreicht. In Kunming liegen die Vertragsstaaten mit ihren Vorstellungen noch weit auseinander. Ob es China gelingen wird, sich als Brückenbauer zu betätigen, ist offen. Traditionell setzt sich Peking dafür ein, dass die Mittel für Entwicklungsländer aufgestockt werden. Weniger ambitioniert dürfte es bei der Frage sein, wie strikt die Auflagen für die Berichterstattung der Zielerreichung sind, was aus Sicht mancher Länder eine Frage der Souveränität ist.

          Im April ist ein persönliches Treffen geplant

          Eigentlich sollte die Konferenz von Kunming bereits im vergangenen Jahr stattfinden, bis zu dem der Aktionsplan von Aichi galt. Doch wegen der Pandemie wurde sie verschoben. Der virtuelle Teil in dieser Woche soll sicherstellen, dass der Gesprächsfaden nicht völlig abreist. Von der Abschlusserklärung am Freitag wird wenig Konkretes erwartet. Ohnehin steht das Treffen im Schatten der UN-Klimakonferenz in Glasgow im November. Chinas prominentester Umweltschützer Ma Jun forderte, dass beide Prozesse enger miteinander verzahnt werden müssten, etwa mit Blick auf Feuchtgebiete und Wälder als CO2-Speicher. Im nächsten April sollen die Delegierten dann persönlich nach Kunming kommen, um in harte Verhandlungen zu treten.

          China hat als Tagungsort die Hauptstadt der besonders artenreichen Provinz Yunnan an der Grenze zu Vietnam, Laos und Myanmar ausgewählt. Die Debatte über Biodiversität steht in dem Land noch ganz am Anfang. Das konnte man auch aus der Rede Xi Jinpings herauslesen, in der er als Beleg für die Erfolge Chinas beim Artenschutz die Wanderung einer Herde von Elefanten anführte, die mehrere hundert Kilometer in Richtung Kunming gelaufen war. Damit hatten sie die Herzen der chinesischen Öffentlichkeit gewonnen. Verhaltensforscher wiesen aber darauf hin, dass die Wanderung vermutlich ein Zeichen sei, dass der Lebensraum der Elefanten unter Druck gerät.

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