https://www.faz.net/-gpf-6yzml

Umberto Bossis Rücktritt : Der Vater auch nur ein Vetter?

  • -Aktualisiert am

Für viele Lega-Politiker hat das Ende der Ära Bossi schon vor vielen Jahren begonnen. Trevisos langjähriger Bürgermeister Giancarlo Gentilini, der sich als „Sheriff“ seiner Stadt feiern lässt, sagte dieser Zeitung, es sei schon falsch gewesen, dass die Partei 1994 nach Rom gegangen sei. Damals war die Lega zum ersten Mal mit Berlusconi eine Koalition eingegangen. Der mehr als 80 Jahre alte Gentilini, der sich wegen Rassismus und Volksverhetzung verteidigen musste und bis heute Fotos Mussolinis in seinem Büro hat, sagt, die Lega stehe für eine authentische Basis-Bewegung. „Ich muss als Bürgermeister tun, was meine Bürger wollen. Das verlangt pragmatische Politik für die Stadt. Für mehr steht die Lega nicht.“ Er sei auch nicht grundsätzlich gegen Einwanderer, sondern wolle, dass jeder Einwanderer, „der Brot und Wohnung hat, sich auch integrieren kann“. Auch die Ideologie von „Padanien“ oder einer Sezession von Italien, wie sie Bossi vertrete, werde von der Mehrheit der Bürger in Norditalien nicht gutgeheißen.

Die „Mafiamethoden“ der Lega

Giuseppe Covre ist 62 Jahre alt und war für die Lega Bürgermeister von Oderzo im Norden der Provinz Treviso, in der die Lega lange Jahre die stärkste Partei war; heute ist er Unternehmer. Dieser Zeitung sagte er, Bossi hätte sich schon nach seinem Herzinfarkt im März 2004 aus der Politik zurückziehen sollen. Seither kann Bossi tatsächlich nur noch schlecht reden. Aber er drängte ins Zentrum der Partei zurück und sammelte Leute um sich, die, so Covre, „nicht nach Qualität, sondern nach Artigkeit“ ausgesucht wurden. „Schmeichler hatten das Sagen“, bekräftigt Covre. Die Meinungsfreiheit sei kein großes Gut mehr gewesen. Es habe das „Führerprinzip“ geherrscht, und die Partei habe aus Pietät alle Sonderbarkeiten Bossis mitgetragen. „Nun muss die Lega dafür zahlen. Wir wollten nach dem Untergang der Christdemokraten und der alten sozialistischen Partei in den Schmiergeldprozessen 1982 eine ganz neue Politik machen. Nun haben wir unsere Unschuld verloren,“ sagt Covre.

Die 1957 geborene Fraktionsvorsitzende der Demokratischen Partei (PD) im Regionalrat des Veneto, Laura Pupatto, gehört nicht der Lega an. Sie war über viele Jahre Bürgermeisterin von Montebelluna. Weil sich dort etliche Hersteller von Sportkleidung ansiedelten, die ihre Produkte in alle Welt verkaufen, ist der Ort in der Provinz Treviso die reichste Stadt Italiens. Frau Pupatto berichtet, wie die Lega „mit Mafiamethoden“ versucht habe, sie aus ihrem Amt zu drängen, weil die überzeugte Sozialdemokratin nicht Teil der ihrer Ansicht nach „rassistischen“ Partei werden wollte. „Die wollten jeden, der Erfolg hatte, und sie überzogen das Land mit ihrem Netz wie die Mafia“, sagt Frau Pupatto. Ihre Partei PD werde bei den kommenden Regionalwahlen aber nicht besser abschneiden, nur weil die Lega schwach sei. „Wegen des Versagens der Lega und des PdL, die über eine satte Mehrheit im Parlament von Rom verfügten, kam Ministerpräsident Mario Monti an die Macht.“ Nun gebe es „allgemein kein Vertrauen mehr in die Parteien“.

Viele sprachen stets von einem Geheimabkommen zwischen Bossi und Berlusconi. „Das war kein Bündnis aus Überzeugung“, sagt auch Frau Pupatto. „Das waren letztlich Feinde, die nur zusammenhielten, weil sie sich nicht besiegen konnten.“ Berlusconi trägt nun die Monti-Regierung mit, während sich Bossi auf Totalopposition schaltete. Das kritisieren Regionalpolitiker wie Gentilini und Covre. Aber auch Maroni setzt sich für eine „pragmatische Politik“ ein.

„Der Vater der Bewegung ist weg“, resümiert der Publizist und Lega-Fachmann Renzo Guolo in Treviso. Bossi habe Ideologien vertreten, die in der Region „längst nicht so beheimatet sind, wie Bossi glaubte“. Es gebe Misstrauen gegenüber Ausländern, niemand habe aber Angst vor ihnen oder begegnen ihnen mit Feindschaft. Auch ein Bürgermeister wie Gentilini in Treviso arbeite mit Ausländerorganisationen zusammen. Die Stärke der Partei liege in ihrem Netz von Bürgermeistern. „Die werden nun ihren Anspruch auf die Mitgestaltung in der Parteipolitik geltend machen“, sagt Guolo.

Weitere Themen

Suche nach der Mitte

Buttigieg in Iowa vorn : Suche nach der Mitte

Pete Buttigieg liegt in den Umfragen zur demokratischen Vorwahl in Iowa erstmals vorn. Ist er der Hoffnungsträger für die Zentristen oder nur der Aufreger des Monats? In jedem Fall verfügt er über ein gut gefülltes Konto.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.