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Umstrittener Priester Wagner : „Erfreuliche Entspannung“

  • -Aktualisiert am

Gerhard Maria Wagner bleibt Pfarrer Bild: AP

Gegen Harry Potter und Homosexuelle: Mit seinen konservativen Ansichten hat Gerhard Maria Wagner Österreichs Katholiken gespalten. Nun bleibt der umstrittene Pfarrer, was er ist - er bat um die Rücknahme seiner Bestellung zum Linzer Weihbischof.

          Gerhard Maria Wagner gibt sich erleichtert: „Innerlich frei“ sei er, und „aus freien Stücken“ habe er um Rücknahme seiner Bestellung zum Weihbischof der Diözese Linz ersucht, sagte er am Montag im Rundfunk. Er habe „von Anfang an, als ich ernannt wurde, natürlich den Widerstand gespürt“, sagte der Geistliche. Er habe sich oft die Frage gestellt, was er tun solle und was gut sei für die Kirche - und sich dafür „entschieden, den Auftrag an den Papst zurückzugeben“. Damit bleibe er „wie bisher Pfarrer in Windischgarsten“. Dort nennen einige die Kritik an Wagner und dessen Berufung „eine unglaubliche Sauerei“.

          Die politischen Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Während sich Politiker von ÖVP, SPÖ und Grünen „sehr erleichtert“ geben, lässt die „Arbeitsgemeinschaft der Christen in der FPÖ“ verlauten, die Kirche gehe damit „vor einer Jagdgesellschaft aus Linkskatholiken, Agnostikern und Kirchenfeinden in die Knie“. Für auf Veränderung dringende Laien-Organisationen und Geistliche ist hingegen „eine erfreuliche Entspannung“ eingetreten und ein „erster Schritt getan, den Erwartungen des Kirchenvolks Rechnung zu tragen“. Man hoffe nun, dass die österreichischen Bischöfe „gegenüber Rom einen eigenständigeren Kurs einschlagen“.

          Verbindungen bis in den Vatikan

          Auf Einladung des Wiener Erzbischofs Kardinal Schönborn, der Vorsitzender der österreichischen Bischofskonferenz ist, waren die österreichischen Bischöfe am Montag erstmals seit zwanzig Jahren wieder zu einer außerordentlichen Sitzung zusammengetreten. Die Bischöfe erarbeiteten einen gemeinsamen Hirtenbrief, in dem sie den Gläubigen die irritierenden Vorgänge sowohl um Wagners Ernennung als auch um die Rücknahme der Exkommunikation von Lefebvre-Bischöfen zu erklären versuchten.

          Wagner, ein 54 Jahre alte Geistlicher, war außerhalb seiner oberösterreichischen Pfarre zuvor wenig bekannt. Er hatte nach dem Abitur 1972 in Linz und in Rom Philosophie und Theologie studiert und war 1978 in Rom zum Priester geweiht worden. Von 1978 bis 1984 war er Kaplan, danach wurde er für ein weiteres Studium der Dogmatik in Rom freigestellt, das er mit dem Doktorat der Theologie abschloss. Seit dieser Zeit sei er mit dem damaligen Mitstudenten Georg Gänswein bekannt, dem heutigen Privatsekretär des Papstes, heißt es. 1988 übernahm Wagner die Pfarre Windischgarsten. Joseph Ratzinger soll er im Rahmen der „Linzer Initiative“ - einer Vereinigung konservativer Pfarrer um Kurt Krenn, den in Oberösterreich gebürtigen vormaligen Regensburger Theologen und späteren Bischof von St. Pölten - ebenso begegnet sein wie Georg Ratzinger, dem Bruder des Papstes. Georg Ratzinger bestritt indes Vermutungen, wonach er auf Wagners Bestellung Einfluss genommen haben könnte.

          Gegen Harry Potter und Homosexuelle

          Wagner gilt als außerordentlich engagiert. Er unterhält eine Kirchenzeitung, mit der er auch über das Internet Wirkung zu entfalten sucht. Im Jahr 2001 erregte der streitbare Geistliche erstmals außerhalb seiner Gemeinde Aufmerksamkeit. Er rieb sich an Joanne Rowlings „Harry Potter“ und sah darin „Satanismus“ am Werk. 2005 verbindet er die von dem Hurrikan „Katrina“ verursachte Katastrophe damit, dass es „wohl kein Zufall ist, dass in New Orleans alle fünf Abtreibungskliniken sowie Nachtklubs zerstört wurden“. In die gleiche Stoßrichtung zielte Wagners Kommentar zur Tsunami-Katastrophe im Jahr 2004: Vermutlich sei es „kein Zufall, dass die Flutwelle zu Weihnachten aufgetreten ist, wenn Leute aus dem reichen Westen ins arme Thailand flüchten, um dort die Welt zu genießen“. Wagner fragte, ob die „auffallende Häufung von Naturkatastrophen nur eine Folge der Umweltverschmutzung durch den Menschen, oder mehr noch die Folge einer ,geistigen Umweltverschmutzung' ist“.

          Auch nach der Ernennung zum Weihbischof hält sich Wagner nicht zurück: Auf die Frage, ob Homosexualität heilbar sei und Homosexuelle behandelt werden sollten, antwortete er: „Dafür gibt es genügend Beispiele, nur davon spricht man nicht.“ Kritisiert wurde Wagners Ernennung vom Salzburger Erzbischof Alois Kothgasser, noch deutlicher vom Eisenstädter Diözesanbischof Paul Iby. Zuguterletzt lehnten 31 von 35 anwesenden Linzer Dechanten (Leiter von Dekanaten) seine Designierung ab; „liberale“ Pfarrer der Diözese Linz kündigten eine Art „Volksbegehren“ gegen die für den 22. März geplante Weihe Wagners an. In anderen Diözesen drohten Katholiken mit Aus- oder mit Übertritt zu den Lutheranern. All das mag Wagner, der vergangene Woche in Rom war und sich dort sogar bereits für sein neues Amt eingekleidet hatte, dazu bewogen haben, auf das Amt zu verzichten - unmittelbar vor der Krisensitzung derer, die ihn in ihre Mitte hätten aufnehmen sollen.

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