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Arkadi Babtschenko : Angeblich getöteter russischer Journalist lebt

Verwirrung um totgeglaubten Journalisten: Arkadi Babtschenko, der am Mittwoch an einer Pressekonferenz des ukrainischen Geheimdienstes teilgenommen haben soll. Bild: AFP

Der angebliche Mord an dem Putin-kritischen Journalisten Babtschenko hat international für Empörung gesorgt. Doch die Tat war eine Finte des ukrainischen Geheimdienstes – um tatsächliche Anschlagspläne zu enttarnen.

          Die angebliche Ermordung des weltbekannten russischen Kriegsreporters und Putin-Kritikers Arkadi Babtschenko, über die seit Dienstagabend berichtet wurde, war ein Täuschungsmanöver des ukrainischen Geheimdiensts SBU. Knapp 24 Stunden nach der Tat luden die Behörden in Kiew zu einer Pressekonferenz ein. Dort kündigten SBU-Chef Wasyl Hryzak und Generalstaatsanwalt Juri Luzenko den verblüfften Journalisten an, gleich würden sie ihnen den „toten“ Babtschenko vorstellen. Als dieser tatsächlich den Raum betrat, war der Raum voll von erleichterten „Oh“- und „Ah“-Lauten.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Der angebliche Mord an Babtschenko hatte zuvor weltweit Bestürzung ausgelöst. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der zu einem Staatsbesuch in der Ukraine war, äußerte sich erschüttert. Der 41 Jahre alte Journalist wurde – so die erste Version – in der Nähe seiner Wohnung von mehreren Schüssen von hinten getroffen; seine Frau habe ihn entdeckt, hieß es. Die Polizei sprach von einem professionellen „Killer“, vermutete die „berufliche Tätigkeit“ des Opfers als Mordmotiv und veröffentlichte ein Phantombild des vermeintlichen Täters.

          Haben russische Geheimdienste einen Mörder angeworben?

          Und dann die Pressekonferenz, die vom Internetsender hromadske.ua live übertragen wurde: Luzenko und Babtschenko, in einen sportlichen Pullover gekleidet und guter Stimmung, schilderten, die Sicherheitskräfte hätten vor einiger Zeit Wind bekommen von einem Mordauftrag, der sich gegen den Journalisten gerichtet habe. Babtschenko sagte, er sei „vor einem Monat“ in die Überwachungsmaßnahmen der Sicherheitskräfte eingeweiht worden. „In diesem Monat habe ich gesehen, wie die Jungs arbeiten, wie eifrig sie sind. Den ganzen Monat über waren wir im Kontakt, haben wir nachgedacht, gearbeitet, gehandelt. Und das Ergebnis war dieser Spezialeinsatz“, sagte er.

          Auf Nachfragen, warum man nicht früher eingegriffen habe, antwortete der Generalstaatsanwalt, Ziel der Geheimdienstaktion sei es gewesen, „das Verbrechen zu verhindern, die Schuld des Auftragnehmers zu dokumentieren und die Auftraggeber zu ermitteln.“

          Nach Angaben des SBU-Chefs hatten die russischen Geheimdienste einen Ukrainer angeworben mit dem Ziel, Babtschenko zu beseitigen. Dieser Ukrainer habe von russischer Seite 10.000 Dollar erhalten, den Auftrag an einen Bekannten mit Kriegserfahrung in der Ostukraine weitergegeben und ihm sogar 30.000 Dollar versprochen. Der Organisator sei erst einige Stunden nach dem „Mord“ festgenommen worden. Er habe geplant, über ein Drittland nach Russland auszureisen, und bereits die Fahrkarte gekauft. Ihm soll jetzt der Prozess gemacht werden.

          SBU-Chef Hryzak sagte, der aufgedeckte Mordplan sei Teil einer großen Operation russischer Geheimdienste gegen regierungskritische Russen gewesen, insbesondere gegen Journalisten und Blogger. In den vergangenen Jahren haben sich mehrfach Journalisten, die über Einschränkungen ihrer Arbeitsmöglichkeiten in Russland klagten, in der Ukraine niedergelassen und für dortige Medien gearbeitet, so auch Babtschenko.

          Der Reporter dankte dem Geheimdienst, „dass er mir das Leben gerettet hat“, und entschuldigte sich bei seiner Frau und der Öffentlichkeit für die Falschmeldung von seiner Ermordung.

          Russland wertet Aktion als Provokation

          Der vermeintliche Tod des prominenten Kreml-Kritikers hatte weltweit Trauer und Empörung ausgelöst. Vor allem in der Ukraine und in Russland war der Mord seit Dienstagabend ein großes Thema. Die Regierung in Kiew machte Moskau dafür verantwortlich. Der ukrainische Außenminister Pawlo Klimkin sagte in einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats, es gebe „schwerwiegende Argumente“ für die Auffassung, dass Russland „Terrorakte und politische Morde“ verüben lasse, um die Ukraine zu destabilisieren.

          Journalisten in Kiew riefen die Bürger dazu auf, ihnen Videoaufnahmen von Dashcam-Kameras zur Verfügung zu stellen, um auch eigenständig ermitteln zu können. Der OSZE-Beauftragte für Medienfreiheit, Harlem Désir, verurteilte den Anschlag und machte sich auf den Weg nach Kiew.

          Russland wies die Vorwürfe der ukrainischen Regierung zurück. Die russischen Staatsmedien verfuhren derweil nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“. Schon wenige Stunden nach dem Mord im Nachbarland hatten zahlreiche russische Institutionen die ukrainischen Ermittler aufgefordert, eine „objektive“ Untersuchung dieses „Mordes an einem russischen Bürger“ einzuleiten.

          Nach der Pressekonferenz des ukrainischen Geheimdienstes und der Aufklärung des Spezialeinsatzes sagte der russische Senator und Außenpolitiker Konstantin Kossatschow in einer ersten Reaktion: „Ich bedauere, dass Babtschenko an dieser Provokation der ukrainischen Geheimdienste teilgenommen hat.“ Maria Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, kritisierte den fingierten Morde in einer Facebook-Nachricht als offensichtliche Propagandaaktion. „Dass Babtschenko lebt, ist die beste Nachricht“, schrieb sie. Der Kreml lehnte eine Stellungnahme zunächst ab.

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