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Abschuss durch Iran : Ukrainisches Flugzeug von zwei Raketen getroffen

  • Aktualisiert am

Trümmerteile des abgeschossenen ukrainischen Flugzeuges am 8. Januar südwestlich von Teheran Bild: AP

Das von Iran abgeschossene ukrainische Flugzeug ist offenbar nicht nur von einem Geschoss getroffen worden – das legt ein Video nahe. Präsident Rohani kündigt derweil die Aufarbeitung des Abschusses an und fordert, „Rechenschaft abzulegen“.

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          Nach dem Abschuss eines ukrainischen Flugzeugs mit 176 Menschen an Bord nahe Teheran soll ein weiteres Video nun zeigen, dass die Maschine von zwei iranischen Raketen getroffen wurde. Das berichteten die „New York Times“ und das „Wall Street Journal“ am Dienstag. Beide Blätter gaben unabhängig voneinander an, das Video verifiziert zu haben.

          Auf den verschwommenen Aufnahmen ist demnach zu sehen, wie zwei Geschosse im Abstand von 20 bis 30 Sekunden das Flugzeug treffen. Den Berichten zufolge wurden diese aus knapp 13 Kilometern Entfernung von einem iranischen Militärstützpunkt abgefeuert.

          Der „New York Times“ zufolge soll das neue Video vom Dach eines Gebäudes im Dorf Bidkaneh gut sechs Kilometer von dem iranischen Militärstützpunkt entfernt aufgenommen worden sein. Es sei in der Nacht zum Dienstag von einem iranischen Nutzer bei Youtube hochgeladen worden.

          Das ukrainische Flugzeug war am 8. Januar inmitten der militärischen Konfrontation mit den Vereinigten Staaten nach iranischen Angaben irrtümlich abgeschossen worden. Zunächst hatten Irans Behörden tagelang von einem technischen Defekt gesprochen. Am Samstag hatte Iran dann eingestanden, für den Absturz des Passagierflugzeugs mit 176 Opfern verantwortlich zu sein.

          Das neue Video könnte den Berichten zufolge auch eine Erklärung dafür liefern, warum das Kommunikationssystem des Flugzeugs nicht funktioniert habe, bevor die Maschine von der zweiten Rakete getroffen wurde. Möglicherweise habe die erste Rakete das System außer Betrieb gesetzt, bevor das Flugzeug ein zweites Mal getroffen worden sei. Keine der beiden Raketen habe die Maschine sofort zum Absturz gebracht. Vielmehr habe sie Feuer gefangen und sei zunächst in Richtung des Flughafen zurückgesteuert, bevor sie explodiert und abgestürzt sei.

          Unterdessen hat Iran mit der Ankündigung eines Sondergerichts und ersten Festnahmen die Aufarbeitung des Abschusses begonnen. Präsident Hassan Rohani forderte am Dienstag in einer vom Staatsfernsehen direkt übertragenen Rede die Schaffung eines Sondergerichts, vor das die Verantwortlichen des Abschusses gestellt werden sollten. Er war von den Revolutionswächtern erst am Freitag über den Abschuss durch die eigene Luftabwehr informiert worden. Rohani regte an, das Gericht mit „ranghohen Richtern und mit Dutzenden Fachleuten“ zu besetzen. Auch wenn die amerikanische Iran-Politik dem Fehler vorausgegangen und damit die eigentliche Ursache für den Abschuss gewesen sei, dürften sich die Verantwortlichen in Iran nicht ihrer Verantwortung entziehen.

          Rohani sagte in seiner Rede, die ganze Welt blicke nach Iran. Man müsse nun Rechenschaft ablegen. Außerdem richtete sich der Präsident an die iranische Nation. Die wütenden Proteste der vergangenen Tage hatten sich stets gegen Revolutionsführer Ali Chamenei und gegen die Revolutionswächter, die den Abschuss und die zunächst versuchte Vertuschung zu verantworten haben, gerichtet. Nie wurde jedoch Rohani zum Rücktritt aufgefordert. Schließlich hat die gewählte Regierung gegenüber den Institutionen der Revolution wenig zu sagen. Nun versuchte sich Rohani vor dem iranischen Volk an Schadensbegrenzung und der Wiederherstellung verlorener Glaubwürdigkeit. Es sei wichtig, dass „jeder, der in irgendeiner Art falsch oder fahrlässig gehandelt hat“, zur Verantwortung gezogen werde, sagte er.

          Dabei dürfte entscheidend werden, wie transparent das Sondergericht tagen und wer aus den Reihen der Revolutionswächter zur Rechenschaft gezogen wird. Irritiert hat am Dienstag eine Stellungnahme der Teheraner Universität. Darin hieß es, dass letztlich amerikanische Cyber-Angriffe die iranische Luftabwehr lahmgelegt und beeinträchtigt hätten. Erstmals meldete sich am Dienstag auch die iranische Justiz zu Wort. Sie untersteht nicht der Regierung, sondern Revolutionsführer Chamenei. Ihr Sprecher Gholamhossein Esmaili gab bekannt, es habe bereits „umfassende Ermittlungen“ zu dem Flugzeugabschuss gegeben sowie eine Reihe von Festnahmen. Die Festgenommenen würden bereits verhört.

          Esmaili nannte die Zahl von dreißig Personen, die bei den regimekritischen Kundgebungen der vergangenen Tage festgenommen worden seien. Ihnen wie auch dem britischen Botschafter in Teheran, Robert Macaire, wird die Teilnahme an illegalen Versammlungen vorgeworfen. Macaire habe gegen Artikel 41 des Wiener Übereinkommens über diplomatische Beziehungen verstoßen. Dieses verpflichtet Diplomaten, sich nicht in die inneren Angelegenheiten eines Landes einzumischen. Das habe er aber getan, als er sich am Samstag an einer Kundgebung vor der Amirkabir-Universität in der Nähe der britischen Botschaft beteiligt und dabei die Demonstranten angestachelt habe, sagte Esmaili. Daher habe nicht Iran gegen die Wiener Übereinkunft verstoßen, als man den Botschafter eine Stunde lang befragt habe, sondern Macaire, und der müsste daher des Landes verwiesen werden. Dieser wiederum bestreitet die Vorwürfe und sagt, er habe lediglich wenige Minuten an einer stillen Mahnwache für die Opfer gestanden.

          Bei einem Treffen mit dem syrischen Ministerpräsidenten Imad Chamis hat Rohani am Dienstag seine Forderung wiederholt, dass sich alle fremden Truppen aus der Region zurückziehen sollten. Der iranische Verteidigungsminister General Amir Hatami hat seinem syrischen Amtskollegen General Ali Abdullah Ayyub jedoch versichert, Iran werde Syrien unverändert unterstützen, berichteten iranische Nachrichtenagenturen. Zuletzt war bekanntgeworden, dass Iran die aus afghanischen Söldnern bestehende Miliz Liwa Fatemiyun möglicherweise aus finanziellen Gründen aus Syrien abgezogen hat.

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