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Ukrainische Separatistenführer : Männer mit viel Erfahrung

Politische und militärische Führung der Separatisten: Igor Girkin (Strelkow) und Aleksandr Borodaj am 10. Juli in Donezk Bild: picture alliance / AA

Die Separatistenführer in der Ostukraine sind sich nicht immer einig. Aber sie haben Gemeinsamkeiten: Sie kommen aus Russland, stehen nicht zum ersten Mal im Krieg und haben mutmaßlich Verbindungen zum Sicherheitsapparat in Moskau.

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          Mitte April veröffentlichte die nationalistische russische Zeitung „Sawtra“ ein Gespräch mit ihrem langjährigen Mitarbeiter Aleksandr Borodaj über die Lage in der Südostukraine. Dort gebe es noch keinen klaren Anführer der separatistischen Bewegung, sagte Borodaj damals: „Aber ich denke, sehr bald wird sich ein solcher Führer zeigen.“ Einen Monat später erklärte sich Borodaj zum „Ministerpräsidenten“ der „Volksrepublik Donezk“. Seine Ankündigung ist trotzdem nur zum Teil wahr geworden: Es gibt nicht einen, sondern mehrere Führer, die ihre eigenen Gefolgsleute haben und in Konkurrenz zueinander stehen.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Borodaj ist ohne Zweifel einer der wichtigsten von ihnen, doch den Anspruch, das Kommando über die Separatisten zu haben, kann am ehesten ein Mann erheben, mit dem er seit Mitte der neunziger Jahre befreundet ist: Igor Girkin, der zum Helden russischer Nationalisten geworden ist, seit er Mitte April unter dem Kampfnamen Strelkow mit der Besetzung des Städtchens Slawjansk den bewaffneten Aufstand gegen die ukrainische Regierung begonnen hat. Strelkow bezeichnet sich als „Verteidigungsminister“ der Separatisten und erhebt den Anspruch, dass sich ihm alle anderen Kommandeure unterzuordnen haben. Strelkow bildet mit Borodaj ein Gespann, das nach und nach jene einheimischen Aktivisten aus marginalen prorussischen Organisationen verdrängt hat, die im März und April die ersten Demonstrationen Besetzungen öffentlicher Gebäude organisiert haben.

          Beide Männer kommen aus Moskau und haben ihre ersten Kriegserfahrungen 1992 gemacht, als sie als Freiwillige auf Seiten der russischen Separatisten in dem von der Republik Moldau abtrünnigen Transnistrien kämpften. Damals sind sie sich nach eigenen Aussagen aber noch nicht begegnet. Strelkow hat seither vom Krieg nicht mehr gelassen: Er kämpfte, wie er sagt, auf serbischer Seite im Bosnienkrieg sowie in den beiden Tschetschenienkriegen. Borodaj dagegen arbeitete vor allem als Journalist, PR-Berater und Polittechnologe – so werden im postsowjetischen Raum die Organisatoren politischer Kampagnen und Wahlkämpfe bezeichnet.

          Vergangenheit im FSB

          Donezk ist für beide die zweite Station im Ukraine-Konflikt: Zuvor waren sie im Februar und März auf der Krim – Borodaj als Berater des jetzigen Regierungschefs der Halbinsel, Sergej Aksjonow, Strelkow als einer jener Männer, die militärische Besetzung der Krim organisierten. Im Donezker Gebiet tauchten beide Mitte April auf. Noch bevor beide selbst öffentlich aufgetreten waren, veröffentlichte der ukrainische Geheimdienst SBU ein Telefonat zwischen Borodaj und Strelkow, in dem sie über einen Hinterhalt sprachen, in dem die Separatisten bei Slawjansk mehrere ukrainische Offiziere getötet haben.

          Die ukrainische Regierung behauptete damals, Strelkow sei Offizier des russischen Militärgeheimdienstes GRU – was dieser aber bestreitet. Nach seinen eigenen Aussagen stand er bis März vergangenen Jahres vielmehr in Diensten des Geheimdienstes FSB, aus dem er im Range eines Obersten ausschied. Eine Station im FSB hatte vermutlich auch Borodaj – jedenfalls geht das aus einer Meldung der Internet-Zeitung pravda.ru (einem Rechtsnachfolger des einstigen sowjetischen Parteiorgans) vom Februar 2002 hervor: Unter Berufung auf eine Quelle im Kreml wurde damals berichtet, Borodaj sei zum stellvertretenden Direktor ernannt worden, mit der Aufgabe „besonders delikate Operationen des FSB auf dem politischen Feld“ zu organisieren.

          Mitte Juli ist ein weiterer Mann mit Geheimdiensterfahrung aus Moskau nach Donezk gekommen: Wladimir Antjufejew, der von 1991 bis 2012 Geheimdienstchef der international nicht anerkannten, aber von Moskau unterstützten „Republik Transnistrien“ war. In Donezk ist er nun als Stellvertreter Borodajs für Sicherheitsfragen zuständig. Laut der Zeitung „Moskowskij Komsomolez“ kennt der 1951 in Sibirien geborene Antjufejew sowohl Strelkow als auch Borodaj seit deren Zeit in Transnistrien. Gegen Antjufejew besteht ein internationaler Haftbefehl: Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft in Riga ist er für die Tötung von Teilnehmern der lettischen Unabhängigkeitsbewegung 1991 verantwortlich. Antjufejew leugnet das nicht, stellt es aber anders dar: Er habe „aktiv am Widerstand gegen den entstehenden Nationalfaschismus“ teilgenommen.

          In russischen Medien wird darauf verwiesen, dass die Schaffung quasistaatlicher Strukturen in Transnistrien nach dem Waffenstillstand 1992 maßgeblich Antjufejews Werk gewesen sei; zudem habe er dazu beigetragen, dass die 2003 recht weit gediehenen Verhandlungen über eine Lösung des Transnistrien-Konflikts letztlich gescheitert seien. Manche Beobachter sehen darin einen Hinweis darauf, dass der Kreml in der Ostukraine eine ähnliche Konstellation wie in Transnistrien anstreben könnte.

          Interne Konflikte eskalierten

          Antjufejews Ernennung geht einher mit einer teilweisen Entmachtung eines der wenigen einheimischen Anführer der Separatisten, des einstigen ukrainischen Geheimdienstoffiziers Aleksandr Chodakowskij, der bis dahin „Sicherheitsminister“ der „Volksrepublik Donezk“ war. Während der Proteste in Kiew war Chodakowskij nach eigenen Aussagen an den gewaltsamen Auseinandersetzungen mit den Demonstranten beteiligt. Seine Einheit sollte, wie er in mehreren Interviews sagte, am 19. Februar das Gewerkschaftshaus am Majdan stürmen, in dem die Demokratiebewegung ihr Hauptquartier hatte – damit begannen die blutigsten Tage der ukrainischen Revolution.

          Zwischen Chodakowskij und Strelkow soll es immer wieder Konflikte gegeben haben, die vor zwei Wochen so weit eskalierten, dass sich laut Berichten separatistischer Medien Chodakowskij mit seinen Kämpfern am Stadtrand von Donezk verbarrikadierte. Hintergrund sind Gerüchte, Chodakowskij solle die Interessen des ukrainischen Oligarchen Rinat Achmetow bei den Separatisten vertreten, der bis zum Sturz Präsident Janukowitschs im Februar der eigentliche Herrscher über Donezk war. Aussagen darüber, ob das Donezker Gebiet Teil der Ukraine bleiben, selbständig werden oder sich Russland anschließen solle, meidet Chodakowskij sorgfältig.

          Zum vollständigen Bruch mit Strelkow ist es aber offenbar noch nicht gekommen – doch brachte Chodakowskij die Separatisten am Mittwoch durch ein Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters in Schwierigkeiten. Laut Reuters sagte er, die Separatisten hätten Raketen des Typs „Buk“ besessen – also jenes Waffensystem, mit dem am Donnerstag vergangener Woche vermutlich das malaysische Flugzeug über der Ostukraine abgeschossen wurde. Gegenüber russischen Medien bestritt Chodakowskij diese Äußerungen am Donnerstag.

          Der „Dämon“ wurde für seinen Krim-Einsatz geehrt

          Im Konflikt mit Strelkow soll auch ein weiterer Kommandeur der Separatisten stehen, der als besonders grausam geltende Igor Besler, dessen Kampfname „Bes“ („Dämon“) lautet. Wenn die vom ukrainischen Geheimdienst vergangene Woche veröffentlichten Gespräche über Flug MH 17 authentisch sind, haben vermutlich seine Leute das Passagierflugzeug abgeschossen. Bekannt wurde Besler durch ein auf Youtube veröffentlichtes Video, auf dem die Hinrichtung Gefangener simuliert wurde. Gegenüber russischen Journalisten sagte er später, das habe der Demoralisierung des Feindes gedient. Der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Ria Nowosti sagte „Bes“ vergangene Woche: „Bei uns gilt das Gesetz: Nazis nehmen wir nicht als Gefangene.“

          Auch Besler, der auf der Krim geboren wurde, war schon an deren Anschluss an Russland beteiligt, wofür er nach eigenen Aussagen vom russischen Präsidenten Putin einen Orden erhalten hat. Er soll daran beteiligt gewesen sein, den heutigen ukrainischen Präsidenten Poroschenko, der als Unterhändler nach Simferopol gekommen war, aus der Stadt zu vertreiben: „Hätte ich gewusst, dass es der künftige Präsident ist, hätte ich ihn umgebracht“, sagte Besler Ria Nowosti. Er ist russischer Staatsbürger und hat in Spezialeinheiten der russischen Streitkräfte gedient, bevor er sich 2003 in der Ostukraine niederließ.

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