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Umstrittene Papst-Rede : Türkische Nachdenklichkeit

Ali Bardakoglu Bild: AP

In der Türkei wird über die Regensburger Papst-Rede unaufgeregt debattiert. Bardakoglu, der Leiter der staatlichen Religionsbehörde, hatte dem Papst eine Kreuzfahrer-Mentalität unterstellt. Nun steht er selbst in der Kritik.

          Einige türkische Fernsehsender haben zwar Szenen aus dem Treffen von Papst Benedikt XVI. mit den Botschaftern von 17 islamischen Ländern gezeigt. In der türkischen Öffentlichkeit ist aber die Regensburger Rede des Oberhaupts der römisch-katholischen Kirche nur noch am Rande ein Thema.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Dabei waren die ersten Reaktionen aus der Türkei sehr schroff ausgefallen. Am schärfsten hatte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der regierenden AKP, Salih Kapusuz, reagiert. Wer die Fakten kenne, sie aber verdrehe, der begehe Verrat und gehe in der Geschichte in der gleichen Kategorie ein wie Hitler und Mussolini, sagte Kapusuz.

          „Hindernis für den Dialog“

          Ministerpräsident Erdogan fand die Passage der Rede mit dem mittelalterlichen Zitat „häßlich“ und erwartete als Voraussetzung für alles weitere eine Entschuldigung. Wie meist teilten sich Erdogan und sein Außenminister Gül die Arbeit: Gül dämpfte wieder einmal die Stimmung. Er bedauerte lediglich den Schaden für den interreligiösen Dialog und versicherte, selbstverständlich bestehe die Einladung an den Papst für den Staatsbesuch Ende November weiter.

          Ohnehin verlief die Diskussion viel unaufgeregter und differenzierter, als die ersten Äußerungen erwarten ließen. Zwar fürchtet Ahmet Hakan, vielbeachteter Kolumnist im Massenblatt „Hürriyet“, Benedikt XVI. habe mit seiner Rede die Axt an den interreligiösen Dialog gelegt. Und der einflußreiche Prediger Fethullah Gülen, dem Hakan nahesteht, erklärte, die „bedauernswerten Äußerungen“ des Papstes zeigten doch, wie wichtig gerade heute der Dialog sei.

          Ausführlich stellte Gülens Tageszeitung „Zaman“ das Buch vor, aus dem Benedikt zitiert hatte (siehe dazu auch: Buchvorstellung: Glaube zwischen „Seele“ und „Gesetz“). Sie faßte nicht bloß das siebente Kapitel mit dem umstrittenen Zitat zusammen, sondern alle neun. Auch zitierte sie den Herausgeber Adel-Theodore Khoury mit den Worten, gerade die entnommene Passage sei ein „Hindernis für den Dialog“.

          „Zaman“: Rede ohne Kenntnis verurteilt

          „Zaman“ warf dem Papst vor, nicht den ganzen Dialog zwischen dem byzantinischen Kaiser Manuel II. und dem islamischen Theologen zur Kenntnis genommen zu haben. Doch ebenso mußte sich der Leiter der staatlichen Religionsbehörde, Ali Bardakoglu, in den türkischen Medien über Tage den Vorwurf anhören, er habe die Regensburger Rede verurteilt, ohne sie gelesen zu haben. Bardakoglu war in der gesamten islamischen Welt der erste, der auf die Rede reagierte. Er hatte dem Papst eine Kreuzfahrermentalität unterstellt, und sah am nahen Horizont düster ein Ende jeglichen Dialogs heraufziehen.

          Nicht wenige Türken schüttelten verstört den Kopf und fragten, wie der Chefredakteur der liberalen Qualitätszeitung „Radikal“, Ismet Berkan, wo denn die gescheiten Theologen der Türkei seien, die dem Papst intellektuell angemessen antworteten. Innerhalb der muslimischen Welt könne eine solche Antwort ja nur aus der Türkei komme, die dem Westen von allen muslimischen Ländern am nächsten sei. Statt dessen aber habe Bardakoglu „emotional“ reagiert.

          „Hürriyet“ gibt Papst recht

          Berkan reibt sich an Bardakoglu, aber auch an Benedikt. Nach katholischem Dogma könne ein Papst doch keine Fehler begehen und keine Sünden, klärt er mit ironischem Unterton seine Leser auf. Dabei hätte der Papst wissen müssen, daß der bedrängte byzantinische Kaiser Manuel II. bei seiner Aussage über die Unvereinbarkeit von Glaube und Gewalt nicht nur die osmanische Armee im Sinne hatte, sondern auch die Heere der Kreuzfahrer, die - etwa 1204 bei der Plünderung von Konstantinopel - die orthodoxen Christen nicht mit der Vernunft, sondern mit dem Schwert auf den rechten römischen Glauben hätten zurückbringen wollen.

          Nicht wenige Publizisten geben Benedikt XVI. indes recht. So erinnert Hadi Uluengin in „Hürriyet“ an Bin Ladin und Zarqawi, an die Todesfatwa für Salman Rushdi, an die Ermordung von Nonnen in Algerien und im Senegal, an die Taliban und an Zwang, mit dem junge Mädchen in den Vororten europäischer Großstädte unter den Schleier gebracht werden. „Das alles soll mit der Logik der großen islamischen Denker Ibn Ruschd und Farabi vereinbar sein?“, fragt er bitter.

          In der Nuntiatur von Ankara und ihrer Zweigstelle in Istanbul gehen unterdessen die Planungen für den Besuch des Papstes vom 28. bis 30. November weiter. Als Staatsoberhaupt wird er seinen Staatsbesuch in Ankara beginnen, wo er auch im Grabmal Atatürks einen Kranz niederlegen soll. In Istanbul will ihn der Ökumenische Patriarch Bartholomäus I. am Flughafen begrüßen. Theologisch ist der Besuch im Ökumenischen Patriarchat deshalb wichtig, weil der Nachfolger Petri dann Gast in jener Kirche sein wird, die sich auf den Jünger Andreas zurückführt. Der hatte als Erstberufener Petrus zu Jesus geführt.

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